Wie verbinden sich Leben und Welt? Archimedes gab einen Hinweis: «Man gebe mir einen Punkt, auf dem ich stehen kann, und ich hebe die Welt aus den Angeln!» Einen solchen Punkt schaffen sich alle Wesen, um jeweils auf ihre spezifische Art in der Welt zu wirken. Bei den Honigbienen lässt sich dieser Prozess fast vom Quellpunkt aus verfolgen und verstehen.
Für die Betrachtung benötigen wir einen Anfang. Ich wähle dafür den Bienenschwarm, der vom Bienenstock wie ‹ausgesprochen› wird: ‹Werde›, spricht es und schickt den Schwarm aus dem Sein in die Welt, um neu zu werden. Eine Königin (oder eine neugeborene Jungkönigin), eine Anzahl Bienen, einige Drohnen und ein Mundvorrat an Honig als Grundnahrung in den Honigblasen der Bienen muss reichen für wenige Tage.
Rudolf Steiner schildert in den Bienenvorträgen, dass die Königin mit den Schwarmbienen eigentlich in die geistige Welt hineinwill, «aber das Physisch-Gewordene der Bienen lässt nicht zu, dass die Energie des Schwarms den Weg in die geistige Welt finden kann».1 So sammeln sich die Bienen in der Nähe, setzen sich an einen Ast oder Ähnliches und kuscheln sich in der Schwarmtraube zusammen. Die Energie und die offene Körperlichkeit des Schwarms braucht einen Schutz, denn er kann selbst keine physische schützende Hülle bilden. Spürbienen suchen in einem komplexen Prozess nach einer passenden Höhlung. Ist eine solche gefunden, löst sich die Schwarmtraube in eine Bienenwolke, die zu dieser Höhlung fliegt und dort einzieht. Der Bien braucht eine Höhle, aber sie gehört nicht zu ihm.
Wärme mit Lichtcharakter
In der Höhlung beginnt ein Prozess, der sich in Bezug setzen lässt zu den «Lebensvorgängen»2. Er erinnert an die Evolution von Mensch und Welt. Zuerst wird von den Bienen die ihnen eigene Wärme intensiviert (temporär bis über 40 Grad) und verdichtet bis zu einem Punkt, an dem sie nahezu zur Substanz gerinnt. Allein aus der Wärme können die Bienen das nicht leisten. Imaginativ zeigt sich ein Bild, in dem sie gewissermaßen das Licht zur Hilfe rufen, durch das in der physischen Welt alles Gestalt bilden kann. In der intensivierten Wärme haben die Bienen ein starkes seelisches Erlebnis. Sie fühlen sich in dieser Wärme als organische Einheit. In der Folge werden Drüsen im Hinterleib der Bienen aktiv und scheiden das Bienenwachs aus. Dieses wird vom Schwarm aufgenommen und die Bienen beginnen, die feinen Wachsplättchen zusammenzufügen und bauen nach und nach die Waben daraus. Vertikal von oben nach unten wachsen die Waben in den Schwarm hinein. Sie bilden den Ort, auf dem das Bienenvolk sich von nun an hält und von dem aus der Bien in die Welt wirkt. Der Wabenbau wird zum archimedischen Punkt, über den der Geist in der Welt wirksam werden kann. Das Bienenwachs ist zur Substanz geronnene Wärme mit Lichtcharakter. An jeder Bienenwachskerze wird das deutlich. Sie entzündet sich in Licht und intensiver Wärme und löst sich in das auf, woraus das Bienenwachs hervorgebracht wurde. Obwohl das Bienenwachs keinerlei mineralische Substanz enthält, bekommen die daraus gebauten Waben eine mineralische Eigenschaft: Sie werden bleibend und ändern ihre Gestalt aus sich selbst heraus nicht. Wie nebenbei sind während dieser Zeit auch Sammelbienen im Umkreis unterwegs. Sie bringen Nektar, Blütenpollen, Knospenharz und Wasser als Nahrung zum Volk. Die Lebensquelle, repräsentiert durch die Königin, wird im Bienenvolk gepflegt. Sie beginnt, Eier in die Zellen der Waben zu legen, rhythmisch und sphärisch auf den Waben in Kreisbewegungen und über das wachsende, parallel hängende Wabenwerk hinweg in Kugelform. Fortdauernd durchzieht den Bienenstock nun der Rhythmus der sich aus den Eiern entwickelnden Bienen.
Biografie einer Biene
Bieneneier sind feuchtwässrig mit einer feinen Haut darum herum. Während dreier Tage entwickeln sich die Eier zu kleinen Larven, wieder vorwiegend feucht, ohne spezifische Form, mit Haut darum. Sie werden intensiv versorgt und wachsen in der Wärme um 36 Grad schnell heran. Nach zweimal drei Tagen füllen sie ihre Zelle in der Wabe nahezu völlig aus. Noch immer sind sie weitgehend formlos, feucht und außerhalb der Zelle nicht lebensfähig. Die Zelle wird dann verdeckelt, die Larve verpuppt sich nach drei weiteren Tagen und verwandelt sich binnen der nächsten neun Tage in der verschlossenen Zelle in die körperlich fertige Biene. Sie wird fest und nach und nach erdenreif. Damit beginnt die volksbezogene und individuelle Biografie der Einzelbiene als Gliedmaßen- und Stoffwechselorgan im Organismus des Bienenstocks. Im Zusammenwirken mit altersähnlichen Geschwisterbienen wird sie je nach Bedarf Teil des Organgeschehens im Bienenstock. Wo sie gebraucht wird, kann eine Biene verschiedene Organfunktionen übernehmen.3 Im Vollzug ihrer Aufgaben und inneren Organfunktionen leben sich die Arbeitsbienen in der Physiologie des Bienenvolks im Bienenstock vorwiegend in Stoffwechselaktivitäten aus. Ihre Wahrnehmungsbereitschaft und daraus folgende Drüsenaktivitäten erhalten den Stock und sorgen für sein Fortbestehen.
Im weiteren Leben einer Biene bewegen sich ihre Tätigkeiten immer mehr aus dem Zentrum (Brutpflege bei den Waben) Richtung Peripherie. Im Bienenstock, in der dunklen Höhle, lagern sie Pollen und Honig ein. Dann arbeiten sie hinter der Höhlenöffnung (Flugloch) und erzeugen über kräftige Flügelbewegungen den ein- und ausströmenden Luftstrom, der die Atmung sicherstellt. Schließlich überwachen sie das Heraus und Herein am Flugloch direkt: Was gehört zu ‹uns› und was nicht? Und nicht zuletzt, aber nun von außen wahrnehmbar, beginnt die Biene in ihrer Biografie die Arbeit als Sammlerin für die Substanzen, die das Volk aus der Außenwelt braucht, um sich in der physischen Welt halten zu können. Und hier erfüllt das Bienenwesen seine wesentlichen Aufgaben in der Welt – der Geist wird in die Welt hinein wirksam.4
Im Tod neues Leben
Das Blütenbestäuben durch die Sammlerinnen ist physisch-physiologische Voraussetzung für die Frucht- und Samenbildung, für Fortpflanzung und erneuertes Leben der Pflanzen. Hierbei erfolgt jedoch – und diesen Hinweis kenne ich so nur von Rudolf Steiner – ein weiterer lebensnotwendiger Impuls. Die Bienen (und mit ihnen alle pflanzenbesuchenden Hautflügler) tragen Gift in sich. Dieses Gift beschreibt Rudolf Steiner in den Arbeitervorträgen einerseits als identitätsstiftende Substanz für das Bienenleben. Das Gift hilft den Bienen, sich selbst wahrzunehmen. Darüber hinaus weist Steiner darauf hin, dass das Bienengift eine unabdingbare Voraussetzung für das pflanzliche Leben in der Natur ist.5
Ein Bienenvolk bringt pro Jahr mit 150 000 bis 250 000 Einzelbienen 50 bis 75 Gramm reines Bienengift hervor. Aber die allerwenigsten Bienen kommen je in die Lage, zu stechen. Sie bringen das Gift mit zu den Pflanzen, die sie besuchen, und impulsieren – neben der Bestäubung als physischer Grundlage der Fortpflanzung – die Pflanzen zur Regeneration. Sie rufen deren Lebenskräfte neu auf. Sie stoßen gewissermaßen das Rad des Lebens an seinem Totpunkt neu an. Wenn die Einzelbiene schließlich stirbt, oft in Ausübung ihrer Tätigkeiten im Umkreis des Bienenstocks, vergeht mit ihr der Bienengifttropfen in den Lebensumkreis. In welchen Quantitäten die wilden Schwestern der Honigbienen, die vielen Solitärbienen, Hummeln, Wespen, Ameisen, die ebenfalls alle Giftträger sind und dieses Gift in die Lebewelt tragen, in dieser Art wirken, ist gar nicht erfassbar. Rudolf Steiner führt aus: «Sie sehen: Diese Bienen, Wespen und Ameisen sind nicht bloß Räuber, sondern bringen zu gleicher Zeit dasjenige, was den Blumen die Möglichkeit gibt, zu leben.»6
Mit Honigbienenvölkern können wir aber in der Landwirtschaft diese Wirkung dort einbringen, wo wir es als hilfreich sehen. Und in der Hofindividualität der biologisch-dynamischen Landwirtschaft ist auch das Präparatewirken angewiesen auf die stark aufgerufenen Lebenskräfte, in die der Mensch über die Präparate ordnend und organisierend einwirkt.
Wenn der Mensch tut
Kultur ist, wenn der Mensch etwas macht. Alle Kulturleistung auf und an der Erde geht vom Menschen aus. Er ist das Geistwesen, das durch die kultivierenden Handlungen an der Erde gestaltend und entwickelnd, in tätiger Evolution wirksam wird. Im Organismus der landwirtschaftlichen Individualität ist der Mensch mit seinem Ich das Geistwesen, das sich durch diesen Organismus in jeweils spezifischer Art mit seinem Umkreis gestaltend und entwickelnd verbindet. Der Mensch organisiert in Raum und Zeit eine Vielzahl anderer Organismen. So lenken wir das Wirken jener Geistwesen, die sich in diesen Organismen in Beziehung zur Welt setzen, in einer die Welt weiterentwickelnden Weise. Durch unser Handeln sind wir mit diesen Wesen verbunden und durch die aus diesem Handeln gewonnenen Erträgnisse ist der Mensch mit den Menschen im sozialen Umfeld verbunden – hier zeigt sich das Tagungsmotiv ‹You never farm alone› in seiner vollen Realität.
Über das Wirken der Bienen verbinden sich in feiner Art alle Lebensebenen in der Landschaft und in der landwirtschaftlichen Individualität. Bienen sind ‹Schöpferinnen von Beziehungen›. Dies kann bis ins Soziale hinein wirksam sein und in die Achtsamkeit gegenüber den Lebensprozessen im landwirtschaftlichen Betrieb fließen.7
Bild Biene im Gartenpark des Goetheanum, Foto: Goetheanum Kommunikation
Fußnoten
- Rudolf Steiner, Mensch und Welt – Über das Wesen der Biene. GA 351, Vortrag vom 22.12.1923, S. 258 f.
- Rudolf Steiner, Anthroposophie – Ein Fragment. GA 45, Kapitel IV, Die Lebensvorgänge, S. 43 ff.
- Ausführlicher erläutert in Michael Weiler (2022), Individualität im Zusammenspiel, in: ‹Goetheanum›, 14/2022, S. 12 f.
- Die ‹Gaben des Bien›, die für den Menschen so wohltuend wirken, sind fast ein Nebenprodukt aus dieser Wirksamkeit – mehr dazu unter der-bienenfreund.de
- Rudolf Steiner, Mensch und Welt – Über das Wesen der Bienen. GA 351, Vortrag vom 26.11.1923, S. 139 ff.; 12.12.1923, S. 215 ff.; 15.12.1923, S. 239 ff. Steiner entwickelt das Wesen des Bienengiftes durch den ganzen Vortragszyklus. Hier findet sich auch die in der GA einmalige und denkwürdige Aussage: «Die Gifte sind Geistsammler. Daher sind Gifte auch Heilmittel.» (S. 240 f. und 248 f.).
- Ebenda.
- Näheres unter forschungsring.de oder zum Beispiel unter campo-verde.de.








