Basel, Schweiz. Die Auseinandersetzung mit Rudolf Steiners ‹Philosophie der Freiheit› ist ein zentraler Bestandteil des Goetheanum-Studienjahres. Michelle Yang, die ursprünglich aus China kommt, teilt ihre Erkenntnisse.
Was wir einen ‹Weg› nennen, entspringt weder einem einzigen Punkt, noch führt er zu einem vorbestimmten Ziel. Es ist ein sich stetig entfaltender Prozess, eine Bewegung, deren Ausgangspunkt das Leben selbst ist. Solange ich aus dem Leben heraus handle, besteht diese Bewegung fort. Egal, ob sich der Körper bewegt oder ruht, ob man sucht oder innehält, in dieser Entfaltung bestimmen Handlungen nicht mehr den Fokus des Lebens. Die Aufmerksamkeit verschiebt sich. Sie fragt nicht mehr: Wo gehe ich hin? Auch nicht: Was soll ich werden? Nicht einmal: Wer bin ich? Freiheit hängt nicht von der Suche nach dem Selbst ab. In diesem Zustand muss ich nicht wissen, wer ich bin; ich muss keine bestimmte Person werden. Ich muss keine endgültige Antwort finden. Durch das Wegfallen dieser Fragen entsteht eine neue Klarheit: Verantwortung. Nicht von außen auferlegt, sondern ganz natürlich aus dem Leben selbst entstehend. Als Mensch trage ich Verantwortung für mich selbst; als Mutter Verantwortung für meine Tochter; für ihren kleinen Hund; für meine Eltern; und für die Welt. Diese Verantwortung wächst organisch aus dem Handeln selbst, nicht aus Regeln oder Erwartungen. Freiheit bedeutet also nicht, sich abzuwenden und wegzugehen; vielmehr manifestiert sie sich durch Engagement: in dem Leben, das wir haben, etwas zu unternehmen, zu handeln, zu erfüllen, was erfüllt werden muss. Jede Handlung, so flüchtig sie auch sein mag, ist eine Brücke zwischen Freiheit und Verantwortung, die Vergangenheit und Gegenwart, Selbst und Welt verbindet. Es gibt keinen Endpunkt. Es braucht keinen Anfang. Nur Kontinuität. Solange ich aus mir selbst heraus handle, fließt dieser Strom weiter. Dann bin ich bereits in ihn eingetaucht. Ich möchte ein Gedicht von Bian Zhilin aus dem Jahr 1935 teilen, das mich seit meinen frühen Zwanzigern begleitet: «Du stehst auf der Brücke und siehst das Geschehen; Der Beobachter sieht dich von seinem Balkon. Dein Fenster schmückt der helle Mond; Die Träume eines anderen schmückst du.» Für mich spiegelt das Gedicht die Erfahrung des Sehens und Gesehenwerdens wider, des Handelns und Teil-Seins der Handlung eines anderen. Freiheit und Verantwortung werden nicht in Isolation gelebt, sondern in Beziehung.
Bild Michelle Yang, Foto: privat
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