Wie man Brot teilt

Güte, Kraft und Liebe – die drei Säulen der Erziehung als Tagungsthema. Zwei Kinder sitzen auf dem Boden, eines bekommt ein Brot zu fassen. Da beginnt ein Streit, weil das andere Kind leer ausging. Die europäische Mutter beugt sich hinunter, teilt das Gebäck in zwei Teile und gibt jedem Kind eines. Die Welt scheint wieder in Ordnung zu sein. Wirklich? Die gleiche Szene in Zentralafrika, wie es der Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeld beschreibt.1 Wieder hat eines der beiden Kinder das Brot in der Hand und wieder nimmt es die Mutter und teilt es in zwei Stücke. Doch jetzt gibt sie beide Teile dem Kind, das zuvor den ganzen Brotschatz besaß, zurück. Was passiert? Die Kleine schaut sich die zwei Teile in ihren beiden Händen an, ihr Blick wechselt vom linken zum rechten, dann zum brotlosen Geschwisterkind. Da reicht sie ein Teil hinüber. Was für ein Bild! Die Kraft schenkt der Mutter die Stärke, einzuschreiten und das Brot an sich zu nehmen, die Güte, es gleichmäßig in zwei Teile zu trennen, und die Liebe, es dem ursprünglichen Kind zurückzugeben. So kann das Kind sein Mitgefühl entdecken und wird nicht genötigt. Was die afrikanische Mutter macht, erwartet Liebe und schenkt sie zugleich. So ist es auch mit der Güte und Kraft: Wo wir sie geben, laden wir dazu ein, dass sie sich entfalten. So wie das Kind Kraft, Liebe und Güte empfängt und zu geben vermag, ist es auch bei uns Großen: Wir lieben, sind gütig und stark, wenn wir Liebe, Güte und Kraft empfangen können – wo geht das besser als bei den Kindern selbst, denn wer ist so lieb, gut und stark wie sie?


Bild Zeichnungen von einem Mädchen (3 Jahre) aus Südkorea, 2021. Quelle: Archiv ChildArt e.V.

Fußnoten

  1. Irenäus Eibl-Eibesfeld, Die Biologie des menschlichen Verhaltens. München 1995, S. 689.

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