Das spirituelle Fundament der Anthroposophischen Medizin: den Merkurstab wieder gewinnen.
Es war Ita Wegman, die während der Summer School in Penmaenmawr 1923 Rudolf Steiner die Schicksalsfrage stellte nach einer Medizin, wie sie in den alten Mysterien war – aber in neuer, christlicher Form.1 Daraufhin hielt Rudolf Steiner die Vorträge über die Jahreszeiten-Imaginationen und offenbarte für die Osterzeit das Raphael-Mysterium: Der Menschheitsrepräsentant zwischen Luzifer und Ahriman, das Gleichgewicht haltend und Raphael daneben stehend und die Wege lehrend, die Krankheit und Heilung nehmen können. Weitere Vorträge zum Thema folgten und gipfelten in dem Vortragszyklus ‹Mysteriengestaltungen›, gefolgt von den Abendvorträgen während der sich daran anschließenden Weihnachtstagung zur Neubegründung der Anthroposophischen Gesellschaft und der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft, in der Wegman die Leitung der Medizinischen Sektion anvertraut wurde. Vorausgegangen war zudem eine besondere Nachricht für Ita Wegman, die zugleich zeigte, wie selbstverständlich, frei und vertrauensvoll der menschliche Umgang zwischen ihr und Rudolf Steiner war: «Ich werde mit Frau Dr. Wegman ein medizinisches Buch schreiben», sagte er während eines geselligen Abends am 2. Oktober in Wien zu einem langjährigen Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft. Die in unmittelbarer Nähe im Gespräch stehende und damit benannte Co-Autorin Wegman berichtete später, dass sie von diesem Entschluss Steiners tatsächlich erst in diesem Augenblick erfahren habe. Wer sich vor Augen hält, wie gefüllt Steiners Terminkalender in dieser Zeit bis zu seiner Erkrankung war, kann verstehen, dass dieses Buchprojekt wohl kaum zustande gekommen wäre, wenn Wegman ihn nicht immer wieder daran erinnert und ihm Kapitel zur Überarbeitung gegeben hätte. Zwei Tage vor seinem Tod am 30. März 1925 konnte er ihr dann mit Freude das fertig korrigierte Fahnenmanuskript übergeben. Nach der ersten Fahnenkorrektur hatte er noch ein einleitendes erstes Kapitel verfasst und damit auch entschieden, die von Wegman verfasste ‹Vorrede› zum Buch nicht mit aufzunehmen. Das ist insofern bemerkenswert, als ihre Vorrede das esoterische Krankheitsverständnis und den ärztlichen Schulungsweg ins Zentrum stellt, während dies in Steiners Einleitung allgemeiner gehalten ist.2 Wegman schreibt dort:
«Die Medizin hat heute einen rein wissenschaftlichen Charakter angenommen. Damit ist sie ganz abhängig geworden von den Ansichten, die sich über Wissenschaft und Wissenschaftlichkeit in der neuesten Zeit ausgebildet haben. Nach diesen Ansichten gilt nur als wissenschaftlich, was durch sinnenfällige Beobachtung, durch das Experiment und durch die Verstandesschlüsse aus diesen beiden festgestellt wird.
Man muß sich nun fragen: ist in diesem Sinne eine Wissenschaft möglich, deren Ergebnisse auf den einzelnen individuellen Menschen anwendbar sind? Man kann an noch so vielen Menschen den allgemeinen Charakter des Menschen festgestellt haben, die individuelle Wesenheit eines einzelnen Menschen kann man doch nur verstehen, wenn man die Gabe der unmittelbaren Beobachtung des Individuellen hat. Ein kranker Mensch ist aber immer ein ganz individueller Fall. Es gibt nicht zwei Menschen, die in gleichem Sinne krank sein können […] Wir werden in diesem Buche von einem medizinischen System sprechen, das auf die Anschauung des Geistigen ebenso gebaut ist wie auf diejenige der im Sinnenfälligen geltenden Naturgesetze. Wir sind uns bewußt, daß viele glauben werden, wir setzten uns damit in einen Widerspruch mit der anerkannten naturwissenschaftlichen Richtung der Medizin. Dies wird ja durchaus nicht der Fall sein. Wir anerkennen im vollsten Sinne des Wortes die heutigen Ergebnisse dieser Richtung. Allein, es ist nicht zu leugnen, daß diese Richtung gerade vor dem Wesen der Krankheit Halt machen muß. Sie kann von Schädigungen des Organismus und seiner Glieder reden, aber sie kann keine Ansicht darüber gewinnen, wie der Organismus dazu kommt, aus sich selbst heraus Schädigungen zu entwickeln. Die naturgesetzliche Richtung des Organismus liegt doch in seiner Entwicklung vom Keim bis zur Vollreife. Man wird innerhalb dieser Entwicklung, wenn man im Natürlichen stehenbleibt, zu keinen Kräften gelangen, die der Entwicklung entgegenwirken können. ln der Krankheit sind aber solche Kräfte wirksam […]
Eine geistige Anschauung läßt unmittelbar erkennen, daß Wahrnehmung und Denken ganz geistiger Art sind. Eine bloße natürliche Tätigkeit kann der Wahrnehmung und dem Denken nicht entsprechen. Es muß vielmehr, wenn Wahrnehmung und Denken im Organismus entstehen sollen, die natürliche Tätigkeit sich abbauen, um dem Geistigen Platz zu machen. Wo dagegen die natürliche Tätigkeit im vollen Aufbau vorhanden ist, dahin kann keine geistige Tätigkeit dringen. Dies ist der Fall beim Stoffwechselsystem und bei den Vorgängen, die der Bewegung des Organismus zugrunde liegen. […] Die aufbauenden Kräfte können zu stark werden, dann dämpfen sie die geistigen Kräfte herab. Dies ist die eine Krankheitsform; sie tritt zum Beispiel ein, wenn die aufbauenden Stoffwechselvorgänge im Gehirn zu stark werden. Das Bewußtsein wird gedämpft.
Die andere Krankheitsform tritt ein, wenn die Abbaukräfte zu stark werden. Dann tritt eine übertriebene Bewußtseinswirkung ein. Man hat es mit der anderen Krankheitsform zu tun; sie ist beispielweise vorhanden, wenn im Verdauungssystem Kräfte wirken, die in solcher Stärke nur im Gehirn wirken sollten. […] Die Seelenübungen, die zur geistigen Anschauung führen, bestehen entweder in einer Abschwächung oder einer Verschärfung des Seelenlebens. Die Abschwächung des Seelenlebens ist innerhalb des Seelischen eine Nachahmung der Krankheiten der ersten Art, die Verschärfung eine Nachahmung der Krankheiten der zweiten Art. Wer also die Seelenverfassung kennt, die aus solchen Übungen stammt, kennt die Krankheiten, denn er hat in seinen Seelenzuständen Bilder davon. Beschreibt er durch das, was er an diesen Bildern erlebt, die physischen Symptome der Krankheiten, so liefert er jedem Arzt Beschreibungen, die dieser nachprüfen kann. Hält die Beschreibung der Nachprüfung stand, so werden damit auch die Angaben des Erforschers des Geistigen bestätigt. Und läßt sich der Arzt immer wieder auf die Beschreibungen eines solchen Geistesforschers ein, so kann er sich aus dessen Schilderungen des Symptomenkomplexes nach und nach selbst die geistige Anschauung erwerben. Wir sind durchaus der Meinung, daß das ganz richtige Lesen dieses Buches jeden Arzt in die Lage versetzt, selbst die Krankheiten geistig anzuschauen […].»
Das Geheimnis des Merkurstabs
Genau dieses ist die große Herausforderung für jeden, der sich dem Studium der Anthroposophischen Medizin widmen will. Beim Studium der zwanzig Kapitel des Buches ‹Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst nach geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen› wird man zwar konsequent angeregt, denken zu lernen, was sich im Gesundheits-/Krankheitskontinuum des menschlichen Organismus abspielt. Dabei gilt es jedoch, das Geheimnis des Merkurstabs in Steiners Einleitungskapitel zu entdecken, das Wegmans Ansatz vollumfänglich stützt: das Gesetz von der Metamorphose der leibbildenden Wesensglieder-Tätigkeiten in die rein seelisch-geistigen Tätigkeiten des Denkens als metamorphosierter Ätherleib, des Fühlens als metamorphosierter Astralleib und des Wollens als metamorphosierte Ich-Organisation. Denn dieses Gesetz zeigt anschaulich symbolisiert in der offenen Lemniskate des Merkurstabes, dass die Wesensglieder im gesunden Organismus eine entgegengesetzte Wirkrichtung haben – je nachdem, ob sie – verkörpert – von der Naturweisheit gelenkt werden, oder – außerkörperlich – durch die seelisch-geistige Aktivität des individuellen Menschen. Leibgebunden dienen sie im besten Sinne des Wortes dem ‹biologischen Egoismus›, dem gesunden Selbsterhalt. Im Gegensatz dazu ist ihre gesunde Wirkrichtung im ‹freien Geistesleben› eine selbstlose Hingabe an die Wahrheitssuche, eine interessengeleitete, liebevolle Verbindung mit Mensch und Welt und dem guten Willen zu Mitarbeit und Hilfe da, wo es gebraucht wird. Gerät diese gesunde und gesundende Gegensätzlichkeit jedoch aus dem Gleichgewicht, so machen sich im Körper Immundefizite – das heißt Schwächungen des biologischen Egoismus – geltend sowie ein Verlust altruistischer Neigungen im Seelen- und Geistesleben.3
Jeder Kranke erwartet vom Arzt, dass dieser die Ursache seines Problems durchschaut und die notwendigen Maßnahmen einleitet. Es geht bei diesem Erkenntnisringen im tiefsten Sinn um ‹wahre Menschenwesen-Erkenntnis› wie es schon in der Überschrift von Steiners einleitendem Kapitel anklingt.4 Dazu gehört auch das in diesem Kapitel geschilderte Substanzverständnis: die Substanz dient – selbstlos sich opfernd – im mineralischen Zustand den Todesprozessen, in der Pflanzenwelt den Lebensprozessen, in der tierisch Natur allen seelischen Äußerungen. Im Menschen aber wird sie Geist tragend und befähigt ihn zur Freiheit, zu selbstloser Hingabe, zum Tun des Guten, aber auch zum Lernen aus Irrtum und Schuld. In seiner Schrift ‹Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit. Geisteswissenschaftliche Ergebnisse über die Menschheits-Entwickelung› (GA 15) präzisiert Steiner diesen Aspekt auch noch im Hinblick auf die Entwicklung der Substanzialität der Erde: «Die Materie ist aufgebaut in dem Sinne, wie der Christus sie nach und nach angeordnet hat! – Man wird den Christus bis in die Gesetze der Chemie und Physik hinein finden.»
Das christliche Mysterium der Substanzverwandlung waltet so gesehen nicht nur in der Natur, sondern auch im menschlichen Schicksal. Wo Menschen lernen, einander selbstlos zu begegnen, und in Freiheit und Liebe ‹gottesdienstlich› zusammenarbeiten, ist er anwesend. Daher kann sich Raphael als der christliche Merkur da offenbaren, wo sich menschliches Karma harmonisiert hat. Dass dies Ita Wegman in ihrer Zusammenarbeit mit Rudolf Steiner möglich war – und damit der esoterische Weg für die in der Heilkunde Tätigen aufgezeigt werden konnte –, dafür können wir ihr nicht genug danken.
Bild Ita Wegman im Kreis ihrer Kollegen und Kolleginnen, im Garten der Arlesheimer Klinik, 29.9.1926 (v. li. nach re.: M. van Deventer, H. Walter, I. Wegman, E. Schickler, M. Bockholt). Foto: Ita Wegman Archiv, Arlesheim (IWA)
Fußnoten
- Vgl. J. E. Zeylmans van Emmichoven, Wer war Ita Wegman. Bd. 2: 1925 bis 1943, Dornach 2015, S. 216.
- Die Vorrede wurde zuerst von Walter Holzapfel, dem dritten Leiter der Medizinischen Sektion, am 1. Mai 1973 im Rundbrief der Sektion veröffentlicht, zuletzt in: Rudolf Steiner – Schriften zur Anthroposophischen Medizin. Kritische Ausgabe/SKA Bd. 15, Stuttgart 2025.
- In einer Hochschultagung der anthroposophisch-medizinischen Bewegung wurde dieser Ansatz besprochen und die Arbeitsgrundlagen dazu publiziert. Siehe Michaela Glöckler, Raphael und die Mysterien von Krankheit und Heilung. Dornach 2017.
- Diese wirksamen Gesetze werden im Buch als ätherische, astralische und Ich-Organisation in ihrer Wirksamkeit in Gesundheit und Krankheit beschrieben.

