Anlässlich des Gedenkjahres mit vielen Neuerscheinungen und Rückbliclen auf Steiners Leben und Wirken ein Blick auf einen der originellsten Beiträge zu seiner Biografie.
Kaj Skagens Darstellung ‹Anarchist, Individualist, Mystiker› über Steiners frühe Berliner Jahre ist zwar schon vor fünf Jahren erschienen, hat aber bislang nicht die gebührende Beachtung erfahren. Skagen hat vor zehn Jahren unter dem Titel ‹Morgen ved midnatt› (Morgen um Mitternacht) eine fast 1000 Seiten umfassende Biografie des ‹jungen› Rudolf Steiner (1861–1902) vorgelegt. Weil das Werk keinen Übersetzer und Verleger für eine deutsche Ausgabe fand, hat Skagen ein hochprozentiges Konzentrat herausdestilliert mit Fokus auf die Jahrhundertwende und die ‹Wandlungs- und Kontinuitätsfrage›: War Steiner vor der Jahrhundertwende ein anarchisch-religionskritischer Freigeist und wurde erst nach 1900 zum spirituellen Seher und theosophischen Verkünder oder war er schon immer hellseherisch veranlagt oder gar ein Eingeweihter? Kurz: Ist Steiners Lebensweg eine kontinuierliche Entwicklung oder gab es Abgründe, Brüche, Verwerfungen und Widersprüche?
Dieses kleine Werk erscheint mir als ein Glücksfall für die Steiner-Forschung: Denn Skagen gelingt in diesem Buch das Meisterstück der Aufhebung der Kontinuitätsfrage im Leben Steiners, über die schon so viel gestritten wurde. Skagen geht zwar kritisch, aber mit einer ‹Hermeneutik des Wohlwollens› von den Einzelformulierungen des philosophischen Frühwerks einen entscheidenden Schritt weiter: Er hängt nicht an einzelnen Wörtern, sondern fragt nach dem Sinn der Formulierungen und der ‹philosophischen Begriffsformeln› (darin ist er Christian Clement verwandt). Und so findet er die Mystik und die Mysterienerfahrung, wie sie in Steiners Mystik-Buch von 1901 beschrieben sind, schon in den ‹Einleitungen zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften›, in den ‹Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung› und in der ‹Philosophie der Freiheit›. Sogar in den stark ‹prometheischen› Schriften Steiners wie seinem Nietzsche-Buch, ‹Goethes Weltanschauung›, dem Sendschreiben ‹Die Natur und unsere Ideale› und im Aufsatz ‹Der Egoismus in der Philosophie› findet Skagen die Mystik Steiners, das heißt seinen Ansatz, dass im Denken Mensch, Welt und Gott zusammenfallen.
Diese Entdeckung wurde Skagen möglich, weil er die Einleitungen zu Goethes naturwissenschaftlichen Schriften und die anderen genannten Werke nicht so sehr als Texte über Goethe, Nietzsche, Stirner liest, sondern vielmehr herausarbeitet, wie Rudolf Steiner sich dieser Denker und ihrer Auffassungen bedient, um seine eigene Position darzustellen. Steiner verstand sie als Vorläufer seiner eigenen Positionen, deutete sie in seinem Sinne und ‹verwandelte sie sich an›. Eine solche Aneignung und Verwandlung für seine eigene Position hatte ja schon 1891 durchaus zustimmend Max Christlieb festgestellt, als er in Bezug auf die ‹Einleitungen zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften› meinte, dass Steiner innerlich mit der Goethe-Forschung gar nichts mehr zu tun habe. Und sehr ähnlich hatte Robert Hamerling 1886 auf die ‹Grundlinien […]› reagiert, als er sich wünschte, Steiner hätte die Beziehung auf Goethe im Titel des Buches weggelassen, denn was er biete, sei weit mehr als eine Erläuterung der goetheschen Naturanschauung. Es ging Rudolf Steiner, so lässt sich mit Skagens Lektüre des Frühwerks sagen, um ein viel größeres Thema als bloß um Goethe, Nietzsche, Stirner oder später Haeckel – nämlich um die Einheit des erkennenden, in sich selbst versenkten Menschen mit Gott, um eine innere Mysterienerfahrung, die Steiner selbst gemacht hat und als deren Verkünder er sein Leben angetreten hat. Mit der Formel «Steiner war immer schon Mystiker» hat Skagen mit einer gewaltigen Kraft in die Diskussion um Steiners Entwicklung eingegriffen. Er hebt in umfassender Quellenkenntnis und ohne Harmonisierungstendenzen Linien und Dimensionen in Steiners Leben hervor, die sich ungebrochen durch dessen ganze Entwicklung hindurchziehen. Es lohnt sich, die luzide Studie (wieder) zu lesen.
Buch Kaj Skagen: Anarchist, Individualist, Mystiker – Rudolf Steiners frühe Berliner Jahre 1897–1902. Rudolf-Steiner-Verlag, Basel 2020

