Von Harvard ausgerichtet und von der Anthroposophischen Gesellschaft in Amerika herzlich empfangen, war die Tagung ‹100 Years Rudolf Steiner› ein Meilenstein in der Geschichte der Anthroposophie. Es handelt sich jedoch nicht um eine anthroposophische, sondern um eine akademische Konferenz, die Rudolf Steiner und die Anthroposophie zum Thema hatte.
Sieben Monate vor der Konferenz sprach ich mit Dan McKanan, um ihn zu fragen, ob die Anthroposophische Gesellschaft in Amerika einen Eröffnungsempfang ausrichten könnte. Zu dieser Zeit wurde die Harvard Divinity School mit Beiträgen und Vorschlägen überschwemmt. Das führte zu einer der bislang erfolgreichsten und bestbesuchten Konferenzen innerhalb des Programms zur Entwicklung der Spiritualität. Harvard startete dieses Programm im Jahr 2020, um die wissenschaftliche Erforschung neuer spiritueller Bewegungen durch Arbeitsgruppen, einen Newsletter und eine jährliche Konferenz zu unterstützen. Dieses Mal hatte sich das Vorbereitungsteam zum ersten Mal auf eine einzelne Person und eine einzelne spirituelle Strömung konzentriert. Die anhaltende und bedeutende Beziehung der anthroposophischen Bewegung zu ihrem Gründer auch nach einem Jahrhundert wurde deutlich.
Am meisten begeisterte mich an dieser Veranstaltung, dass sie unabhängig initiiert wurde. Sie war keine Anfrage der Anthroposophischen Gesellschaft an Harvard, sondern kam von den Forschern Henry Holland und Aaron French, die sich für Rudolf Steiners Werk interessieren. Sie stellten eine Frage an die akademische Welt, nicht an die Anthroposophische Gesellschaft und deren Mitglieder. Dass sie diese Frage unter der Schirmherrschaft von Harvard, einer der weltweit führenden akademischen Einrichtungen, stellten, ist für mich ein Indiz für den Einfluss, den Rudolf Steiner als Naturwissenschaftler, Philosoph und Geisteswissenschaftler auf die Welt hat. In der Vorbereitung wurde mir deutlich, dass Dan, Henry und Aaron davon überzeugt waren, eine akademische Konferenz sei am fruchtbarsten, um den Fokus auf Rudolf Steiners Leben und Werk zu richten. Außerdem waren sie der Meinung, Harvard sei der ideale Ort für solch eine Konferenz, an der sich der Anthroposophie Nahestehende, eher Fernerstehende und Kritiker im Austausch begegnen können. Ausgehend von einer wohlwollenden Neugier hofften sie auf gegensätzliche Perspektiven in jeder Diskussionsrunde. Sie begrüßten begeistert die organisatorische Präsenz der Anthroposophischen Gesellschaft in Amerika und der Christengemeinschaft.
Das Schwierigste zuerst
Der Eröffnungsempfang fand außerhalb des Campus im Hotel statt. Es herrschte eine Atmosphäre großer Vorfreude. In meiner kurzen Begrüßungsrede sprach ich über den besonderen Charakter von Rudolf Steiner als Dichter, nicht nur im literarischen Sinne, sondern auch als sein Vermögen, Übersinnliches ins Sinnliche zu übersetzen. Als Beispiel nahm ich seine Beschreibung der Keplerschen Gesetze der Planetenbewegung aus ‹Das Verhältnis der verschiedenen naturwissenschaftlichen Gebiete zur Astronomie. Dritter naturwissenschaftlicher Kurs› (GA 323, 3. Januar 1921). Dort zeigt er, wie Newton «die Keplerschen Gesetze tötete», die von Kepler zum Ausdruck gebrachte Harmonie schmälert und den Geist durch seine Beschreibung der ‹Schwerkraft› unzugänglich macht. Anstatt Newton jedoch abzulehnen, beschreibt Steiner, wie wir Newton mit lebendigem Denken beleben können.
Ich wollte die Konferenz in dieser Stimmung eröffnen: Wir standen davor, Ideen, Forschungen und Gedanken zu erfahren, die sich wie ein Angriff auf Anthroposophie anfühlen könnten. Unsere Aufgabe würde es sein, uns auf das einzulassen, was zu einem lebendigen Denken gehört und uns nicht auf Absolutes zu versteifen. Wir hatten Gedanken aufzunehmen, ob sie uns nun gefallen oder nicht, und die Kräfte für das Leben in ihnen zu wecken und wiederherzustellen. Ich erwartete auch Schwierigkeiten bei der Erforschung der Biografie eines Eingeweihten und bei Beschreibungen von Schwellenbegegnungen. Aber genau hier stieß ich auf meine eigene Voreingenommenheit. Dies war keine anthroposophische Konferenz, sondern eine akademische. Das Thema: Rudolf Steiner und die Anthroposophie. Es ist wichtig, sich dieses Unterschieds bewusst zu sein.
In der Eröffnungsrede von Henry Holland und Aaron French wurde das sogleich deutlich. Es ging ihnen um eine gründlich recherchierte und manchmal unbequeme Untersuchung darüber, wie Rudolf Steiner seinen Kritikern begegnete und auf sie reagierte. Ihr Thema lautete: ‹Biografie im Spiegel der Biografen oder Das Leben Rudolf Steiners schreiben – empirische Fakten, polemische Andeutungen und fantasievolle Einsichten›. Ich hoffte, es würde um die Schwierigkeiten gehen, denen sich Rudolf Steiners Biografen gegenübersahen – im Versuch, seinen eingeschlagenen Weg zu beleuchten, um die Vernunft und Logik der materiellen Welt mit der Wirklichkeit der spirituellen Welt zu verbinden. Stattdessen hörten wir, wie Rudolf Steiner selbst die oft widersprüchlichen Angriffe gegen ihn überwunden hatte. Nach ihrem Referat war die Stimmung im Raum deutlich anders. Wo zuvor noch feierliche Vorfreude geherrscht hatte, war nun Besorgnis, ja sogar Unbehagen, was schließlich in der Frage eines Teilnehmers zum Ausdruck kam: «Warum habt ihr das zugelassen?» Wir waren verwirrt darüber, dass Steiner nicht mehr Respekt und Ehre gezollt wurde.
Man könnte meinen, dass die gehobene Stimmung durch diese erste Begegnung gedämpft worden wäre. Doch in den folgenden Tagen zeigte sich, dass genau das Gegenteil der Fall war. Die Entscheidung, das Schwierige zuerst anzugehen und es aus der Perspektive zu betrachten, wie Rudolf Steiner sich mit wissenschaftlichen Forschungen auseinandersetzte, indem er die Gedanken anderer aufwertete, anstatt sie abzuwerten, überwand die Gefahr eines Patts zwischen Teilnehmenden und Referenten.
Die Eröffnungsfeier der Anthroposophischen Gesellschaft war der einzige Programmpunkt, der künstlerische Darbietungen zuließ. Der Abend fand seinen spektakulären Höhepunkt in Darbietungen des Eurythmy Spring Valley Ensemble (ESV). Michael Hernandez stellte mit seinem Sopransaxophon sein außergewöhnliches Talent und seine Forschungen zum Thema ‹Musik im Lichte der Anthroposophie› unter Beweis. Die Eurythmie und die Musik wirkten wie eine Brücke, die es den Teilnehmenden ermöglichte, die Spannungen des Eröffnungsabends mit Größe hinter sich zu lassen und in die folgenden Tage intensiver sozialer und intellektueller Begegnungen überzugehen.
Eine Forschungsgemeinschaft gestalten
In den folgenden Tagen herrschte eine lebhafte Atmosphäre. Der straffe Zeitplan förderte die Verbundenheit unter vertrauten Freunden und neuen Bekannten, die sich gegenseitig über das Gehörte austauschten oder sich über Entgangenes erkundigten. Es fühlte sich beinahe episch und historisch an, durch diese Hallen des Studierens zu gehen, vom James Room East zum Cader Hall und den langen, mit Teppich ausgelegten Korridor hinunter zum Speisesaal, durch hohe Steinmauern und Holzvertäfelungen vor der Kälte geschützt, die außerhalb der Bleiglasfenster herrschte.
Angelika Schmitts Präsentation unveröffentlichter Materialien aus dem Rudolf-Steiner-Archiv intonierte die Konferenz im Cader Room. Jon McAlice zeigte sein Talent als Lehrer, als er über Goethe, Schiller und die Entwicklung der Wissenschaft referierte. Oliver Rays Vortrag über anthroposophischen Anarchismus und die Dezentralisierung der Spiritualität wurde wie die Rezitation eines Gedichts vorgetragen. Besonders bewegt hat mich die Herzlichkeit und Begeisterung, mit der Boaz Huss uns in die Anthroposophie in Israel einführte: von familiärer Intimität bis zu den kulturellen Herausforderungen. Der Hörsaal war voll besetzt für Peter Selgs Vortrag über das Verhalten anthroposophischer Ärzte, Apothekerinnen und Pädagogen während der Nazizeit. Gopi Krishna referierte humorvoll und leicht verständlich Forschungsergebnisse zum Thema ‹Organisches Denken als Voraussetzung für Diskussionen über Rassen› mit. Es gab noch so viel mehr. Es war unmöglich, alles aufzunehmen. Die Erfahrung dieser Fülle teilten alle und so trug sie zum Gemeinschaftsgefühl bei: Wir mussten aufeinander vertrauen, um ein Gefühl für das Ganze zu entwickeln. Die meiste Zeit verbrachte ich damit, Teilnehmende und Referentinnen vor die Videokamera zu bringen, wo wir Interviews führten, um die Stimmung der Veranstaltung einzufangen und diesen Moment in der Geschichte der Anthroposophie weltweit festzuhalten.
Obwohl die Anthroposophie und Rudolf Steiner im letzten Jahrhundert in US-Zeitungen erwähnt wurden (darunter Artikel in der New York Times über Waldorfpädagogik, die Unruhen von 1921 in München und den Brand des Ersten Goetheanum), blieb diese Konferenz in den großen US-Zeitungen oder Medien unerwähnt. Trotz dieser mangelnden Berichterstattung war die Konferenz für die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft in den usa ein großes Erlebnis – auch weil so viele Vertreterinnen und Vertreter des Goetheanum und der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft an der Konferenz teilnahmen. Sie brachten die Wissenschaftlichkeit und die umfangreichen Forschungen mit, die dort durchgeführt werden. Die Konferenz hat in der Folge zu neuen Gesprächsgruppen innerhalb der anthroposophischen Bewegung in den USA geführt und inspiriert für die Zukunft.
Titelbild James Room East nach einer Podiumsdiskussion – Konferenzorganisator Henry Holland im Gespräch mit einer Teilnehmerin. Foto: Garret Harkawik

