Die Toten tasten an unserer Haut

Das Zentrum der sieben Sakramente in der Christengemeinschaft ist der Gottesdienst, die Menschenweihehandlung. Den zweiten Teil in ihr bildet die Opferung, die «alle wahren Christen vollbringen mögen, die geboren sind, und auch alle, die verstorben sind». Diesen verstorbenen Menschen widmet Günther Dellbrügger sein neuestes Buch.


Für manche mag der Titel ‹Die Toten tasten nach unserer Haut› befremdlich klingen, doch gleich zu Beginn werden die Lesenden darüber aufgeklärt, dass dieser Gedanke einem Gedicht von Nelly Sachs entlehnt ist:

An unseren Hautgrenzen / tastend die Toten / im Schauer der Geburten Auferstehung feiernd / Wortlos gerufen / schifft sich Göttliches ein –

Allein diese Verszeilen lassen erahnen, in welcher Feinheit hier ein Buch vorgelegt wird. Es entstand aus der Lebensarbeit eines Menschen, der als Pfarrer und Priester der Christengemeinschaft jene Sakramente spendet, die unmittelbar an den Toren von Geburt und Tod vollzogen werden, aber auch jene Menschen seelsorgerisch begleitet, die fragend an den Schwellenmomenten des Lebens stehen. Mit der ihm innewohnenden Sicherheit und profunden philosophischen Kenntnis schafft es Günther Dellbrügger, die Lesenden mitzunehmen auf eine Reise in die Geistesgeschichte. Was die Philosophen Pythagoras, Platon oder der Kirchenvater Origines unter der Prä- oder Postexistenz der Seele verstanden, ist kurz und anschaulich beschrieben. Doch es ist nicht nur ein Buch mit geschichtlichem Hintergrund zu Fragen der Seele und mit Anregungen und Übungen zur Verständigung mit den Seelen in der geistigen Welt, sondern es spannt den Bogen über Forschungen zum nachtodlichen Leben, dem Leben vor der Geburt, den Fragen nach dem Sinn des Leidens, zur Frage der Sterbehilfe bis hin zu den individuellen Totengedenken von Wegbegleitern Rudolf Steiners, wie Christian Morgenstern oder Edith Maryon. Den Auftakt bilden Zeugnisse von Dichtern und Dichterinnen aus dem 20. und 21. Jahrhundert. So beschreibt Marie Luise Kaschnitz, wie sie es in ihrer tiefen Trauer über den Verlust ihres Mannes schafft, ihre Verbindung zu ihm aufrechtzuerhalten. Die Frage nach einem Leben nach dem Tode beantwortet sie zögerlich, suchend, um dann das so berührende Gedicht ‹Ein Leben nach dem Tode› erlöst ausklingen zu lassen:

… Mehr also fragen die Frager / Erwarten Sie nicht nach dem Tode? / Und ich antworte / Weniger nicht.

Sich mit hineinzufühlen in die Gedanken zu einem vorgeburtlichen und nachtodlichen Erleben von Franz Werfel, Albrecht Haushofer und anderen, ist nicht nur bewegend zu lesen, sondern fordert nahezu auf, sich auch mit der eigenen inneren Biografie auseinanderzusetzen.

Den zweiten Teil des Buches bilden die kurzen, klar formulierten Zusammenführungen der geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse Rudolf Steiners zu den Wegen der Seele und des Geistes nach dem Tode bis zu dem Reich, wo das Schicksal einer Seele angeschaut wird und Zukunftskräfte erwachsen zu einer neuen Auferstehung. Ob ein Leben der Seele nach dem Tode möglich ist und wie es aussehen könnte, bewegt viele Menschen. Günther Dellbrügger lässt die Lesenden mit dieser Frage nicht allein, aber gänzlich frei. Überhaupt ist der Ton des Buches nie belehrend, sondern lädt ein, die Gedanken der erwähnten Schriftsteller und Geistesforscherinnen nachzuvollziehen, um sich an die Themen von Geburt, Tod und Wiedergeburt heranzutasten. Es kann gelingen, wenn man ganz unbefangen die Kapitel studiert und jenes herausgreift, was das unmittelbare Interesse weckt. Hilfreich sind die klare Inhaltsübersicht und die kurzen Einführungsbeiträge zu Beginn des Buches. Ein systematisch-chronologisches Studieren ist nicht nötig, hilft aber, die Komposition des Werkes zu erkennen.

So folgt den biografischen Zeitzeugenerlebnissen der Schriftsteller und den Forschungen Rudolf Steiners ein Teil, der uns in konkrete Anregungen sowie wertvolle Hinweise und Übungen hereinnimmt. In der Mitte des Buches wird die Aufmerksamkeit auf Tugenden wie Gedanken sparen, Bittende Liebe, Dankbarkeit oder Gemeinschaftsgefühl gelenkt, mit denen wir übend lernen können, unsere Seelen mit denen der Verstorbenen zu verbinden.

Ein weiteres Kapitel befasst sich mit dem Thema des assistierten Suizids beziehungsweise der Sterbebegleitung. Dazu werden wertvolle Hinweise gegeben und der mögliche Umgang beschrieben. Eindrücklich ist der Bericht des niederländischen Arztes Zoltán Schermann, der einst schweren Herzens der Bitte einer Patientin nachgekommen ist, sie von ihrer leidvollen Krankheit zu erlösen. Er schreibt in einem Aufsatz: «Ich habe mich dann ausführlich mit ihrer Bitte auseinandergesetzt. Warum wollte ich bei ihr keine Sterbehilfe ausführen? Nur, weil wir anthroposophischen Ärzte das einfach nicht tun? […] War ich im Grunde genommen einfach nur feige?» Was dann passiert, wird nicht nur eindrucksvoll berichtet, sondern zeigt auf, in welchem Zusammenhang die Wesensglieder des Menschen auch im Nachtodlichen wirken. Günther Dellbrügger sensibilisiert, die Hintergründe an der Grenze von Leben und Tod und darüber hinaus verstehen zu lernen. Die Intention, mit den Gedanken dieses neu erschienenen Buches tastend in eine Verbindung mit den Verstorbenen zu kommen und mit ihnen leben zu lernen, ist überaus gelungen.


Buch Günther Dellbrügger: Die Toten tasten an unserer Haut. Urachhaus, 2025

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