Bilder stehen nie still

Kann ein Bild bewegen? Oder ist ein Bild nicht genau dasjenige, was aus einer Art Verdichtung seines Bewegens erst ganz am Ende erscheint? Verdichtung hieße dann ein immer langsameres Sich-Hinbewegen auf einen endgültigen Stillstand zu. Die Gestalten aus der Mythologie der Menschheit waren einst Bewegung. Indem wir erwachten, wurden sie zu Figuren. Jedes Vorstellen ist wie ein Raub. Nur am Himmel können sich die Götter und Göttinnen noch annähern und wieder entfernen wie in einem Tanz. Lilith war einst als Mondgöttin am Himmel eine mächtige und wunderschöne Bewegung zwischen Erde und Sonne. Sie wuchs und nahm wieder ab. Aber wer schaut noch zum Himmel, wenn es um Bilder geht?

Burney-Relief, auch Königin-der-Nacht-Relief genannt. Mesopotamische Gottheit, vermutlich eine Ischtar-Darstellung. Terrakotta, Sumer, ca. 1950 v. Chr. British Museum, London. Foto: Gennadii Saus i Segura, CC BY-SA 4.0

Ein Freund verfilmt einen kurzen Text von Simone Weil. Sie tanzt im Text und er versucht, das in Bilder zu übersetzen. Jedes Bild ein ‹Still›, das aus der Bewegung genommen ist und dadurch vorstellbar wird. Er möchte sie nun wieder in eine Bewegung hineinführen können. Jedes Bild bekommt eine Nummer. «Wenn wir jetzt erst Nummer acht nehmen würden?» Es ändert sich einiges, aber bewegen tun die Bilder nicht. Sie werden blasser und blasser. Gibt es irgendwo einen Himmel, wo sich die Bilder wieder bewegen? Aus sich selbst heraus und nicht aus unseren Vorstellungen, in denen wir sie gefangen genommen haben?

Am Ende ihres Prologs zu ‹Brücken zum Übernatürlichen› schreibt Simone Weil: «Und dennoch, tief in mir, kann ein Punkt meines Selbst nicht anders, als bebend und zitternd von Angst zu denken, dass er mich vielleicht trotz allem liebt.» Ein Himmel geht auf!

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