Ich ließ meinen Engel lange nicht los,
und er verarmte mir in den Armen,
und wurde klein, und ich wurde groß:
und auf einmal war ich das Erbarmen,
und er eine zitternde Bitte bloß.
Da hab ich ihm seine Himmel gegeben, –
und er ließ mir das Nahe, daraus er entschwand;
er lernte das Schweben, ich lernte das Leben,
und wir haben langsam einander erkannt …
Seit mich mein Engel nicht mehr bewacht,
kann er frei seine Flügel entfalten
und die Stille der Sterne durchspalten, –
denn er muss meiner einsamen Nacht
nicht mehr die ängstlichen Hände halten –
seit mich mein Engel nicht mehr bewacht.
Rainer Maria Rilke
Aus: Mir zur Feier. Berlin 1899.
Menschen, die ihren Engel befreit haben, machen oft einen eigenartigen Eindruck. Sie können aus einem Himmel schöpfen, den sie selbst über sich geöffnet haben, um dort Lichtperlen zu finden, ohne dass klar ist, ob es sich dabei um geistige Wilderei oder seelische Gärtnerei handelt.
Auswahl und Kommentar Louis Defèche
Zeichnung Philipp Tok








