Mit Faust in die Astralwelt schauen

Was Goethe vor 200 Jahren in seinem ‹Faust› beschrieb, wirkt erstaunlich aktuell: Der Weg zur inneren Klarheit führt zunächst durch die Dunkelheit. Seine Erzählung zeigt, wie wir lernen können, hinter den Oberflächen das zu erkennen, was wirklich trägt.


Wenn wir unsere Aufmerksamkeit steigern und uns von bestimmten Eindrücken durchdringen lassen, können diese tief in uns eindringen. Nach einer Weile – einer Nacht, einer Woche, einem Jahr, zehn Jahren – tauchen sie manchmal unerwartet wieder auf. Ein Bild entsteht, in dem sich die Elemente durch ihre inneren Kräfte organisieren. Das Bild füllt sich mit einer Bedeutung, die nicht von außen aufgesetzt ist, sondern den Eindrücken innewohnt und sie zu einem organischen Ganzen zusammenfügt. Unscheinbare Details können plötzlich zentral werden. Diese Erfahrung gilt in allen Bereichen des Lebens. Hier fokussieren wir auf Goethes ‹Faust›. Je aufmerksamer man dieses Werk betrachtet, desto mehr offenbart sich eine unerwartete Tiefe. Bilder entstehen. Details werden strukturell.

Spiegelungen in der Nacht

Fausts Geschichte erscheint zunächst als spannendes Abenteuer aus Magie und tragischer Liebe. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich: Es ist die Erzählung eines Menschen, dessen geistiges Auge sich öffnet. Normalerweise erwartet man, dass der innere Blick Zugang zu einer leuchtenden, vom Geist erhellten Welt erhält – einer Welt, in der Wesen von wohlwollender Klarheit erscheinen. Doch bei Faust ist das anders. Sobald sich sein geistiges Auge öffnet, begegnet er dem Teufel, dem Lügner. Er wird in die Hexenküche geführt und nimmt am Hexensabbat zur Walpurgisnacht teil. Durch zahlreiche nächtliche Szenen taucht Faust in die dunkle Seite der Welt ein.

Hier zeigt sich eine Welt der Spiegelungen. Der Teufel übernimmt Fausts Rolle als Lehrer und empfängt den Schüler – er erscheint wie ein Spiegelbild seiner selbst. Dann erblickt Faust in einem Spiegel sein spirituelles Ideal, «den Inbegriff von allen Himmeln», mitten in der abstoßenden Ausstattung der Hexenküche. «Was seh ich? / Welch ein himmlisch Bild / Zeigt sich in diesem Zauberspiegel!» Selbst Gretchen, in die er sich verliebt, erweist sich als Spiegelbild dieses spirituellen Ideals. Gerade weil sie nur ein Spiegelbild ist, nimmt die Liebe eine so tragische Wendung.

Warum nimmt das Erwachen der spirituellen Schau zunächst eine so dunkle und tragische Form an? Wenn das innere Licht erwacht, wenn die Kraft des reinen Denkens stark genug wird – wie bei Faust, als er das Johannesevangelium übersetzt –, sieht er um sich herum die zuvor unsichtbare Dunkelheit. Zuerst erscheint der Teufel. Indem Faust diese Dunkelheit erforscht – zugleich persönliche Dunkelheit und Dunkelheit der Welt –, macht sein geistiger Blick erste Entdeckungen. Er erkundet eine Welt der Nacht, zeitweise von Mondlicht erhellt. Es ist die untere geistige Welt, in die das Sonnenlicht nur als Spiegelung eindringt.

Männliches Übel, weibliches Übel

Faust sieht also zuerst Mephistopheles und dann die Hexe. Eine männliche und eine weibliche Gestalt. Aber erst später trifft Faust wirklich auf zwei Urbilder des Bösen, auch einmal männlich und einmal weiblich. Beim ersten Lesen können diese beiden Figuren unbemerkt bleiben. Die Szene spielt in der Walpurgisnacht. Während des Hexensabbats wird alles von Zug- und Abstoßungskräften durchdrungen. Es ist ein Ort ohne Ruhe, wo alles von magnetischen Kräften durchdrungen ist. Dort sieht Faust zuerst Mammon und dann Lilith, zwei Figuren, die besonders ‹magnetisch› sind.

«Erleuchtet nicht zu diesem Feste / Herr Mammon prächtig den Palast?», fragt Mephisto. Mammon, männliches Wesen, manchmal einfach ‹das Geld› genannt, verkörpert materiellen Besitz und die damit verbundene Macht – einen unrechtmäßigen Reichtum. Die Anziehungskraft des Geldes, von dem es im Evangelium heißt: «Niemand kann zwei Herren dienen: Entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.»

Der Teufel macht Faust dann auf Lilith aufmerksam: «Nimm dich in acht vor ihren schönen Haaren, / Vor diesem Schmuck, mit dem sie einzig prangt. / Wenn sie damit den jungen Mann erlangt, / So lässt sie ihn so bald nicht wieder fahren.» Lilith, eine weibliche Figur, Luftdämonin und Adams erste Frau, steht für eine Sinnlichkeit, die sich vom Göttlichen gelöst hat. Auch hier zeigt sich eine magnetische Kraft, aber von anderer Art: die Anziehungskraft der Sinnlichkeit. In der jüdischen Tradition erscheint Lilith als rebellisches Wesen, manchmal sogar als die verführerische Schlange. Einige mittelalterliche kabbalistische Traditionen sehen in ihr die ‹Mutter aller Dämonen› und vor allem die ‹Königin der Sukkuben› – jener Luftdämonen, die Männer im Schlaf verführen, um deren Samen zu rauben.

Mammon und Lilith verkörpern zwei zentrale magnetische Kräfte der heutigen Zivilisation: die Anziehungskraft des Geldes und materiellen Besitzes sowie die Anziehungskraft der fesselnden Sinnlichkeit. Sie erscheinen Faust bei seiner Erkundung der unteren spirituellen Welt – der ‹Astralwelt›, eine Welt, die nicht von der Außenwelt getrennt ist, sondern deren Innenseite darstellt. Diese zwei grundlegenden Kräfte sind aber zugleich Spiegelbilder einer höheren spirituellen Welt.

Jenseits der Spiegelungen

Der zweite Teil von ‹Faust› beginnt mit den Sonnenkräften von Ariel. Der Elf ist erfüllt von den befreienden Kräften des Vergebens, die von Prospero, dem Zauberer aus Shakespeares ‹Sturm›, ausgegangen sind. Von da an bestimmen die Sonnenkräfte Fausts spirituelle Suche. Von einer nächtlichen, mondhellen Astralwelt voller Spiegelungen geht er in eine Sonnenwelt über, wo sich Urgeister zeigen, die in sich selbst gegründet sind.

Das erste Wesen zeigt sich, als Faust während der Mummenschanz als Plutus auftritt. Plutus ist wie Mammon ein Symbol für Reichtum. Doch während Mammon unrechtmäßigen, gegen Gott erworbenen Reichtum verkörpert, vertritt Plutus – Sohn der Demeter – Reichtum als aus der Natur gewonnene ‹Prosperität›. Es ist ein Reichtum, der im Einklang mit der Natur entsteht und auf Freigiebigkeit beruht. Prosperität ist ihrem Wesen nach ein Reichtum, der mit anderen geteilt wird. Ein sonniger Reichtum, der sich ausbreitet und verschenkt. Dieser Reichtum liegt nicht außerhalb von Faust: Er selbst ist dieser Reichtum. Faust ist erfüllt von dieser Kraft, der Reichtum wohnt in ihm. Er erkennt, dass jeder wahre Reichtum aus dem Inneren des Menschen kommt. Hier zeigt sich die ursprüngliche Kraft des Reichtums auf der höheren spirituellen Ebene. Jeder Mensch ist eine Quelle des Reichtums, wenn er sich selbst findet und in seiner eigenen Kraft erblüht. Er wird nicht mehr von Mammons Anziehungskraft erfasst, weil der Reichtum in ihm selbst ist. Das Erscheinen von Plutus offenbart ein Wesen, das über Mammon steht.

Das zweite zentrale Wesen ist Helena. Faust steigt hinab zu den ‹Müttern›, um sie vor allen Augen zu zeigen. Helenas Sonnenstrahl hatte sich bereits im Zauberspiegel der Hexe und auf Gretchens Stirn gespiegelt. Jetzt ist es nicht mehr nur das Spiegelbild, sondern Helena selbst, die auftaucht – die sonnige und himmlische Schönheit, Offenbarung des Geistes im Sinnlichen. Auch Lilith ist eine Form der Schönheit im Sinnlichen, aber eine magnetische Schönheit, die einen nicht freilässt und denjenigen gefangen nimmt, der ihr unterliegt. Helena lässt frei. Sie ist die Schönheit, die man anschaut, aber nicht besitzt. Sie ist die Schönheit, wie sie in einer höheren Welt erscheint. Helena lebt nicht in exklusiver Liebe wie Lilith, die hypnotisiert, oder Gretchen, die die ewige Liebe im Blick hat. Helena lebt von einer Liebe des Augenblicks, die auch eine vielfältige Liebe ist. Sie hat viele Männer und Frauen geliebt. Wer sich zu dieser weiten und sonnigen Liebeskraft erhebt, die sich aus der Kontemplation nährt, ohne etwas für sich zu beanspruchen, schützt sich vor dem Griff der Lilith.

August von Kreling, ‹Der Traum von Faust›, ca. 1874, Wikimedia

Schatten im Land der Sonne

Doch die Geschichte ist damit noch nicht zu Ende. Nach dem Erscheinen von Plutus kommt das Papiergeld auf. Dieses Geld fließt in die Gesellschaft – aber was wird der Kaiser damit machen? Dieser Reichtum kann Unglück bringen, wenn er missbraucht wird und wieder unter den Einfluss von Mammon gerät. Ähnlich verhält es sich mit Helena: Faust vermag es nicht, in reiner Kontemplation der Schönheit zu verharren. Er verliebt sich in seine Schöpfung und will sie ergreifen, um sie an sich zu halten. Er ist noch nicht reif für diese höhere Region der Geisteswelt. Die Fortsetzung der Erzählung zeigt, wie Faust diese beiden Klippen überwinden wird.

Die Faust-Geschichte malt zwei Ebenen der geistigen Schau. Zuerst öffnet Faust sein inneres Auge in der Astralwelt und schaut auf Kräfte, die den Menschen vernichten können. Nachdem er eine Art inneren Tod erlebt hat, öffnet sich sein Blick für die höhere, sonnige geistige Welt. Die Kräfte der höheren Welt sind jene, in denen der Mensch sich selbst findet. Doch auch die Wesen der unteren Welt spielen eine wichtige Rolle: Da sie sich von den ursprünglichen Göttern entfernt haben, sind sie die Garanten für die Freiheit der menschlichen Seele.

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