Aus dem Spiel der Rhythmen von Erde, Mond und Sonne ereignen sich die Sonnenfinsternisse. Weil all diese Rhythmen nicht genau ineinander aufgehen, ist die Folge der Finsternisse ein überraschendes Geschehen.
Die Mondbahn ist gegenüber der Ekliptik um fünf Grad geneigt. Deshalb wandert der Mondschatten bei Neumond entweder ober- oder unterhalb der Erde vorbei. An zwei Punkten, den Knoten, schneidet der Mond die Ebene von Erde und Sonne. Wie ein Fisch, der aus dem Wasser springt, hebt sich der Mond am aufsteigenden Knoten über die Ekliptik und springt am gegenüberliegenden absteigenden Knoten wieder unter die Ekliptik-Ebene. Nur wenn der Mond sich gerade an diesen Orten befindet, trifft sein Schatten die Erde. Es müssen also Neumondstellung und Knotenstellung des Mondes zusammenfallen, damit es zu einer Sonnenfinsternis kommt. Weil die Erde größer ist als der Kernschatten des Mondes, muss der Erdtrabant nicht exakt am Knoten stehen, sondern kann bis zu zwölf Grad vor oder nach dem Knoten stehen. Diese zwölf Grad sind die Spanne der täglichen Bewegung des Mondes. Das bedeutet, dass Knotendurchgang und Neumondstellung maximal einen Tag auseinanderliegen dürfen, damit es zu einer totalen Sonnenfinsternis kommt. Bei der aktuellen Finsternis ist der Neumond am 12. August um 19.37 Uhr, und der Mond erreicht seinen absteigenden Knoten am 13. August um 11.56 Uhr, also 16 Stunden später. Der Erdtrabant befindet sich somit zum Neumondzeitpunkt noch oberhalb der Ekliptik. Deshalb trifft der Kernschatten des Mondes die Erde in nördlichen Breiten. In 18 Jahren, elf Tagen und acht Stunden treten wieder ähnliche Verhältnisse ein. Dann klingen der Rhythmus von Neumond und der Rhythmus, dass der Mond in seinem Knoten steht (drakonitischer Monat), wieder zusammen. Wie bei allen solchen kosmischen Zusammenklängen gehen beide Rhythmen nicht exakt ineinander auf. Es bleibt eine kleine Lücke, musikalisch: eine Schwebung. 223 Neumondstellungen dauern 6585,32 Tage, und 242 Knotendurchgänge des Mondes dauern 6585,36 Tage. Der Unterschied beträgt 0,04 Tage, also eine Stunde. Das bedeutet, dass jedes Mal, wenn Neumond und Knotendurchgang zusammenklingen, der Knoten eine Stunde später erreicht wird. Folglich steht der Mond bei der Neumondstellung mit jeder folgenden Finsternis etwas höher, und der Finsternisstreifen wandert entsprechend auf der Erde weiter nach Norden, bis er die Erde schließlich nur noch als partielle Finsternis streift. Der Astronom Edmond Halley untersuchte im 17. Jahrhundert die Finsterniszyklen und führte dabei den Namen Saroszyklen ein. Hier orientierte er sich an babylonischen Bezeichnungen, denn schon in der Antike war dieser Rhythmus bekannt. Von solchen Saroszyklen, solchen Finsternisserien, gibt es nun 42 verschiedene, die miteinander zu den etwa 63 totalen Sonnenfinsternissen pro Jahrhundert führen.
Links: Bei einer Sonnenfinsternis unterscheidet man Kern- und Halbschatten des Mondes. Befindet man sich dort, wo der Kernschatten des Mondes die Erde erreicht, so sieht man die ganze Sonnenscheibe vom Mond bedeckt. Befindet man sich dort, wo der Halbschatten die Erde erreicht, sieht man noch eine Sichel der Sonne. Interessant: Selbst wenn man nur noch ein Prozent des Sonnenlichtes sieht, ist es ziemlich hell. Es reicht eine verschwindende Menge des Sonnenlichtes, um auf der Erde den Eindruck von ‹Tag› zu erzielen.
Mitte: Wenn man sich innerhalb des Finsternispfades befindet, wird es für zwei Minuten so dunkel, dass man am Tag die Planeten und helle Sterne sehen kann. Diese Karte zeigt, was zu sehen ist: Rechts unterhalb der verdunkelten Sonne leuchten Merkur und Jupiter, links oberhalb die Venus. Über dem gesamten Horizont sieht man einen rötlichen Ton, ähnlich wie bei einem Sonnenuntergang. Das Nachtblau des Himmels ist dabei eine ähnlich rätselhafte Farbe wie die senffarbene Stimmung in der Landschaft. Über all dem thront die Korona der Sonne. Sie besteht aus unendlich feinen Schleiern, die an das erinnern, was sonst unsichtbar ist: die periphere Sonne, die mit ihrem Sonnenwind das ganze Sonnensystem als ihr Inneres hat.
Rechts: Die Abbildung zeigt den Bedeckungsgrad der Sonne je nach Beobachtungsort. Weiter östlich endet der Schatten, weil die Sonne hier schon untergegangen ist. So ist Barcelona gerade jenseits der totalen Finsternis. Aus Schweizer Perspektive sind etwa 90 Prozent bedeckt und in Deutschland zwischen 82 und 90 Prozent. Je weiter östlich man sich befindet, desto tiefer steht die Sonne am Horizont.
Nachtfahrt der Sonne
Im Jahr 2027 wird sich am 2. August erneut eine totale Sonnenfinsternis in Spanien und in Ägypten ereignen. Diese Finsternis wird mit einer Dauer von über sechs Minuten die längste im 21. Jahrhundert sein. Ein Rätsel: Das Maximum dieser Sonnenfinsternis liegt direkt bei Luxor in Ägypten. Dort befindet sich in den Gräberstollen im Tal der Könige das umfassende Zeugnis der ägyptischen Sonnentheologie. Der Ägyptologe Erich Hornung hat mit seinem Buch ‹Nachtfahrt der Sonne› diese unendlich komplexe Schicksalsbeschreibung der Sonne in der Nacht aufgeschlüsselt. Zur geistigen Nachtfahrt der Sonne in der ägyptischen Sonnenlehre fügt sich so 2027 die astronomische Nachtfahrt der Sonne bei dieser herausragenden Sonnenfinsternis am 2. August. Diese Finsternis gehört zum Saroszyklus Nr. 136, der nach weiteren dreimal 18 Jahren, elf Tagen und acht Stunden dann übrigens 2081 am 3. September die Schweiz und Süddeutschland überstreichen wird. Für die Schweiz ist es lange her: Zuletzt strich der Mondschatten 1724 über das Alpenland.
Abbildungen Wolfgang Held, Sternkalender Ostern 2026 bis Ostern 2027 – Die totale Sonnenfinsternis im Jahr des Löwen. Dornach 2025.
Titelbild Das Bild zeigt unzählige Sonnensicheln. Das Blattwerk eines Baumes liefert dabei Tausende von Linsen, durch die das Sonnenlicht gebrochen wird. Die Straße wird zur Leinwand dieser Sicheln. Foto: Wikipedia

