Bildet sich die Gemeinschaft im Spiegel der Menschen­seele?

Last updated:

Gedanken zu den Kriegen im Nahen Osten.


9. März, abends. Zögernd greife ich in die Tastatur, um ein Stimmungsbild des Nahen Ostens zu vermitteln. Als in der Schweiz lebender ehemaliger Israeli wendet sich mein Blick naturgemäß zunächst zu meiner Tochter, meinem Bruder, deren Familien, meinem Freundeskreis in Israel. Dann lenke ich ihn zu all jenen, welche ebenfalls betroffen sind – ein Blick in einen Abgrund. Je weiter das Blickfeld wird, desto glatter scheinen die Ränder, an denen man steht, desto tiefer und dunkler diese Abgründe. Eine WhatsApp-Gruppe ruft für Dienstag, 10. März, 17 Uhr, alle Israelis auf, sich auf die Straßen, auf ihre Balkone zu begeben und mit Lichtern, Flaggen, Singen und Händeklatschen den Piloten der Luftwaffe dafür zu danken, was sie heroisch für ‹uns› tun, um die iranische Bedrohung und die libanesische Hisbollah zu eliminieren. Kein Wort von den Tausenden, die dabei ihr Leben verlieren. Die Journalistin Yoana Gonen schreibt am 9. März in der Tageszeitung ‹Haaretz› unter dem Titel: ‹Zurück zur Routine, unter Feuer›: «Der emotionale Faschismus begnügt sich nicht damit, den Widerstand gegen den Krieg zum Schweigen zu bringen. Er fordert, dass ihr ihn genießt und mehr davon verlangt, dass ihr euch in ihn verliebt, dass ihr euch bedankt. In so einer Realität ist auch das Klagen eine Art von Aufstand: Das Verweigern, sich an das Unerträgliche zu gewöhnen.»

Mit unserer Tochter in Galiläa und meinem Bruder in Tel Aviv können wir sprechen, wenn sie nicht unterwegs zum Schutzraum sind. Schulen sind geschlossen, die Wirtschaft gedrosselt. Die Regierung tagt per Zoom. Hinter dem Kriegschaos werden täglich neue Gesetze entworfen und durchgesetzt, welche die Gewaltentrennung untergraben und der Regierung mehr Macht verleihen. Diese faschistischen Tendenzen sind nicht nur emotional. 13 Prozent der Bevölkerung sind jüdisch-orthodox. Ohne sie kann sich keine Regierung bilden. Solange sie in den religiösen Lernanstalten studieren, müssen sie keinen Militärdienst leisten. Sie zahlen keine Steuern. Ihre parlamentarischen Vertretungen drohten, dem Staatsbudget nicht zuzustimmen und so die Regierung zu stürzen. Jetzt ist Krieg, sie werden zustimmen. Eine Militäreinheit drang soeben in den Libanon ein, um die sterblichen Überreste des 1986 abgestürzten Kampfpiloten Ron Arad zu bergen. Seine Witwe wandte sich an Benjamin Netanjahu mit der Bitte, kein Leben dafür zu gefährden. Offenbar sind mehrere libanesische Zivilisten bei dieser gescheiterten Aktion ums Leben gekommen. 250 000 israelische Staatsbürger haben seit dem 7. Oktober das Land verlassen. Seit dem Inkrafttreten der Justizreform/-revolution im Februar 2023 wurde dagegen demonstriert. Jetzt, unter iranischem und Hisbollah-Beschuss, ist auch das nicht möglich. Netanjahu lässt dies alles geschehen – nicht um das Land zu befrieden, sondern vermutlich vielmehr, um seine Korruptionsanklage zu stoppen.

Seit seiner zweiten Amtszeit 2009 suggeriert er: Wir sind bedroht! Wir sind Opfer des Holocaust, Opfer der arabischen Vernichtung, Opfer des Antisemitismus. Wohl niemand hat so stark dazu beigetragen, dass israelische Politik und Judentum im eigenen und allgemeinen Bewusstsein weitgehend verschmolzen sind. Aus dieser Perspektive wird Kritik an der israelischen Politik als Antisemitismus verstanden, und diesem Vorwurf setze ich mich auch mit diesem Artikel aus. Seit dem 7. Oktober lebt man in Israel in einer Dauertraumatisierung. Man verdrängt, zum Teil bewusst, dass die Reaktion auf das Hamas-Massaker zur Tötung von mehr als 70 000 Palästinensern und Palästinenserinnen und zur vollständigen Zerstörung der Lebensgrundlage in Gaza geführt hat. Mindestens 10 000 Soldaten, die an diesem Krieg teilnahmen, haben sich wegen posttraumatischer Störung gemeldet. Auf ziviler Seite ist die Zahl um ein Vielfaches höher.

Die Kampfpiloten, so die Medien, fliegen ihre Bombenangriffe teilweise unter Aufputschmedikamenten (Modafinil).1 Das menschliche Können wird pharmakologisch erweitert.

Ob politisch links oder rechts orientiert, kaum jemand in Israel, Palästina und im Iran ist heute vor Traumatisierung gefeit. Kaum jemand ist resistent. Der kollektive Zusammenhalt, das Bangen um Leben, Lebensstil, Lebensroutine ist noch ein starkes soziales Bindemittel. Die Spiegelungsfähigkeit der Seelen vieler Menschen wird verschleiert durch das Opferbewusstsein, die ständige konkrete Existenzangst und durch die Aggression der Streitkräfte. Diese bestehen zum großen Teil aus Reservisten, die aus ihren Familien, Geschäften, aus ihrem Leben herausgerissen werden, um zu kämpfen. Die ganze Gemeinschaft spiegelt sich in einem zerkratzten Spiegel. In einem Seelenbereich, der in Israel, Palästina, dem Iran, der Ukraine und allmählich auch in Europa emotional dermaßen negativ überlastet ist, dass das Eigene, das ‹Ich› in seiner Wirkung im Seelischen weitgehend gehemmt ist. Steiner: «Das Ich lebt in der Seele. […] So muss man doch sagen, dass dieses ‹Ich› von da ausstrahlend die ganze Seele erfüllt […].» (‹Theosophie›, GA 9) Kann es das noch?

Aus meiner persönlichen Sicht macht es wenig Sinn, für dieses unverstandene, bedrohliche Geschehen der Gegenwart Ursachen auf einem nicht ausreichend erforschten Gebiet zu suchen. Esoterische Exkursionen in Steiners Werk betreffen, insofern sie Politisches behandeln, Ereignisse, die vor mehr als 100 Jahren im Drohnen- und Atomwaffenfreien geschahen. Es wird jedoch je länger je mehr darauf ankommen, dass Menschen es wieder wagen, sich gegenseitig in die Augen zu schauen. Im sozial brutal fraktionierten Israel und von da aus über die ethnischen Grenzen zu denjenigen, die ebenfalls Semiten sind. Damit das Menschliche im anderen wahrgenommen und akzeptiert wird. Das könnte noch Jahrzehnte dauern. Vielleicht könnte diese Hoffnung denjenigen, die sie zu verwirklichen suchen, wieder ihr inneres Kohärenzgefühl vermitteln, in diesem grausamen Kontinuum des Nahen Ostens, welches seit Anfang 2023 Israel und diese Region beutelt. Das alles ist nur ein partielles, persönliches Stimmungsbild, keine Analyse; eine allumfängliche ist unmöglich, eine partielle irreführend.

Shlomo Efrati, ein gläubiger Jude, wurde am 7. Oktober zum Militärdienst einberufen. Seine Aufgabe: Identifizierung und Bestattung von Leichen. Er nahm über 700 Fingerabdrücke von solchen und schrieb Tagebuch2:

«An einem Tag kam irrtümlicherweise die Leiche eines Terroristen zu uns. / So viel Finsternis trat in den Raum. / Die Leiche liegt leblos auf dem Tisch. / Wie verletzlich er jetzt ist, dachte ich. / Und in seiner Tasche die Essenz des Bösen: drei Handgranaten und eine Packung Kondome. / Plötzlich hörte ich in mir die alte Melodie des Jom-Kippur-Gebets: «Erbarme dich deiner Taten.» / So viel Erbarmen mangelt in unserer Welt. / Welche Tragik ist es, dass es Menschen gibt, die lebenslänglich in / diesem Bösen gefangen sind. / Peinlich ist es mir, ich habe ihn bemitleidet. / Nicht seines Todes wegen, sondern wegen des Lebens, das in ihm war.Wegen seiner Befähigung, das Gute zu wählen, wegen seiner Wahl des Bösen. / Ich hielt seine Hand mit reinem Herzen. / Ich sah Gottes Abbild in ihm und dachte: / Welche Ironie, dass ein Mensch mit reinem Herzen diese totale Finsternis pflegt …»


Bild Ruinen in Gaza, Dezember 2023. Foto: Emad El Byed

Fußnoten

  1. Siehe: Norman Ohler, Der totale Rausch. Drogen im Dritten Reich. Köln 2015.
  2. Aus: Udi Levy, Hrsg., Sprache ist mein Schutzraum. Oberhausen 2025.

Letzte Kommentare