Ferne Nähe

Rudolf Steiner im gedanklichen Dialog mit Philosophien von Friedrich Nietzsche bis Hannah Arendt – Rezension von Philip Kovces Buch ‹Selbstlos selbst denken. Variationen über ein Thema von Rudolf Steiner›


‹Selbstlos selbst denken› – diese Denkfigur ist nicht ganz einfach, aber sie hat eine große Entwicklungsbedeutung: Gerade eine Entwicklung, die ins Offene geht, die sich für die Welt und die Mitmenschen interessiert, bedarf eines starken Zentrums, sie braucht einen Pol der Bewusstheit und des Selbst-Denkens, den man das ‹Ich› nennen kann. Eine Selbstlosigkeit ohne diesen inneren Pol wäre ein schein-altruistisches Zerfließen, wie es zum Beispiel im therapeutischen Bereich als ‹Helfersyndrom› beschrieben wird. Umgekehrt ist übrigens auch eine Ich-Betonung, wenn sie nicht balanciert ist, eine fragwürdige Sache. Manche Anthroposophen sind verzückt von Rudolf Steiners Individualismus, sehen aber kaum, dass dieser Individualismus eine tief soziale Tönung und Finalität hat. Es gehe um eine «selbstreiche Selbstlosigkeit», eine Haltung «jenseits von Egoismus und Altruismus», so Philip Kovce, Co-Leiter des Rudolf Steiner Archivs und zugleich Moderator einer politisch-philosophischen Gesprächsreihe im Basler Kultur- und Kaffeehaus Unternehmen Mitte.

Kovce umkreist sein Thema in drei Variationen. Die erste und dritte bringen Steiner in einen posthumen philosophischen Dialog, zum einen mit Friedrich Nietzsche, zum anderen mit Hannah Arendt. Das mittlere Stück behandelt das Ich-Du-Motiv am Thema Freundschaft, insbesondere an einem denkbar großen Exempel, der Freundschaft zwischen Goethe und Schiller; in diesem Teil fällt der Name Steiner nicht. Nr. 1 und 3 erschienen zuerst in der Zeitschrift ‹die Drei›, Nr. 2 geht zurück auf einen Radioessay.

Ausgangspunkt des Nietzsche-Kapitels ist die Erschütterung des traditionellen Wahrheitsbegriffs durch die neuere Philosophie. Ein geistiges Beben löste schon Kant aus, als er das unaufhebbar Subjekthafte aller Erkenntnis betonte; und dann eben Nietzsche, der mit untrüglichem Gespür die Absichten hinter den sogenannten ‹Wahrheiten› freilegte, deren instrumentelle Seite. Mit Recht akzentuiert Kovce, wie sehr der Steiner der 1890er-Jahre Nietzsches Impetus teilte, mit den Verlogenheiten der Tradition, insbesondere des Christentums, aufzuräumen; fromme Anthroposophen hörten das später nicht mehr so gern. Es spricht also einiges für Kovces Aussage, dass «nicht nur Goethe, sondern auch Nietzsche den Boden für die Philosophie der Freiheit bereitet hat». Andererseits ist zu bedenken, dass deren zentrale Motive lange vor der Nietzsche-Lektüre angelegt waren und auch bei Steiner in eine ganz andere Perspektive gestellt werden. Man kann ihn verstehen, wenn er sich gewünscht hätte, dass der bereits umnachtete Nietzsche noch hätte wahrnehmen können, wie «Fragen, die er offengelassen hat, bei mir weitergeführt» wurden.

Das Kapitel über Freundschaft könnte man als Erinnerung daran lesen, dass – bei allem Selbst-Denken – nichts den Mitmenschen ersetzen kann. Goethe war wahrlich eine hochreflektierte Persönlichkeit und zierte sich lange, bis er es 1794 doch zu einem Gespräch mit dem ungestümen Schiller kommen ließ. Bald darauf schrieb der ihm einige denkwürdige Briefe, quasi eine an Goethe selbst adressierte Goethe-Deutung. Es war das schönste Geschenk, das Freunde einander machen können: den anderen auch dort zu verstehen, wo der sich selbst nicht voll zu erfassen vermag, weil, so Schiller, «das Genie sich selbst immer das größte Geheimnis ist». Erkenntnis als soziales Ereignis. Ein «Erwachen am anderen» nannte es Steiner. Kovce leuchtet dieses Thema kursorisch bis in unsere Zeit aus, in der man per Internet mit der halben Welt ­‹befreundet› sein kann. Auch heute aber bedürfe es einer Wachheit, «die uns wesentliche Begegnungen nicht verpassen lässt».

Hannah Arendt nun ist eine Denkerin, die von anthroposophischer Seite seit Jahren große Aufmerksamkeit erfährt; lässt sich doch mit guten Gründen behaupten, dass manche ihrer philosophisch-politischen Ansätze mit Steiners Gedanken korrespondieren. Das gilt insbesondere für den Versuch, den Freiheitsbegriff ‹substanziell› zu fassen: Freiheit nicht als bloße Abwesenheit von Zwang, sondern als reale Möglichkeit, die eigenen Impulse zur Geltung zu bringen. Beide verbindet auch ein Vertrauen auf die «Natalität» (Arendt), die Kraft dessen, was mit jedem Menschen neu in die Welt kommen kann. Kovce geht diese und weitere Aspekte durch, die gleichsam eine ferne Nähe zwischen Steiner und Arendt nahelegen, bis hin zu aktuellen Bezügen, wenn er Arendts Ansicht zitiert, das politische Repräsentativsystem habe sich «in Wahrheit in eine Art Oligarchie verwandelt». Das Nachdenken darüber sollte man nicht rechten Populisten überlassen.

Manchmal kann es in diesem Kapitel scheinen, als wäre das Titelthema des Buches nur noch mit dem Fernglas zu erkennen, aber die besprochenen Themen sind interessant genug. Man mag sich auch fragen, warum Arendt das Werk des deutlich älteren Steiner wohl nicht zur Kenntnis genommen hat. Steiner war und ist eben der für akademische Philosophen nicht in Frage kommende Philosoph. Hätte Arendt die ganz anderen Wege, auf denen Steiner zu teilweise verwandten Anschauungen kam, legitim gefunden? Es bleibt offen, ob sie die späte Liebe der Anthroposophen zu ihr erwidert hätte. Aber gut, einseitige Liebe ist ja auch eine Möglichkeit.


Buch Philip Kovce: Selbstlos selbst denken. Variationen über ein Thema von Rudolf Steiner. Rudolf Steiner Verlag, 2025

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