Sie war eine geborene Kosmopolitin – und kam über Java, die Niederlande und Berlin in die Schweiz, wo sie in Zürich studierte und in Arlesheim bei Basel ärztlich praktizierte. Von ihrem Stützpunkt in Arlesheim, ihrem ‹Klinisch-Therapeutischen Institut›, ging es wieder weit hinaus in die Welt.
Sie war die Hälfte des Jahres auf Reisen, in Frankreich, Schottland und England, in Belgien und in den Niederlanden, in Palästina, der Türkei und Griechenland, auf Sizilien, in Italien und in Skandinavien, in Deutschland und in Island, in der Tschechoslowakei, in Österreich, Bulgarien, Ungarn, Serbien und Kroatien. Es waren, mit sehr wenigen Ausnahmen, Reisen zu neuen therapeutischen Orten, die auf ihre Initiative hin entstanden – oder durch Menschen, die im Klinisch-Therapeutischen Institut gelernt hatten. Es waren medizinische Praxen und erste anthroposophische Kliniken, zahlreiche heilpädagogische Heime und Tagesstätten. Ita Wegman besuchte die Menschen, sah Patienten und Mitarbeiter, gab therapeutische Ratschläge, beriet in der politischen Lage, schlichtete interne Krisen, half bei Finanzierungen, hielt Klassenstunden und anthroposophische Zusammenkünfte ab, zur Vertiefung der Gemeinschaft und Intensivierung der Arbeit, auch zur Gewinnung innerer Resistenz in schwierigen Zeiten. Griechenland besuchte sie 1932 jedoch ohne therapeutischen Auftrag. Nach sieben schwierigen Vorstandsjahren in Dornach meldete sie sich von der Generalversammlung ab und bereiste mit Ilse Knauer die alten Mysterienstätten.
Auf dem Rückweg mit dem Schiff nach Venedig schrieb sie am 26. Mai 1932 an Fried Geuter: «Ich habe diese Reise herrlich genossen und habe ganz Griechenland in mir aufgenommen. Wie ein heilender Balsam hat das Alte, Wunderbare auf mich gewirkt und ich fühle mich wie neu geboren und kräftig, Rudolf Steiners Werk, so wie ich es in meinem Herzen trage, unbeirrt weiter fortzusetzen. Und wenn Sie alle mithelfen, werden wir schon den Teil [von] R. Steiners Intentionen, die auch mit mir, mit meiner Individualität zusammenhängen, durchsetzen, wenigstens so viel als unsere Kräfte es können, oder so viel als für die Zukunft gerettet werden muss. Es ruht eigentlich die tiefste Tragik auf unserem Wirken in diesem wie im vorigen Leben, und doch sagte Rudolf Steiner einmal zu mir, dass diese Tragik in der Zukunft aufgehoben sein wird, ja, jetzt schon aufgehoben ist. Und doch konnte das alles geschehen, was geschehen ist! Es müssten halt auch Menschen sein, die Verständnis haben, denke ich, Verständnis für Karmawirken! […] Es ist schon wesentlich, Griechenland und diese Stätten besucht zu haben, und wenn man von den alten Mysterien auch nichts mehr findet als Trümmerhaufen, so ist die Landschaft noch da und das menschliche Herz, das manches miterlebt hat in diesen alten Zeiten. Es ist dann, als ob im Bilde alles wieder neu ersteht und das Herz leise spricht von den alten Zeiten.»1
Sie wäre gerne öfter über Europa hinaus mit dem Schiff zu anderen Kontinenten gereist, was in diesem Leben aber nicht mehr gelang. George Adams Kaufmann zufolge wollte sie mit Rudolf Steiner nach seiner Genesung in die USA. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs erwog sie, so Liane Collot d’Herbois, auf eine entsprechende Einladung hin eine Klinikgründung in Kanada und eine Übersiedlung dorthin, westwärts.
Mit ihrem internationalen Beziehungsnetz, ihren vielen Freunden, Bekannten und ehemaligen Patienten, war sie auch in Zeiten der Not handlungsfähig. Als es galt, bedrohten Menschen im nationalsozialistischen Deutschland, darunter insbesondere jüdischen Freunden und Bekannten, ins nichtdeutsche Ausland zu verhelfen, war sie rasch, zielstrebig und erfolgreich tätig – wie in diesem Umfang niemand sonst in der damaligen Anthroposophischen Gesellschaft.
Politische Urteilskraft
Ihre Handlungsfähigkeit war nicht nur ihrer sozialen Reichweite geschuldet, sondern auch ihrer politischen Urteilskraft. Die Polis, das Gemeinwesen, die öffentliche Welt und das politische Bewusstsein waren ihr wichtig und vertraut. Sie studierte am frühen Morgen Tageszeitungen aus verschiedenen Ländern und bekam sehr viel mit – oft auch durch Patienten und Freunde in besonderer Stellung, wie durch den bekannten französischen Journalisten und Steiner-Übersetzer Jules Sauerwein. Von der Machtübernahme Hitlers und seiner Partei Ende Januar 1933 war sie alles andere als überrascht; sie hatte diese Wendung vielmehr seit Langem kommen sehen und die Etappen dorthin aufmerksam und in großer Sorge verfolgt, wie ihre Briefe zeigen. Zehn Jahre zuvor hatte Rudolf Steiner bereits vor dieser Entwicklung gewarnt; er hatte den fulminanten Aufstieg der Nationalsozialisten seit 1920 miterlebt und erlitten.2 Über die Naivität, Arglosigkeit, den Optimismus und Opportunismus vieler Menschen in Deutschland im Frühjahr 1933, darunter zahlreicher Anthroposophen, war Ita Wegman bestürzt. «Die Verhältnisse in Deutschland sind ganz bizarr und außerordentlich schwierig zu beurteilen, weil da auf geschickte Art das Böswollende gut eingekleidet wird und sogar die Illusion erweckt wird, richtig zu sein; eine Verführung ohnegleichen entsteht da. Das ist schon von ungeheurer Tragweite, was da geschieht.» (An Fried Geuter, 24. März 1933)
An ihren Weggefährten Daniel Nicol Dunlop, den Ermöglicher der Londoner ‹World Conference on Spiritual Science and its Practical Applications› (1928) und der Weltenergiekonferenzen, schrieb sie am 17. April 1933: «Es wird jetzt wohl so gehen in Deutschland, dass die Freiheit da nicht mehr herrschen wird und vielleicht überall Kommissarien eingesetzt werden, die über die Dinge zu bestimmen haben, sowohl im politischen Leben als auch im Geistesleben, wie der Verwaltung der Schulen und anderer Dinge, sowie auch, dass alle Juden doch herausgesetzt werden. Das ist jetzt natürlich auch unsere erste Sorge, die verschiedenen Freunde, die jetzt nicht in Deutschland bleiben können, sei es dass sie von jüdischer Herkunft sind, sei es dass sie durch eine bestimmte Arbeit, die mehr auf dem sozialen Gebiet stattgefunden hat, nicht ganz sicher sind in Deutschland. Und es ist für mich die bange Frage: wie organisieren wir uns so als wahre Anthroposophen, um dem wahren Menschentum zu dienen, dass wir über den Nationalismus hinaus Geisteswissenschaft in der richtigen Art weiter verbreiten und auch darnach leben können, weil ich es herankommen sehe, dass die Welle, die jetzt in Deutschland ist, nicht nur bei Deutschland bleiben wird, sondern sich auf die verschiedenen anderen Länder ausbreiten wird und jedes Land sich abkapseln wird, bis dies zuletzt – weil das natürlich gegen alle wahre Evolution ist – zu einem allgemeinen großen Krieg wieder entartet. Wie verhalten wir uns – und das gehört doch auch zu unseren Aufgaben, sonst hat Anthroposophie gar keinen Sinn, wenn wir sie nur für uns im stillen Kämmerlein uns aneignen – zu diesen großen Dingen, um so zu arbeiten, dass wir vielleicht manches verhüten können durch unsere richtige Einstellung und durch die richtigen Taten?»
Den Nationalismus schlagen
Dies war lebenslang ihre Haltung und Einstellung. Das «stille Kämmerlein» war nur bedingt die Stätte der Anthroposophie und Anthroposophischen Gesellschaft, die vielmehr mit ihrer Freien Hochschule für Geisteswissenschaft schicksalsmäßig dazu angetreten war, einen wichtigen Beitrag zur «Rettung der Erde» zu leisten, wie Rudolf Steiner in einer der Klassenstunden, aber keinesfalls nur dort, sagte. Ita Wegman war eine originäre Esoterikerin und im spirituellen Leben beheimatet, so betonte Graf Polzer-Hoditz, und so zeigte Emanuel Zeylmans van Emmichoven Jahrzehnte später in allen Einzelheiten auf. Aber ihre Spiritualität war weltoffen und weltbezogen, ja realiter weltdurchdrungen. Einen anthroposophischen Weiterbildungskurs für arbeitslose Menschen aus dem Ruhrgebiet, die im Mai 1933 über die Essener Arbeiterschule des Priesters Carl Stegmann nach Arlesheim und Dornach kamen, unterstützte Wegman mit Nachdruck. An die jüdische Anthroposophin, Schriftstellerin und Geigenlehrerin Alice Wengraf, die 1944 in Auschwitz ermordet wurde, schrieb sie am 8. Mai 1933: «30 Arbeitslose sind momentan hier in Dornach-Arlesheim, die in der Arbeiterschule von Stegmann in Essen waren, den Winter durch dort gearbeitet haben und auf Anthroposophie vorbereitet wurden. Jetzt sind sie hier am Goetheanum und haben von allen Sektionen Kurse bekommen, auch von uns. Wir sind jetzt gerade daran und das ist wirklich eine sehr schöne Arbeit, weil diese Menschen ein merkwürdig gutes Verhältnis zur Anthroposophie haben und auch die Möglichkeit haben, die Geschehnisse in der Welt gut und offen zu beurteilen. Es sind viele Deutsche jetzt hier; viele, die keine Arbeit mehr haben in Deutschland oder da gar nicht mehr sein wollen, haben jetzt Zuflucht gesucht und auch gefunden in den verschiedenen anderen Ländern. Auch viele von unseren anthroposophischen Freunden sind dabei.» Auch gegenüber ihrem niederländischen Kollegen Willem Zeylmans van Emmichoven erwähnte Wegman den Kurs für die Arbeitslosen aus dem Ruhrgebiet und hob deren politische Urteilskraft hervor: «Es sind wirklich darunter recht feine Menschen, die auch ganz genau wissen, welche Haltung sie einzunehmen haben in dem jetzigen Deutschland.» (28. April 1933)
Ihre eigene Haltung gegenüber dem sich etablierenden Regime in Deutschland war entschieden und weitblickend, wie bereits ihr Brief an Dunlop erkennen lässt; gleichwohl kam sie mit ihren Rettungsplänen in ihrem damaligen Umfeld nicht sehr weit. Ihr energischer Versuch, viele wichtige anthroposophische Initiativen noch 1933 von Deutschland nach Großbritannien zu verlagern, scheiterte, auch wenn sie und ihre Freunde Flüchtlingen bis Ende der 1930er-Jahre dorthin verhelfen konnten, darunter auch Karl König und seiner jüdischen Gruppe 1938/39. Dennoch wurde in Großbritannien im Ganzen nicht möglich, was Ita Wegman am 9. Juli 1933 in einem Brief an einen dortigen Mitarbeiter mit den Worten umschrieben hatte: «Aber mir kommt es vor, als ob wir doch alles daransetzen müssen, in England ein ganz starkes Zentrum aufzubauen, um von dort aus wahre Anthroposophie ohne Kompromiss noch einmal aufleben zu lassen. Es muss noch ein michaelischer Impuls von irgendwo kommen, um den Nationalismus, der sich überall festigen will, doch zu schlagen. Natürlich war es vorgesehen, dass dieser michaelische Impuls von hier, von Dornach strahlend sich ausbreiten sollte, aber es ist doch so wie ich es mir denke dafür hier kein Platz. Und so müssen wir schon versuchen – wenigstens ich muss es tun – irgendwo anders noch einmal michaelische Impulse aufleben zu lassen.»
Mit ihrem Willen, beim «großen Schritt der Zeit» zu bleiben, fand Wegman nicht immer Gehör, auch nicht in ihren ‹eigenen› Reihen. Als der Sonnenhof in Arlesheim sich viele Jahre später ihrem Anliegen versagte, mithilfe des Roten Kreuzes ein Ort für traumatisierte Kinder und Jugendliche aus Kriegsgebieten zu werden – weil die leitenden Mitarbeiter den Eindruck hatten, sich auf ihre ureigenen Aufgaben im Bereich der Heilpädagogik konzentrieren zu müssen –, reagierte sie enttäuscht und schrieb aus Ascona am 20. August 1942 an Helen Eugster: «Mit der Aufnahme der Kriegsgeschädigten Kinder werden wir gar nicht unsere Aufgabe in der Heilpädagogik verlieren, im Gegenteil, sie ist gerade aktuell darin begründet, und wenn man das nicht einsieht, geht man nicht mit in dem großen Schritte der Zeit. Sie können versichert sein, dass ich den kleinen Schritt nicht mitmache, sondern beim großen Schritt bleiben will.»
Sie blieb bei diesem «großen Schritt» – möglicherweise war auch ihr unerwarteter Erdenabschied ein halbes Jahr später, am 4. März 1943, mit nur 67 Jahren und lediglich kurzer Erkrankung, ein Teil des «großen Schrittes». «Wenn kein geistiges Wirken in nächster Zeit mehr möglich ist, werde ich sterben», sagte sie Tage vor ihrem Tod.3
Das ökologische Schicksal der Menschheit
Nicht nur für die großen politischen Entwicklungen hatte sie einen Blick und ein ausgebildetes Urteilsvermögen, sondern für die Erdenverhältnisse überhaupt, darunter für ökologische Herausforderungen – und sprach von einem neuen Schicksalsverhältnis der Menschheit zur Erde. 1929 hieß es in einem ihrer Aufsätze: «Die moderne Menschheit hat damit begonnen, die Erde als Ganzes durch den Verkehr und das Nachrichtenwesen zu umspannen. Sie hat sie im Wesentlichen äußerlich auch heute ganz in Besitz genommen. Dadurch entsteht für die neuere Menschheit, was vorher noch niemals da war: ein Schicksalsverhältnis zur Erde als Ganzes. Das wird immer bewusster überschaut werden müssen. Während die Antike dem Menschen nur eine sehr beschränkte Verantwortung auferlegte und die Weltlenkung den Göttern überließ, glaubte die Menschheit des 18. Jahrhunderts wenigstens das soziale Gebiet in eigener Verantwortung übernehmen zu müssen. Die Natur dachte sich diese Menschheit zwar nicht mehr göttlich, aber doch von Gesetzen beherrscht, die unabhängig vom Menschen sind. Die neueste Zeit brachte mit der Technik die Beherrschung der Naturkräfte. Damit wurde der Mensch verantwortlich für ein Stück Natur. Es wird nicht mehr lange dauern, so wird der Mensch sehen, wie diese Verantwortung immer mehr und mehr zunimmt. Naturprozess und Geschichtsvorgang, zuerst scharf getrennt, fangen an, immer mehr zu verschmelzen. Das war in alten Zeiten nur vereinzelt der Fall. Die herrliche Renaissance-Stadt Venedig steht im Meere auf Pfählen, die einst als Wald die Gebirge Dalmatiens bedeckten. Die Abholzung dieses Waldes bewirkte eine sich steigernde Klimaverschiebung. Was da am kleinen Beispiel betrachtet werden kann, das wird die Zukunft an größeren Beispielen realisieren. Dieses neue Verhältnis zur Natur gilt auch für die Menschenwesenheit selbst. Der Pädagoge, der Mediziner, sieht sich in dem, was als Vererbung angesprochen werden kann, ein Stück Natur gegenübergestellt. Es bewusst umzugestalten, wird immer mehr seine Aufgabe. Würde die Menschheit das versäumen, so würde sie bald Naturerscheinungen gegenüberstehen, die sie zwar selbst bewirkt, aber nicht als von sich bewirkt erkennt. Phänomene würden auftreten, für die man keine Erklärung finden könnte. Die Natur, die bisher nach ewigen Gesetzen geordnet schien, würde scheinbar in Verwirrung geraten. Wir stehen tatsächlich unmittelbar am Eingang dieser Weltsituation. Die Natur wird zu einem Spiegel des menschlichen chaotischen Verhaltens. Das zeigt sich in Katastrophen und Abnormitäten. Der Mensch erschaut sie im Naturspiegel, ohne in ihnen sein eigenes Spiegelbild zu erkennen.»4
Die einzelnen Patienten und das «ungelebte Leben»
So sehr Ita Wegman ihr Denken und ihr gesamtes Wesen in die Weite auszuspannen vermochte, so konkret wandte sie sich dem einzelnen Patienten zu, der ihr anvertraut war. «Für sie war jeder gleich. Ob sie sich um ein behindertes Kind kümmerte, einen schreienden Wahnsinnigen, einen preußischen General oder einen englischen Grafen, um einen jungen Arzt oder einen Medizinstudenten, eine Krankenschwester, einen Gärtner oder Bettler – sie sprach mit allen in der gleichen Weise: wie eine Schwester zu ihrem Bruder.» (Karl König5) Auch wenn die vermögenden Patienten die Arlesheimer Klinik mitfinanzierten, war Wegmans sozialmedizinischer Ansatz wegweisend. «Niemals ist es meine Meinung, eine Anstalt zu betreiben, die nur dazu da ist, die gut bezahlenden Menschen zu heilen und die anderen dann im Stich zu lassen», schrieb sie an die Geschäftsführerin ihrer Gnadenwalder Kuranstalten, Elisabeth Dank. Die Begüterten sollten für die Mittellosen mitbezahlen. Für sie war der einzelne Mensch von Bedeutung, mit seinem «Eigenton» und «Farbgebild», wie es in einer Meditation von Rudolf Steiner heißt, die sie allmorgendlich am Ende ihrer geistigen Arbeit mit den Arlesheimer Krankenschwestern sprach.6 Sie hatte Freude am Menschen, an der Vielfalt des Menschlichen in der Welt, am Menschen als Persönlichkeit und Individualität, in den verschiedenen Farben seines Seins. Sie lebte die Bejahung des Menschen und Menschlichen, und setzte auf die Entwicklung, auf die Möglichkeiten des Werdens, des Werdens des Einzelnen in der werdenden Welt. Sie hatte die Fähigkeit, in dieser beweglichen Welt des Werdens erkennend zu leben, mit Organen einer erweiterten und vertieften Wahrnehmung, und den notwendigen Mut dazu. Davon hatte Rudolf Steiner in ihrer Gegenwart gesprochen – man müsse, so Steiner, den Mut haben, «die menschliche Wesenheit und die Natur in ihrem Flusse erkennend erfassen zu können», um jene «innere Sicherheit» zu gewinnen, die therapeutisch handlungsfähig mache.7 Sie war – auf ihre ganz eigene Art – eine überaus bewegliche ‹Goetheanistin› und sie hatte die von Steiner geforderte Bereitschaft, auf dem Gebiet der Heilkunst vollständig ‹umzudenken›, die «völlige Neuschöpfung des medizinischen Wissens» auf der Basis dieses ‹Umdenkens› tatsächlich in Angriff zu nehmen. Er attestierte ihr eine «inspirierte medizinische Erkenntnis» und «intuitiv-therapeutische Impulse».8
Sie setzte auf das Werden, auch in nahezu aussichtslos erscheinenden Situationen, und war von einer bemerkenswerten Unvoreingenommenheit, ohne moralische und sonstige Vorurteile, auch nicht gegenüber schwer kranken Suchtpatienten (wie Eliza Lesczczyńska aus Krakau9). «Mein Wille erstarke / in meinen Beinen, Armen, Herzen, Kopf / Da will ich überall / Kraft sammeln.»10 Die Gestalt des Menschen müsse dem Menschen «notwendig heilig» sein, hatte Johann Gottlieb Fichte einst betont.11 Madeleine van Deventer beschrieb Ita Wegmans starken ‹Glauben›, ihre willentliche Verbindung mit den angewandten Therapien und den Patienten, ihren geistigen Willen. Die «tiefste Kraft» von Wegmans «starker Seele» sei, so van Deventer, die «Kraft des Glaubens» gewesen. «‹Wenn Ihr glaubt, der Berg, der vor Euch steht, soll sich ins Meer stürzen und Ihr habt den wirklichen Glauben, so wird er sich ins Meer stürzen.› Mit diesen Worten senkte der Christus die Kraft des Glaubens als Impuls in die Seelen der Jünger. Also Glauben im Sinne des Vertrauens. Es ist die tätige Vorstellung, die unsere moralischen Gedanken real machen kann. Diese Glaubenskraft – als stärkste Seelenkraft – ist von größter Bedeutung in der Gegenwart, wo die menschliche Seele von Zerstörung bedroht ist.» «Dadurch kann das zunächst unmöglich Scheinende zuletzt doch realisiert werden.» (Deventer12) Wegman ging es um eine Willensverbindung mit der Welt des Werdens, um das Eröffnen von Werde-Möglichkeiten. Wilhelm Hufeland, der zeitweise Arzt von Goethe und Schiller war, schrieb: «Wer nicht mehr hofft, denkt auch nicht mehr […], und der Kranke muss notwendig sterben, weil der Helfer schon gestorben ist.»13 Hufeland benannte das Hoffen als Conditio sine qua non des Denkens, zumindest im therapeutischen Kontext, und vieles spricht dafür, dass Wegman seine Auffassung teilte. «Sie wissen, Mut ist dasjenige, was uns überall umgibt. Die Luft ist Illusion, Mut ist es, der uns überall umgibt. Wollen wir in der Welt leben, in der wir atmen, brauchen wir Mut», sagte Steiner in einem Kurs vor Medizinstudierenden und jungen Ärzten.14 Ita Wegman lebte mutvoll «in der Welt» und sie versuchte, in der Orientierung am Menschheitsrepräsentanten, der Menschenweihehandlung und der Grundstein-Meditation, sich mit ihrem Werden zu verbinden, ja zu ‹einen›: «das eigne Ich / dem Welten-Ich / vereinen …» Bei schwer kranken oder gar sterbenden Patienten war Wegmans Anwesenheit, so von Deventer, ein Segen. Ihre Nähe habe Todesangst und Unruhe gebannt. «Sie müssen immer denken, dass jeder Atemzug auf der Erde bedeutsam ist und alles dafür tun, was möglich ist. Bis zum letzten Atemzug kann das Schicksal sich noch wenden», sagte sie zu der jungen Heilpädagogin Julie Wallerstein, die ihren schwer kranken Kollegen Leopold Sparr vom Sonnenhof in der Klinik begleitete.15
Im Fall von Leopold Sparr gelang dies nicht oder nur auf einer anderen Ebene. Viele Patienten in der Klinik Ita Wegmans aber konnten geheilt oder zumindest gefördert werden, somatisch, seelisch und mitunter auch geistig. Ein Aufenthalt im Klinisch-Therapeutischen Institut bedeutete oft eine Lebenswende, ein tiefes Atemholen. Van Deventer betonte, dass Ita Wegmans «Mut des Heilens» sich auch in ihrer Fähigkeit und Bereitschaft zeigte, am «Ordnen» des Patientenschicksals mitzuwirken, den Menschen zu helfen, «durch einen neuen Lebensanfang den Ausweg aus Krankheit und Irrtum zu finden». «Sie konnte […] die Menschen aufrütteln, sich zu lösen aus zu engen irdischen Verhältnissen und den Blick zu wenden zu größeren Aufgaben, und sie half dabei, ein ins Stocken geratenes Schicksal, das so oft die Ursache von Krankheiten ist, wieder in Fluss zu bringen. Zum michaelischen Wirken gehört Mut.» «Mit diesem Muteswirken öffnete sie Michael den Weg ins Medizinische.» (Deventer) Der Heidelberger Neurologe und Internist Professor Viktor von Weizsäcker versuchte im 20. Jahrhundert, im medizinischen Denken wieder auf das potenziell pathogene Prinzip des ‹ungelebten Lebens› aufmerksam zu machen. Demzufolge bringt Menschen nicht nur das so und so geführte und in den Anamnesen der Ärzte zurückverfolgte Leben in körperliche und seelische Krisen, sondern auch ihr unausgeführter Lebensentwurf, ihre wirksam werdende Intentionalität, die sich in der gegebenen Daseinsweise nicht entfalten kann. Nicht nur das gelebte Leben kann schädigend sein, sondern auch das ungelebte, versäumte, stets gewollte, aber nicht vollbrachte Dasein. «Der Mensch wird, was er wird, durch die Sache, die er zur seinen macht», betonte Karl Jaspers. Ita Wegman war, dem Zeugnis Madeleine van Deventers zufolge, ein Mensch, der andere zur Verwirklichung ihrer Schicksalsaufgaben ermutigen konnte. Folgt man van Deventers und Rudolf Steiners Gedanken und spirituellen Perspektiven, so braucht die Medizin in der Gegenwart und Zukunft im 20. Jahrhundert und in den kommenden Zeiten mehr als je zuvor den Einschlag Michaels, in einer Zeit, in der die menschliche Seele «von Zerstörung bedroht» ist.
Die Auseinandersetzung mit dem Abgrund
Am 3. November 1917 sprach Rudolf Steiner davon, dass der Umgang mit dem «Problem des Bösen» die zentrale Herausforderung des 20. Jahrhunderts sein werde, ein Problem, das epochal «gelöst» werden müsse, und sagte dabei unter anderem: «Wir […] haben zu lösen im weitesten Umfange lebenskräftig dasjenige Gebiet, was man nennen kann das Problem des Bösen. Das bitte ich Sie durchdringend ins Auge zu fassen. Das Böse, das in allen möglichen verschiedenen Formen herantreten wird an den Menschen […], so herantreten wird, dass er wissenschaftlich wird zu lösen haben die Natur, das Wesen des Bösen, dass er wird zurechtzukommen haben in seinem Lieben und Hassen mit alledem, was aus dem Bösen stammt, dass er wird zu kämpfen, zu ringen haben mit den Widerständen des Bösen gegen die Willensimpulse […].»16 Mit dem «Bösen» hatte Ita Wegman in ihrem Leben wiederholt zu tun, nicht nur in Gestalt des Faschismus – und die intensivste Zeit ihrer Zusammenarbeit mit Rudolf Steiner begann nicht zufällig in der Nacht des Brandes des Goetheanum: «Dr. Steiner sah man überall, bald war er auf dem Gelände, das er in allen Richtungen durchlief, bald in der Schreinerei, immer mit tief traurig-ernster Miene ohne Aufregung, sich voll bewusst, was mit dieser Arbeit der Menschheit verloren gegangen ist.» (Ita Wegman17) Das Goetheanum war «hinweg gestorben» und die Anthroposophie «obdachlos» geworden, so sagte Rudolf Steiner; verloren war die Stätte, «auf die wir alles aufbauen wollten, was in Dornach geschehen soll».18 In dieser Nacht stand Ita Wegman an Rudolf Steiners Seite. «[…] Man kann die Stärke des Widerstandes oder die moralische Macht in dem Menschen nur nach der Stärke des Angriffs beurteilen», hatte Friedrich Schiller in seiner Abhandlung ‹Über das Pathetische› betont.19 «Das Tiefste im Menschen wird in solchen Augenblicken sichtbar …» Zwei Wochen nach dem Brand schrieb Rudolf Steiner Ita Wegman die Zeilen auf: «Auf Geisteshöhen / An Abgrundsrändern / In uralter Zeiten / Schicksalswende / Gefunden, / Schmiedet Notwendigkeit / Sich nie zu verlieren.»20
Sie verdankte ihm viel – und er ihr, «in uralter Zeiten Schicksalswende» und in den Jahren 1923 bis 1925. Auch die Michaelbewegung verdankte ihr viel. Nach Rudolf Steiners Tod aber wurde sie mehr und mehr verkannt und diffamiert – und am Ende gar 1935 von ihren Goetheanum-Ämtern ausgeschlossen. Auch mit ihr verbundene große Geister wie Daniel Nicol Dunlop, Willem Zeylmans van Emmichoven oder Eugen Kolisko wurden als «Feinde des Goetheanum» bezeichnet und mussten die Gesellschaft verlassen. Dunlop starb kurz darauf und Zeylmans wachte über Jahre jeden Morgen mit dem Gedanken auf: «Gott, lass mich jetzt sterben.»21 Für Ita Wegman war es ein «Zugrunderichten der Weihnachtstagung». Sie aber kam nach schmerzvollen Jahren des Verzichts und der schöpferischen Resignation darüber hinweg und reifte in ihrer Stelle weiter. Wenige Tage vor der Generalversammlung, die ihren Ausschluss und den der Freunde besiegelte, schrieb sie am 10. April 1935 an Mathilde Enschedé in Paris: «Geistige Wesenheiten haben Nahrung nötig, eine geistige Nahrung, die nur Menschenseelen ihnen geben können und die aus einer bestimmten Seelenhaltung, die selbstlose Opferwilligkeit in sich hat, hervorgehen kann. Können Seelen bejahen dasjenige, was an schweren Prüfungen an sie herankommt, dann kann eine gute Wirkung für die Zukunft entstehen. Und das ist, glaube ich, die Prüfung, die wir zu bestehen haben, und wovon viel für die Zukunft abhängen kann.» Am 9. Juli 1935, keine drei Monate nach der Versammlung, teilte sie Graf Polzer Hoditz mit: «Für mich sind die Dinge endgültig erledigt. Da sind so viele Missverständnisse, dass ich es für besser halte, die Dinge ruhen zu lassen. Wir haben alle gemeint, das Richtige getan zu haben. Es ist wichtiger, jetzt vorwärts zu schauen als rückwärts.» Was sie dann auch tat – bis zu ihrem Tod im März 1943.
75 Jahre später, 2018, wurde sie von der Generalversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft vollständig rehabilitiert. 2026 erschien zu ihrem 150. Geburtstag eine Monografie über das, was sie von April bis Dezember 1925, in den neun Monaten nach Steiners Tod, in der Fortführung des Weihnachtstagungsimpulses, unter Einschluss der Klassenstunden, der Leitsatz-Aufsätze und ihrer Sektionsarbeit versucht hatte: «Die Zukunft der Hochschule». So viel Wegweisendes lebte sie vor – bis heute.
Die pfingstliche Gemeinschaft
Sie wohnte, wenn sie in Arlesheim war, gerne in ihrem bescheidenen und schönen Holzhaus, einer «Wohnbaracke», wie es im Baugesuch vom Sommer 1924 hieß, zusammen mit vielen Mitarbeiterinnen und bis zu fünf Patienten und Patientinnen. Die Zimmer waren zweieinhalb mal drei Meter groß, es gab zwei Kamine und zwei Waschbecken im Haus. «Das Wesentliche ist doch eine auf der ganzen Welt sich neu bildende michaelische Gemeinschaft», hob Ita Wegman am 18. Januar 1934 in einem Brief an Maria Geuter hervor. Sie erlebte die Anthroposophie im Sinne Rudolf Steiners als inneres Auferstehungsfest der Menschenseele und schuf therapeutische Gemeinschaften mit pfingstlicher Atmosphäre und Zukunftskraft. «Ich habe nur das klare Gefühl in mir: Raffen Sie sich zusammen […], tun Sie die Arbeit, die zu leisten ist.»22 Ita Wegmans Wesen, so ihr Biograf Emanuel Zeylmans van Emmichoven, birgt Atem, Mut und Größe. Sie stellte sich in den «Dienst der Weltgestaltung» (R. Steiner).
Konferenz zu Ita Wegmans 150. Geburtstag, ‹Mut des Heilens›, 20.–22. Februar 2026, im Schreinereisaal am Goetheanum
Buch Peter Selg, Die Zukunft der Hochschule, Briefe und Aufsätze Ita Wegmans, April – Dezember 1925. 349 Seiten, 32 Abb., Leinen mit Schutzumschlag
Titelbild Ita Wegman am Jungfraujoch, 1922, Foto: Ita Wegman Archiv, Arlesheim (IWA)
Fußnoten
- Ita Wegman Archiv, Arlesheim (IWA), so auch alle folgenden Briefzitate Ita Wegmans.
- Vgl. u. a. Peter Selg, Auseinandersetzungen um die Zukunft des Menschen. Rudolf Steiner in Deutschland 1922. Arlesheim 2022.
- Zit. n. M. van Deventer, Die letzten Erdentage. In: Erinnerungen an Ita Wegman. Dornach 2009, S. 70.
- In: Ita Wegman, Mysterien und Medizin. Aufsätze und Ansprachen 1925–1933. Arlesheim 2024, S. 503 f.
- Karl König, Erinnerungen an Ita Wegman, 17.3.1960. Karl König Archive.
- Vgl. Rudolf Steiner, Briefe und Meditationen für Ita Wegman. Arlesheim 2018, S. 68 f.
- GA 319, 1994, S. 202.
- Vgl. P. Selg, Der Mut des Heilens. Über Ita Wegman. Arlesheim 2017.
- Zu Eliza Leszczyńsk und ihrer Geschichte vgl. P. Selg, Patienten-Meditationen von Rudolf Steiner. Arlesheim 2019, S. 53 ff. und S. 190 ff.
- Rudolf Steiner für Eliza Lesczczyńska, ebd., S. 53.
- J. G. Fichte, Werke 1,3. Stuttgart 1966, S. 383
- Madeleine van Deventer, Autoreferate zu Vorträgen zum 100. Todesjahr Ita Wegmans. IWA, 1976.
- C. W. Hufeland, Die Verhältnisse des Arztes. In: Hufelands Journal, Heft 23, 1806.
- GA 316, Dornach 1994, S. 117.
- Werner Pache, Tagebuch. Abschrift, IWA.
- GA 273, Dornach 1981, S. 95.
- Notizbuch, IWA.
- GA 259, 1991, S. 665.
- Friedrich Schiller, Sämtliche Werke. Band V. München 2004, S. 521.
- Rudolf Steiner, Briefe und Meditationen für Ita Wegman. Arlesheim 2018, S. 76 f.
- Emanuel Zeylmans, Willem Zeylmans van Emmichoven. Arlesheim 1979, S. 178.
- An Fried Geuter, 5. Juni 1930, IWA.



