27. Mai 1992. In Sarajevo, wo Muslime, Katholiken, Orthodoxe und Juden über Jahrhunderte friedlich zusammenlebten, tötet eine Granate 22 Menschen, die vor einer Bäckerei für Brot anstehen. Einen Tag später spielt der Cellist Vedran Smailović an diesem Ort des Grauens für 22 Tage das Adagio in g-Moll von Tomaso Albinoni. Das Spiel ist Klage und Hymnus, Protest und Gebet. Es spricht sich in der Stadt herum, wird im Radio übertragen, wird zum Roman, erreicht das Bewusstsein der Menschheit. 22 Tage Musik, die sich in die Erde einschreiben.
Susan Cain eröffnet mit dieser Geschichte ihr Buch ‹Bittersüß›. Darin untersucht sie, wie in Schmerz, Sehnsucht und Leid die transformative Kraft der Seele lebt. So wie Aristoteles vor 2500 Jahren die menschliche Seele mit ‹De Anima› adelte, so adelt sie Susan Cain mit ihrem Lob auf Melancholie, das Temperament der Innerlichkeit. Sie endet den Absatz über das Spiel von Smailović, indem sie in Worte fasst, was die seelischste Kunst, die Musik, zu Krieg und Gewalt zu sagen hat: «Wir sind keine Kämpfer», jubeln die Geigen. «Wir sind keine Opfer», antworten die Bratschen. «Wir sind nur Menschen», singen die Celli, «einfach nur Menschen: Voller Fehler und voller Schönheit sehnen wir uns alle nach Liebe.»
Buch Susan Cain: Bittersüß – Wie Sehnsucht und Melancholie uns Halt und Kraft geben. München 2022
Bild Vedran Smailović in der zerstörten Nationalbibliothek, 1992. Foto von Mikhail Evstafiev, CC BY-SA 3.0

