Vom Realisieren der Welt

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Kunst wie Natur werden durch die Betrachtenden ‹realisiert›. Der Mensch schafft Wirklichkeit, weil er geistig Intuiertes in der sinnlichen Welt wahrnehmbar machen kann.


Kein Kunstwerk ohne Betrachtende. Diese Einsicht ist für die Kunst der Moderne geradezu programmatisch geworden. Cézanne sprach vom Verwirklichen, vom Realisieren, um deutlich zu machen, dass der schöpferische Prozess des Künstlers und Betrachters nicht im Abbilden einer gegebenen Wirklichkeit besteht, sondern im Schaffen einer neuen Wirklichkeit.

Was für das geschaffene Kunstprodukt gilt, gilt ebenso für die wahrgenommene Natur. Im Falle Cézannes heißt das, dass sowohl die Montagne Sainte-Victoire als auch das Gemälde je durch das Sehen hervorgebrachte Wirklichkeiten sind. Beides wird erst im Auge der Betrachtenden wirklich, real.

Durch den Menschen hindurch gebiert sich Wirklichkeit – durch sein Vermögen, geistig Intuiertes in der sinnlichen Welt wahrnehmbar zu machen. Ein geistiges Wesen steigt dabei stufenweise in die sinnliche Erscheinung herab, es ‹inkarniert› gleichsam. Oder anders formuliert: Wir können zum Zeugen einer Metamorphose werden, in der sich ein himmlisches Umkreiswesen in eine zentrisch-irdische Daseinsform verwandelt, auf die ich schließlich mit meinem Finger deuten kann. Im Idealfall durchschreitet dieser Realisationsprozess vier Stufen: von der noch rein geistigen Intuition, über die (dem Hören verwandte) Inspiration zur bildhaften (dem Sehen verwandten) Imagination, mündend zuletzt in einer gegenständlichen, dinglichen Auffassung des Sujets.

In der Begegnung mit der Vogelwelt können sich diese vier Stufen geradezu idealtypisch vollziehen. Geht man beispielsweise durch eine Landschaft oder durch eine bestimmte Jahreszeit, so tritt einem mitunter eine bestimmte Vogelart in den Sinn. Etwa Anfang April kann es beim Blick in den frühlingsblauen Himmel über der Berner Altstadt der Alpensegler sein: ‹Ja, jetzt könnte er schon wieder aus dem Winterquartier zurück sein.› Oder an einem vereinsamten Fischtümpel der Eisvogel: ‹Hier und jetzt könnte er anwesend sein!› Solcherlei Ahnungen steigen oft mehr oder weniger intuitiv im eigenen Innern empor, arbeiten sich ins Bewusstsein hinauf und klopfen an die innere Tür – zunächst noch ganz ohne eine sinnliche Erscheinung. Diese erste Stufe der Begegnung gleicht einer stillen Intuition, in der man sich – für diese erwachend – wiederfindet.

Man kann solche Intuitionen gezielt aufgreifen, indem man beispielsweise aktiv zu erwägen beginnt, welche Bedingungen für die jeweilige Vogelart gegeben sind. Dadurch schafft man an einer Empfänglichkeit für das betreffende Wesen. Kommt es hierdurch zu einem stimmigen Gesamtbild, zu dem man – etwa den Eisvogel im Sinn behaltend – ein inneres Einverständnis gewinnen kann, dann überzeugt man sich von dessen Anwesenheit. Der Eisvogel ist so auf jeden Fall anwesend, ganz gleich, ob er noch die weiteren Stufen seiner ‹Inkarnation› durchschreiten wird oder nicht.

Im nächsten Moment schon vermeint man, sinnlich etwas vom Vogel vernommen zu haben. War es noch Einbildung, oder hat man doch schon etwas gehört? ‹Doch, da in der Ferne! Lausch doch mal!› Noch kaum zugänglich für das Hören, vernimmt man innerlich wie äußerlich den Ruf des Eisvogels – gleich einer Inspiration: ‹Ich bin da! Suche, höre mich! Versuche mich zu be-, zu ergreifen!› Auf dieser inspirativen Stufe ist der Erscheinungsleib eines Vogels ganz nur Stimme. Ein ‹stimmendes› Wesen verlautbart sich aus dem Umkreis heraus.

In einem dritten Schritt erfolgt die – vielfach zuerst flüchtige – Erscheinung für das Sehen. ‹Da, sieh dort, da ist er!› Aber, wie bei einer Sternschnuppe, war allein mir dieses Bild zugesprochen. Keines anderen Menschen Augen war diese Ansicht vergönnt. Kurz und doch eindeutig zeigte sich der Eisvogel im farbenprächtigen Bild, auf der Wasseroberfläche spiegelnd, über sie dahinsausend. Ein karfunkelnder Augenblick – und schon ist das Bild wieder fort. Was bleibt, ist eine Erinnerungsvorstellung, die auf die gehabte Imagination verweist.

Der letzte und vierte Schritt besteht schließlich im körperhaften Vergegenständlichen, im Verdinglichen, im Festlegen – in der sinnlichen Sensation. ‹Schau, da sitzt er auf einem Zweig!› Für diesen Schritt verwenden wir heutzutage meistenteils das Fernglas und das Bestimmungsbuch: Wir fangen den Vogel im Blickfeld der optischen Vergrößerung, ordnen ihn taxonomisch ein, legen ihn – als Art bestimmt – fest, auch wenn wir damit die Ergreifung durch die Hand meiden. Nur selten sieht man heute wohl noch einen Vogelfänger mit Fangnetz durch die Wiesen schreiten. Heute sind es einerseits die forschenden Vogelberinger und -besender oder andererseits die unbelehrbaren mediterranen Vogelfänger, die – sowohl als auch – das ursprüngliche Umkreiswesen der Vögel bis in die physische Handgreiflichkeit ‹festnehmen›.

Doch der gefangene Vogel ist ein elendes Bild. Dem Vogelwesen gehört die Schönheit des im Fliegen aufscheinenden Gefieders, gehört die seelische Berührung im Singen, und ihm gehört die Freiheit der ungreifbaren Himmelsweiten. Den Vogel schon zu entdecken, bevor er sinnlich erscheint; ihm Aufmerksamkeit zu schenken, wenn er mir etwas zuruft; ja, dem gegenständlichen Festlegen zu entsagen und ihn als flüchtige Bilderscheinung zu belassen, all das gibt ihm seine Freiheit und die Anbindung an seinen geistigen Ursprung wieder – und mithin seine Würde.


Foto M o e/Unsplash

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