Die Seele, die den Auferstandenen empfängt

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In der Figur der Maria Magdalena erscheint die Überwindung des Todes nicht als Lehre, sondern als innere Erfahrung. Wie verändert sich unser Blick, wenn wir den Auferstandenen in der Seele empfangen? Eine kleine Reise an verschiedene Orte versucht, sich dieser Frauengestalt zu nähern.


Lalibela 2015

Im Norden Äthiopiens, in der kleinen Stadt Lalibela, dürfen Frauen eine der elf Felsenkirchen nicht betreten. Es ist Bete Golgatha, wo verborgen im Allerheiligsten das symbolische Grab Jesu zu finden ist. Ein Hochrelief an der Wand der kleinen Kapelle zeigt seinen Leichnam von zwei Engeln bewacht, erzählt man mir später. Ich warte in der unmittelbar davor gelegenen Bete-Debre-Sina-Kirche. Ich warte als Maria Magdalena, die den Auferstandenen zuerst sah. «Damit bist du als Frau ja schon gesegnet», sagt der Diakon leicht schmunzelnd zu mir, bevor er mit den Männern, die Nachholbedarf hätten, hineingeht.

Maria Magdalena. Jene, die am Ostermorgen den ‹Rabbuni›, den Meister, erst für den Gärtner hält und ihn dann mit klopfendem Herzen erkennt. Die Vibration der Erde schwingt auf ihr Herz über. Das Licht im Körper des Auferstandenen im Morgengrauen trifft auf die im Leben schon Geläuterte, weil Er für sie sprach, als Menschenbruder. Aber noch darf sie Ihn nicht anrühren. Sie ist die erste menschliche Seele, die dem Wunder der Auferstehung begegnet. Eine weibliche Seele, in ihren Qualitäten und ihrer Biografie ganz anders als Maria, die Mutter Gottes, die Ihn unbefleckt empfangen hatte, die in Äthiopien ‹das Versprechen der Gnade› genannt wird. Maria aus Magdala kam zu Jesus als Sünderin. Sie wusch Ihm die Füße mit ihren Tränen und trocknete sie mit ihren Haaren. Erst durch Papst Johannes Paul II. und Papst Franziskus wurde sie gewürdigt als erste Zeugin, die den Jüngern die Botschaft der Auferstehung brachte. Sogar ein apokryphes ‹Evangelium der Maria›, das ihr von heutiger Forschung zugewiesen wird, ist im Ägyptischen Museum in Berlin ausgestellt. Darin sind Gespräche zwischen ihr und Christus beschrieben. Sie stellt Ihm Fragen zur Natur des Menschen. In den erhaltenen Fragmenten steht am Anfang die Frage nach der Zerstörung des Stofflichen im Tode. Der Auferstandene antwortet: «Alle Wesen (griechisches Lehnwort physis), alle Gestalten (plasma), alle Geschöpfe (ktisis) bestehen ineinander und miteinander. Sie werden wieder vergehen bis auf die Wurzel. Denn das Stoffliche löst sich nur bis zu den Wurzeln ihres Wesens auf.» Maria Magdalena fragt auch: «Wenn einer eine Vision hat, nimmt er sie mit der natürlichen Seele auf oder mit dem Heiligen Geist?» Christus antwortet: «Nicht mit der Seele und nicht mit dem Heiligen Geist, sondern durch das Verstehen. Das liegt in der Mitte zwischen beiden.»1

Rennes-le-Château 2025

Im Département Aude im okzitanischen Süden Frankreichs kursieren unzählige Erzählungen über Maria Magdalena. Der Heilige Gral sei hier versteckt. Mit dem Schiff aus dem Gelobten Land kommend und in Saintes-Maries-de-la-Mer angelandet, habe sie in einer Grotte unterhalb des heutigen Rennes-le-Château den Rest ihres Lebens verbracht. Der Buchladen des kleinen mittelalterlichen Dörfchens mit 150 Einwohnenden ist voll von New-Age-Büchern, Kristallen, Räucherstäbchen – ein esoterischer Tourismus. Vor vielen Jahren wurde ich dort von einem Templerpärchen, das unweit der Maria Magdalena geweihten Kirche lebt und an seinem Haus das Kreuz der Templer angebracht hat, herzlich zum Mittagessen eingeladen. Die Landschaft der Corbières ist wie ein sanfter Schoß, weit und mild in ihrer Rauheit. Rennes-le-Château liegt auf einem Hügel, von dem aus der Blick in alle Richtungen frei schweifen kann. Erstaunlich viele Schmetterlingsarten spielen im Sommer am Wegesrand. Ein milder Glanz liegt in der Luft, eine sanftmütige Stimmung. Das Kind fühlt vielleicht einen ähnlichen Zauber, als es in der kleinen Kirche mit seinem Vater die Kerzen brennen sieht und selbst eine anzünden will. Das wasserblaue Gewölbe ist von ‹Seesternen› bevölkert. Von oben geschaut tauchen wir durch die Sternensphäre ein in den Schoß der Mutter, in die sinnliche Welt, in die Erfahrung von Körper. Auf rosa Grund, der nur wie ein Vorhang vor die Weite des Kosmos gespannt ist, schwimmen rötlich-goldene ‹Inseln› wie Blutkörperchen, wie Keimzellen, wie Kreise der Ewigkeit, aus denen sich das Leben quellend hervorbringt. Sie schweben im Dunkel der Altarrückwand, nur spärlich beleuchtet und gesehen durch einen unscharfen Blick. Sie entstammen nicht der Erde, sondern der Seele selbst, die ahnend empfindet. Maria Magdalena, als Einzelfigur zu meiner Rechten, hält ein Kreuz, so groß wie sie selbst. Ihr Gewand ist innen rosa und außen gold. Zu ihren Füßen ein Totenschädel. Sie trägt ein silbernes Gefäß am Herzen. Ihr Antlitz ist mild mit großen Augen und langem Haar. Sie schaut in die Ferne und hat eine Lieblichkeit, die nicht aufdringlich ist. Sie steht für sich selbst. Sie ist rein dargestellt, als hätte sie nie schmutzige, zerschundene Füße gehabt, nachdem sie von der Prostituierten zur Begleiterin Jesu geworden war. Auf dem Altarbild schmiegt sie sich an das Gewand des Herrn, der alle heilen wird, wie die Inschrift besagt. Als ahne sie, dass Geist in Materie lebt. Worum würde ich diese Frau bitten, frage ich mich während der Stunde, die ich im kühlen Dämmer der Kirche verbringe, während draußen 35 Grad Mittagshitze schwelen. Um schönes Lieben, um die Fähigkeit, meine Seele so zu bereiten, dass ich verzeihlich die Schönheit des anderen anerkennen kann, weil die Seele des Menschen selbst schön ist. Ich spüre, dass mein Herz sich noch in anderen Rhythmen bewegt, die weiter und nicht körperlich sind.

Meister von Magdalena, Toskana ca. 1280–1285, gemeinfrei

Basel 2026

Nach der Dunkelheit ist mir nun wieder diese wilde, dreckige, dunkle, schöne Welt eine Zuflucht. Sie ist, was mir gehört. Mein erster Anker nach der Berührung mit dem Flammengeist sind zwei sich beschimpfende Möwen. Ihr Kreischen, ein Steingesang, ist so echt wie das Atmen. In einem etwas schäbigen, französisch anmutenden Café, in dem nur Männer sitzen, finde ich, geborgen für eine Weile, zurück zu mir. Verborgen vor der Hochkultur, vor den Meistern, vor der Bewunderung. Und immer noch kommen mir die Tränen im Angesicht des Unsagbaren, das wir sind und das wir verletzen, auch wenn wir es nicht wollen, im Angesicht der Dunkelheit und des Lichts. Der Himmel im Himmel ist einsam. Ist es diese Einsamkeit, die Jean Genet spürte, in seinem Empfinden der absoluten Gleichheit aller? Hat der Himmel mich einsam gemacht? Der Kellner, er könnte algerische Wurzeln haben, weiß von den Geheimnissen der menschlichen Seele. Er sieht und lässt mich in Ruhe. Er poliert die Gläser, sortiert das Besteck weg. Dire Straits aus der Musikanlage, sein leises Mitsingen, an den Wänden wie Erinnerungen an Verstorbene Schwarz-Weiß-Porträts von Männern. Eine einzige Frau ist unter ihnen, für sie ein Keramikschmetterling am Rahmen. Die Bewegungen des Algeriers wirken versehrt, langsam, achtsam und doch mit einer gewissen Distanz. Er erinnert mich an den ‹Fremden›. Sein «Tschüss», das er dem gehenden Gast nachruft, ist liebevoll unpersönlich, es enthält kein Bedürfnis, erinnert zu werden. Ich habe nur Bargeld für einen Kaffee, beheimate mich aber doch für länger hier. Irgendwann frage ich ihn, wo der nächste Geldautomat ist, und lasse all mein Zeug am Tisch. Ich will es wagen, ich will glauben, dass ich vertrauen kann. Ich spiele dieses Spiel um der menschlichen Seele willen. Alles, was ich bin, ist in meinem Computer enthalten, den ich hier lasse, um den Bankautomaten zu suchen. Als ich nach etwa 15 Minuten wiederkomme, ist alles noch da. Und ich bestelle den zweiten Kaffee.

Ostermorgen, Jerusalem, 33 n. Chr./2026

An der Schwelle zum neuen Tag ist Maria Magdalena das Morgenrot, der Augenblick, in dem das Licht als Rosenglanz erscheint, bevor es so weit aufgestiegen ist, dass es alles erleuchtet. Sie empfängt das neue Licht in ihrer Seele, nicht in ihrem Körper. In ihr spiegelt sich das Zusammenspiel und die Zusammengehörigkeit von Licht und Materie. Sie ist der erste Wärmehauch nach der dunklen Nacht. Sie scheint naiv, denn sie hat keine Fragen. Ihre Unschuld kennt keinen Zweifel. Sie wird zur ersten Verkünderin. Ist sie die Seele, die den Menschensohn im Lieben erkannte? In einer neuen Welt, die sich durch mich in sich selbst begreift, ist Maria Magdalena die bereitete Seele, die an das Wunder glaubt. In ihr hat die Sanftmut und Liebe des Christus bereits eine ‹Sicherheit› gewebt, die wie ein Klang ist, nicht wie ein Wissen. Was Christus im Geiste vollbringt, spiegelt sich in der Seele der Maria aus Magdala. Sie fühlt das Wunder. Aus diesem Empfinden und Empfindungsvermögen schufen die großen Künstlerinnen und Künstler ihre Werke. Ihre Ausdrucksmöglichkeiten speisen sich aus diesem Empfinden-Können. Eine Kraft ist auf Erden erschienen. Im Himmel ist sie Herrlichkeit, aber auf Erden ist sie schaffende Schönheit. Schön ist die Seele, die bereit ist, den Himmel zu begrüßen. Kann mein Blicken anmutig werden? Kann ich die Welt mit meinen Blicken sanftmütig streicheln? Kann ich sie empfangen, wie Maria Magdalena den Auferstandenen, der in uns allen lebt? Kann es sein, dass sie die empfindende Mitte ist, die in durchgeistigter Erde atmen lernt und ein Bewusstseinsreich eratmet und erlebt, das den Lebensgeist wahrnehmbar, weil empfindbar werden lässt?

Wenn ein Antlitz ein Antlitz berührt, tritt ein Sehen auf, das sich unter der Oberfläche bewegt. Wenn die Dinge zu sprechen beginnen, schmilzt ihre Sprache meine alte Form. Das Wissen aus der Herzquelle lässt sich nicht festhalten.

Fußnoten

  1. www.wikipedia.org/wiki/Evangelium_der_Maria
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