Im Spiegel der Vergangenheit

Der Umgang mit karmischen Eindrücken fordert Achtsamkeit, Bescheidenheit und die Fähigkeit, echte Ich-Erinnerungen von Identifikationen mit historischen Vorbildern zu unterscheiden.


Zunehmend sprechen Kinder von Erinnerungen aus der Zeit vor ihrer Geburt, oft aus der jüngeren Vergangenheit. Sie erinnern sich an Orte, an denen sie noch nicht waren, oder an Gegenstände und wie man damit umgeht. Das Kind weiß einfach über einen bestimmten Ort der Erde Bescheid. Es erinnert sich an Bedrohung, Hunger oder Gewalt, wie es sie in seinem kurzen Leben nicht hat erleben müssen. Bei solchen Kindererzählungen hilft es Kind und Eltern, einfach zuzuhören und sachte zu fragen. Nicht zu werten, sondern eher zu warten: Vielleicht spricht das Kind noch weiter über diesen Erinnerungsstrom. Eine große Herausforderung ist es, die Worte nicht zu interpretieren und dem Kind dadurch etwas anzuhängen. Denn jeder Lebensbeginn soll frei sein. Darum haben wir so vieles vergessen. Die Vergangenheit soll unsere Freiheit nicht erdrücken.

Doch auch Erwachsene machen die Erfahrung, sich unvermittelt in einer anderen Zeit von anderen Personen umgeben zu wissen: Ein Bewusstseinsschub versetzt den Menschen in eine vergangene Welt, über die er alles weiß, doch in der er nicht handeln kann. Die Vorgänge sind im Äther eingeschrieben, man erlebt und weiß bereits, was geschieht. Man weiß auch von drohenden Verhängnissen, die eintreten, doch hat man nicht die vertraute Handlungsfreiheit. Dann ebbt der Vorgang ab und man findet sich wieder im gewohnten Umfeld. Eine solch spontane Schau in die Vergangenheit kann durch verschiedene Vorgänge ausgelöst werden: eine heftige Verliebtheit, eine Reise, ein Unfall oder eine Auseinandersetzung.

Mit den Eindrücken umgehen

Für einen Menschen, der mit einem spirituellen Hintergrund lebt oder gar mit der Anthroposophie vertraut ist, ist das einschneidend und wirft heftige biografische Wellen. Ein Blick in die eigene Vergangenheit erschüttert uns in den Grundfesten, und es ist wertvoll, sorgsam damit umzugehen. Doch für einen Menschen ohne diese Vorbildung ist der Einschnitt ungleich erschütternder. Darum ist hier große Achtsamkeit gefragt, denn die aktuelle Psychiatrie greift gerne zu Psychopharmaka, ohne sich um die Herkunft der Bilder zu scheren. Zwar sind Mediziner sehr achtsam bei Nahtoderlebnissen, weil die Betroffenen danach oft radikal ihr Leben umkrempeln oder plötzlich selbstmordgefährdet sind. Doch die allgemeine Medizin hat kein Angebot für eine Patientin, die sich als Narr im Narrenkostüm in einer frühneuzeitlichen Stadt gefühlt hat.

Für diese Einschnitte ins Leben ist meine Praxis für Fragen von Karma und Reinkarnation ein Angebot: Jeder Mensch, der sich zum Thema Fragen stellt oder entsprechende Erlebnisse hat, wird mit therapeutischer Achtsamkeit begleitet. Dabei ist die Offenheit gegenüber Menschen ohne anthroposophische Vorbildung besonders wichtig, denn sie sollen sich von einem Anspruch auf Vorwissen nicht abgeschreckt fühlen.

Vielleicht scheint es ungerecht, dass mancher viele Jahre sucht und übt, um einen karmischen Eindruck zu erhaschen, und ein anderer gerät so ohne Weiteres ‹zu dem Glück›. Wenn wir uns  aufmachen, nach karmischem Aufleuchten zu suchen, so ist dabei Offenheit eine wichtige Voraussetzung. Diese Offenheit liegt tiefer als das Bewusstsein und ist mit Vertrauen in göttliche Fügung verbunden. Welche Gründe ein Mensch in der Zeit des Materialismus auch hat, das Vertrauen verloren zu haben, können wir doch an diesem Vertrauen arbeiten.

Gelangt man über die Übungen von Rudolf Steiner zu karmischen Eindrücken, so sind diese oft sehr intim. Sie lassen sich kaum vom Seelenleben unterscheiden. Vielleicht fällt es einem sehr schwer, sich darauf zu konzentrieren. Das karmische Bild ist wie die Nadel im Heuhaufen der Gedanken. Doch die Konzentration darauf verstärkt die Fähigkeit, geistige Wahrnehmungen zu fassen. Diese besondere, freilassende Konzentration auf die zarte Spur der Erinnerung bringt Übung zur vertieften Selbsterkenntnis.

Ich und Ego

Im Vortragswerk Rudolf Steiners gibt es immer wieder Hinweise darauf, dass die in der theosophischen Gesellschaft gebräuchliche Selbstwahrnehmung hinderlich ist: Hält man die eigene Vergangenheit für edel und einflussreich, so verstellt man sich die Wahrnehmung für vergangene Momente, in denen man Leid und Schmerz erlitten oder zugefügt hat. Doch unsere Vergangenheit ist vielfältig. Darum sind Bescheidenheit und Dank für empfangene Eindrücke grundlegend. Unser Dank und unsere Demut gegenüber der Begegnung mit unserer Vergangenheit scheint voraussetzend zu sein, um Klarheit über sich zu erlangen.

Dabei ist eine große Frage, wie wahr oder täuschungsanfällig unsere karmischen Eindrücke sind. Auch Rudolf Steiner äußerte sich pointiert darüber, dass gewisse Personen ‹vielfach besetzt› sind. Kleopatra, Maria Magdalena oder Friedrich Schiller sind beliebt. Dagegen treten der Schuhputzer von Ludwig XV. oder die Haushälterin von Katharina der Großen weniger oft auf. Daran wird deutlich, dass Menschen, die in ihrer Zeit eine weitreichende Wirkung hatten, auch in die Nachwelt ausstrahlen. Viele Menschen haben sich über Jahrhunderte mit eindrücklichen Persönlichkeiten identifiziert und diese Identifikation mitgenommen. Selbstredend verwischen hier luziferische Impulse die Grenzen, sodass das Ego die Wahrheit verdeckt. Luzifer, als geistige Wesenheit von Kunst und Illusion, wirkt so auf die Seele, dass wir unser Selbstbild ausschmücken.1

Doch wenn immer sich ein Mensch zu einer herausragenden Persönlichkeit hingezogen fühlt und darin wiedererkennt, so ist diese Hinwendung durchaus ernst zu nehmen. Nicht, weil die Individualität identisch sein muss, sondern um zu lernen, was die Faszination in uns auslöst. Was lieben so viele Menschen an Kleopatra oder Parzival?

Vorbilder

Gerade bei einer Persönlichkeit, deren Lebensschritte zum Mythos wurden, ist der Vorbildcharakter weitreichend. So geht Parzivals Weg viele Menschen an und viele können dies in sich lebendig machen. Das innerlich starke Erleben kann sich wie eine Erinnerung anfühlen. Der Mensch erlebt sich gleich dem Parzival. Doch um dieses Erleben zu haben und daran zu wachsen, muss nicht jeder davon die Individualität Parzivals gewesen sein. Die großen Vorbilder und Helden gehören vornehmlich der Verstandes- und Gemütsseelenzeit an. Damals prägte ein Volksheld seinen Stamm bis ins Aussehen, die Werte und die Gesetze: Herakles, Siegfried oder Dido von Tunis sind solche Vorbilder und Stammesheldinnen. Auf sie schauten viele Menschen und taten es ihnen innig nach. Sie lernten von dem gottumwehten Vorbild. Diese Haltung liegt noch in unseren Seelenanteilen verborgen, die der Verstandes- und Gemütsseele angehören. Wir sind uns dessen nicht bewusst, doch wir handeln danach. Darum halten wir uns für eins mit einer anderen Individualität.

Aus der Bewusstseinsseele aber ist es wichtig, die Ebenen zu unterscheiden: Was ist der Weg meines Ich, was ist die Individualität, deren Wirken ich so viel verdanke? Diese präzise Unterscheidung zeichnet die Bewusstseinsseele im Besonderen aus. So darf das Ich sich zu der Reife durchringen, den anderen Menschen wieder loszulassen und zu sich zurückzukehren.

Innig und persönlich

Die wirkliche Erinnerung an unsere Vorleben zeichnet sich hingegen dadurch aus, dass wir ganz innig erleben. Grundehrlich stehen wir unseren Vorzügen und Schwächen gegenüber. Wir beschönigen nicht auf gewohnte Weise. In der Geistesschau sind wir zunächst klar. Im Nachklang kann das verfliegen und man redet sich die Dinge besser, als sie sind. Doch die Wahrnehmung selbst ist ehrlich. So würde man auch als eine berühmte Person ein ganz subjektives Bild haben, nicht das Fremdbild der Nachgeborenen. Daran kann sich jeder Mensch prüfen: Komme ich ins Subjektive und in ein gewisses Selbstverständnis hinein, oder beschreibe ich den Menschen, wie es in den Büchern steht?

Feinfühligkeit

In diesen Dingen können wir uns Menschen auch gegenseitig unterstützen, indem wir liebevoll nachfragen und bewegen. Was ein Mensch innerlich als Karmaerlebnis hat, darf er mit Vertrauten oder Therapeutinnen teilen, um sich besser kennenzulernen. Das kann Klarheit bringen und uns Irrwege erkennen lassen. Wie bei allen geistigen Erlebnissen ist es jedoch sinnvoll, sie innerlich zu behüten und nicht zum öffentlichen Gespräch zu machen. Denn im Klatsch wird selbst Wahres unwahr: Die Inhalte des Geistes bedürfen eines Rahmens und einer inneren Bescheidenheit, in der sie ausgesprochen werden. So wenig es sinnvoll ist, die Angaben Rudolf Steiners über das Karma einiger Menschen wie einen Wissensapparat zum Besten zu geben, so wenig ist es angebracht, das Stadtgespräch mit den eigenen Erlebnissen zu würzen.

Da wir Menschen allmählich (wieder) erlernen, mit Karma und Reinkarnation vernünftig umzugehen, dürfen wir auf unserem Weg auch irren. Doch gerade dieses Thema, das uns und andere Menschen so intim erfasst, kann uns lehren, respektvoll und warmherzig zu sein. So tun wir weder uns noch anderen Unrecht. Wollen wir uns doch im Erkennen des Karmas nicht karmisch verstricken.


Bild Karo Kollwitz, ‹Interference›, 2014

Fußnoten

  1. Vgl. die Plastik ‹Der Menschheitsrepräsentant› sowie die ‹Mysteriendramen› von Rudolf Steiner.

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