Sachlich und quellenreich blickt Albert Schmelzer in seiner jüngsten Publikation auf Begriffe im steinerschen Œuvre, die oft von Kritisierenden herangezogen werden.
Am Leitfaden der Biografie Steiners kontextualisiert der emeritierte Hochschullehrer aus Mannheim/Alanus das «Spannungsfeld von Freiheitsphilosophie, Menschenrechten, Nation und ‹Rasse›». Und ein Spannungsfeld ist es in der Tat, was hier kenntnisreich aufgezeigt und in seiner Bedeutung zu verschiedenen Zeitpunkten unter diversen politischen Umständen vertieft wird. Sowohl Anthroposophinnen als auch mit Steiners Weltanschauung wenig Vertraute können Schmelzers Narrativen leicht folgen, weil er einerseits historische Gegebenheiten verständlich darlegt, andererseits die jeweiligen Intentionen Steiners erklärt. Dabei zieht der Autor unterschiedlichste wissenschaftliche Literatur heran in der Absicht, ein möglichst umfassendes Bild zu zeichnen davon, wie Steiner im Laufe seines Lebens und je nach Kontext nicht nur Begriffe verschieden gebraucht, sondern auch seine Einstellungen immer wieder verändert hat. Schmelzer flicht auch als Kritik wahrgenommene Äußerungen ein und korrigiert sie gegebenenfalls.
Er beginnt mit einer breiten Tour d’Horizon, um den Stand der Wissenschaft zwischen 1492 und Steiners Lebzeiten zu charakterisieren. Die Kapitel drei bis sechszehn widmen sich Lebensphasen und -aufgaben und untersuchen, inwiefern Steiner auf die im Titel genannten Begriffe jeweils einging. Jedes Kapitel schließt lesefreundlich mit einer Zusammenfassung. Während zum Beispiel Steiner Bismarck 1898 anlässlich dessen Todes als «staatsmännisches Genie» feierte, kritisierte er wenige Jahre später, dieser habe rücksichtslose Politik betrieben, wenn die Gunst der Stunde dies ermöglichte. Steiner revidierte ebenso seine Urteile über Wilhelm II. sowie Deutschlands Schuld am Ersten Weltkrieg.
Für die heutigen Diskussionen gravierender stellen sich Äußerungen zum Thema ‹Rasse› dar: Von Schmelzer stets in Anführungszeichen gesetzt, weil inzwischen als Konzept bar jeder Realität erkannt, nutzte Steiner das Wort oft unachtsam kritiklos – im Stile der Zeitgenossinnen und Zeitgenossen. In seiner Lehre benannte er den Zusammenhang der Inkarnationen zunächst so, dass er Hierarchisierungen nach Entwicklungsgrad vornahm, etwa in den von den Theosophen Sinnett und Blavatsky eingeführten «Wurzelrassen», die er durch sein Lesen in der Akasha-Chronik in der Geschichte verortete. Aber Steiner nahm auch eine – heute ebenso inakzeptable – Hierarchisierung der Hautfarben vor. Er relativierte diese Position später durch die Behauptung, man inkarniere sich zum Ausgleich ja mal da, mal dort. Schmelzer benennt klar die auftretenden Widersprüche zwischen diesem Konzept, einer Relativierung der ‹Rassen› und Steiners Absage an Rassenideale ab 1917, um zuletzt in den ‹Arbeitervorträgen› spontan fatale Äußerungen einer weißen «Überlegenheit» zu tätigen. Offen bleibt, wie einem Geistesforscher ein solcher Standpunktwechsel passieren konnte. Schmelzer nennt als eine Ursache für diese Widersprüche fehlende Forschung Steiners: Dieser habe fluide Konzepte nicht weiter vertieft, es sei für ihn ein eher marginales Thema gewesen. Um ein gerechtes Urteil fällen zu können, ist zu bedenken, dass der Großteil der Gesamtausgabe Vorträge enthält, die adressaten- und situationsbezogen frei formuliert wurden.
Ein weiterer Widerspruch liege, so Schmelzer, in der Antwort auf die Frage, ob Geschichte nach Steiner teleologisch verlaufe oder von Menschen in Freiheit offen gestaltet werde: Für beide Positionen ließen sich Belege finden. Schließlich überwiege jedoch die Annahme einer individuellen Selbstbestimmung der Bewusstseinsseele. Steiner, so Schmelzer, korrigierte seine negative Haltung Juden gegenüber im Laufe der Zeit (anders als Kant, Fichte u. a.). Während er als junger Mann die Stereotype seines Umfelds übernommen habe, distanzierte er sich später vom grassierenden Antisemitismus. Auch seinen Kulturchauvinismus korrigierte er. Stringent durchgehalten habe Steiner jedoch seine Betonung des Individuums, folgerichtig schätzte er seine ‹Philosophie der Freiheit› als sein wichtigstes Buch ein.
Das Hauptverdienst des neuen Bandes von Schmelzer scheint mir zu sein, dass er belegt, wie Steiner – je nach aktueller politischer Situation, seinen Lesefrüchten, den zeitgenössischen Diskursen, der Zuhörerschaft, seinen Absichten etc. – immer wieder neue Blickwinkel einnimmt und Akzente setzt. Schmelzer hat den Mut, an Schmerzpunkte zu gehen und aus historischer Distanz Ambivalenzen, Meinungsänderungen, ja Vorurteile, Stereotype und Irrtümer Steiners in vielen Lebensphasen und Arbeitsfeldern zu hinterfragen und deren Zeitverhaftetheit belegt zu historisieren. Diese Frucht von Schmelzers jahrzehntelangem Ringen um viel kritisierte Begriffe bei Steiner sei Interessierten wärmstens ans Herz gelegt. Maria-Sibylla Hesse
Buch Albert Schmelzer: Rudolf Steiner im Spannungsfeld von Freiheitsphilosophie, Menschenrechten, Nation und ‹Rasse›. Info3-Verlag, Frankfurt/Main 2025

