Wer einen Körper hat, hat auch eine Haut. Sie ist die Grenze, an der sich innen und außen unterscheiden. Wer eine Haut hat, nimmt sich selbst und anderes wahr. Wir haben Gänsehaut, wenn wir uns fürchten, aber auch, wenn wir den eisigen Wind einer Januarnacht empfinden. Haut ist auch jenes Organ, an dem sich Berührung ereignet. Und wie schön ist das Streicheln eines geliebten Menschen. Poetisch geschaut, haben wir auch eine ‹Herzhaut›, die von unserem Fühlen durchdrungen ist, eine ‹Augenhaut›, die unser Sehen befühlt, oder gar eine ‹Lichthaut›, die Geist ertastet. Mit ihnen nehme ich Berührungen in und aus unterschiedlichen Sphären wahr. Bei jedem dieser Kontakte erwacht auch ein Drittes, das mehr ist als die Innen- und Außenvermittlung eines Subjekts und eines Objekts. Es ist wie das geistige Pendant, die Idee der Haut, des Wahrnehmens selbst, die dieses Dritte zur Erscheinung bringen kann. Nämlich jenes, was aus der Berührung zwischen zwei Wesen als ein neues Bild sich zeigt. ‹Haut› ist also auch eine Leinwand. Etwas kann zur Anschauung kommen, also physisch-geistig wahrnehmbar werden.
Bewusst Haut werden heißt zunächst, ich zu bleiben. Dann heißt es, berührbar zu bleiben, allen möglichen Verletzlichkeiten zum Trotz. Und berührbar bleiben in einer digitalen, körperlosen Welt heißt weiter, uns unsere Wahrnehmungsmöglichkeit zu erhalten. Was wir erfahren können über die Welt und uns mit einem Körper und einer Haut, ist etwas ganz anderes als unser Wissen über die Welt. Haut sein heißt, selbst zu sein: nämlich jenes Individuum, das die Erfahrung macht und erlebt. Wer keine Haut mehr hat, hat kein eigenes Leben. Deshalb lohnt es, auf sie achtzugeben.
Foto Engin Akyurt








