An Ostern vollzieht sich die Fleischwerdung des Menschenbruders. Sie ermöglicht eine Erde im sozialen Leben für alle nachfolgenden Schwestern und Brüder. Nebeneinander sitzen wir beim ersten Abendmahl.
Inkarnieren heißt Fleischwerden. Nirgends ist es so klar in einem einzigen Wort gefasst worden wie im Prolog des Johannesevangeliums: ‹Sarx egeneto› – der Logos ist Fleisch geworden. Ab diesem Moment soll die Menschwerdung Gottes vollzogen werden. Und dieser Vollzug findet auf Erden statt, das heißt im Räumlichen. Aus der Zeit ist Er in den Raum herabgestiegen. Seine Raumesgestalt ist nicht wie ein Kleid, das Er sich umgelegt hat, damit Er sichtbar werden konnte, und das Er einstmals wieder ablegen würde. Er hat sich mit dem Fleisch so verbunden, dass daraus eine neue Leiblichkeit sich entfalten wird. Deswegen nannte Vincent van Gogh Christus einen Künstler! In einem Brief an den Freund Émile Bernard schrieb er, dass für ihn Christus der größte unter den Künstlern sei: «Im Gegensatz zu Malern, die Marmor, Ton oder Farbe benutzen, hat Christus im ‹lebendigen Fleisch› gearbeitet. Er hat keine Statuen oder Bilder geschaffen, sondern ‹lebendige Menschen, Unsterbliche› ».1
Als einzelne Menschen gehören wir dem Bereich des Werdenden an. Aber geboren werden, heißt erst einmal: sich einverleiben und eintreten in eine bereits im Räumlichen gestaltete Welt. In dieser können wir uns aufrichten. Aus dem Aufrichten entsteht eine erste Gliederung: hoch über meinem Haupt der Himmel und die Gestirne. Unter meinen Füßen die Erde. In diese Dimension muss sich das kleine Kind erst bringen, weil wir Menschen eben nicht ‹senkrecht› geboren werden. Wo immer ich dann stehe und gehe, wandert dieses Oben und Unten mit mir mit. Und bald werde ich von links und rechts, von fern und nahe begleitet. Mit ausgebreiteten Armen gehe ich auf die Welt zu oder entferne mich von ihr. Und erlebe mich da, wo die drei sich in mir, wie in einem balancierenden Punkt, zusammenfinden. Ein äußerst lebendiger Punkt, wozu ich, sei es noch aus der vollen Unschuld des Kindes, ‹Ich› sagen kann. Ich habe mich der Räumlichkeit einverleibt. Ich bin auf Erden. Denn der Raum ist keine Erfindung aus einer Abstrahierung heraus, die weiter nichts mit mir zu tun hat. Die Räumlichkeit ist ein Erleben, das mit meinem Erdendasein als Mensch zutiefst zusammenhängt. «Wir würden nämlich keine solche Raumanschauung haben, wie wir sie haben, wenn wir nicht die drei Dimensionen des Raumes erst innerhalb unseres Erdendaseins erleben würden […] Sie gehören zu den Bildegesetzen unseres Erdenlebens.»2
Auf Erden
Zwischen der Taufe im Jordan und den letzten Worten am Kreuz hat Christus sich der Erde einverleibt. Und Er ist auf Erden gewandert. Er, der Wanderer schlechthin. Selten allein. Nicht als ein Einsamer, der sich der Welt fernhielt. Immer wanderten andere mit ihm, Kinder, Frauen und Männer, seine Mit-Menschen – wie Er, auf dem Weg zum Menschwerden. Bereits der Gedanke, dass seine Füße die Erde berührt haben, ist kaum zu ertragen. Unter seinen Schritten hat sich alles, was zum Himmel hin wächst – wildes Gras, dürres Gestrüpp oder Blumen –, für einen Augenblick unter diesem Schreiten gebogen und richtete sich wieder auf. Da war Er schon weiter. Füße hinterlassen Spuren. Jede Spur ist eine Wirksamkeit im Raum. Und Wirksamkeit ist Gegenwart, wie lange es auch her sein mag, dass die Spur sich in die Erde prägte. Eine tief beunruhigende Gegenwart ob ihres Ausmaßes an Dasein, an lebendiger Wirklichkeit.
Hat Er ihnen deswegen die Füße gewaschen, als Knecht sich beugend, damit sie in seinen Spuren über die Erde wandern würden?
Noch ist der Raum nicht ganz von seinem göttlichen Wesen durchdrungen. Noch fehlen die letzten Schritte bis zur Vollendung des Menschwerdens, der vollständigen Inkarnation, bis zu Karfreitag hin. Beim Abendmahl im Kreis der Jünger wird einer unter ihnen den Weg ermöglichen. Ein Mensch, dem Er einen Bissen eintaucht und reicht. Dadurch kann Er seine Geistgestalt in seinem Menschwerden offenbaren.
Hat Er ihnen deswegen die Füße gewaschen, als Knecht sich beugend, damit sie in seinen Spuren über die Erde wandern würden?
Nebeneinander
Christus ist Mensch geworden bis in die Erde und ihre Räumlichkeit hinein. Eine ganz neue Qualität des Räumlichen ist entstanden: das Nebeneinander. Was im Raum nebeneinandersteht, kommt in ein neues Verhältnis. Ein Verhältnis, in dem die Gleichzeitigkeit der Liebe von Seele zu Seele strömen kann, ohne dass einer sich über den andern erhebt. Rudolf Steiner nennt in seinen Vorträgen über das Geheimnis der Sieben und der Zwölf das Abendmahl als ein Vorbild der im Raum nebeneinander lebenden Menschen: «Durch Christus kam die Liebe von Seele zu Seele, so daß dasjenige, was räumlich nebeneinander steht, in ein Verhältnis kommt, […] als die Bruderliebe, die die Menschen im Raume von Seele zu Seele einander entgegenbringen sollen. Hier beginnt das räumliche Nebeneinanderleben seine besondere Bedeutung zu gewinnen.»3 Keiner ist davon ausgeschlossen, auch Judas nicht! Denn «der Christus aber ist in die Welt gekommen, um auch zu sitzen mit den Zöllnern und Sündern. Er ist gekommen, um auch aufzunehmen dasjenige, was sonst aus dem Weltgange ausgeschieden werden müsste.»4
Es geht um eine Liebe, die alles im Raum so umspannt, dass die Zeitenfolge nicht länger hineinwirken kann. Das hierarchische Verhältnis von Meister zu Schüler, das noch im Vorchristlichen berechtigt war, wird umgewandelt zu einem neuen Prinzip: dem Christus-Prinzip. Durch dieses Prinzip kommt die Liebe, die Geschwisterlichkeit ins soziale Leben der Erde hinein.
Beim ‹Letzten Abendmahl› von Leonardo fällt auf, wie alles im Raum in einer beispiellosen Vollkommenheit eingegliedert ist, bis auf die Jünger am Tisch und die Christus-Gestalt. Denn Christus neigt sein Haupt nach links. Dadurch fällt der zentrale Punkt der Perspektive, der Fluchtpunkt, auf sein rechtes Ohr. Dort sammeln sich die Linien und werden zum einheitlichen Punkt, den man auf der Stirn zwischen den Augen erwarten würde. Hat Leonardo sich geirrt? Hat er andeuten wollen, wie das Menschwerden Christi in diesem Augenblick noch im Gange war, sich Christus erst kurz danach voll in die irdische Räumlichkeit einverleiben würde? Dann, wenn göttliche und menschliche Gestalt eins werden, Christus ganz Mensch geworden ist: Ist es dann vollbracht?
Das erste Menschheitsmahl
Was hindert uns daran, aus dem neuen Christus-Prinzip unser Menschwerden im Nebeneinander zu feiern, wer immer auch neben uns sitzt, und gerade in diesen düsteren Zeiten? Hat nicht die Auferstehung in der finstersten Tiefe der Erde angefangen? Ist es nicht der Raum, der als erster mit den Keimen der Substanz einer neuen Leiblichkeit durchdrungen wurde? Und ist nicht jeder Mensch, ob Frau oder Mann, derjenige, der mich einladen kann zu einem Nebeneinander? Sind wir nicht letztendlich alle eingeladen Keimtragende zu werden? Jeder Mensch birgt eine Einladung in sich. Denn dieses ganz radikal Neue hat seine Fußspuren in jedem von uns hinterlassen. Nicht als Abdruck, sondern als noch zu erweckende Wirksamkeit, die nur aus mir heraus aufkeimen kann. In der heutigen extremen Zersplitterung unseres Lebens wird es schon dadurch möglich, mich von jedem Menschen zum ‹nebeneinander› einladen zu lassen. Denn Der mich von Anfang her eingeladen hat, wartet schon auf ihn.
Bild Leonardo da Vinci, ‹Das letzter Abendmahl›, gemeinfrei



