Aufrechter Gang

Über siebzig Jahre lang gab Jürgen Habermas erst der jungen Bundesrepublik und dann ganz Deutschland durch scharfe Polemik Begleitschutz. Der ursprünglich Journalist werden wollte, wurde ein weltweit wirkender Wissenschaftler und starb im 97. Lebensjahr.


Am 14. März starb der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas. Geboren wurde er am 18. Juni 1929. Das ist zugleich der Sterbetag von Michael Bauer (18. Juni 1929), einer völlig entgegengesetzten Persönlichkeit. Aber außer diesem Datum haben Bauer und Habermas eine zentrale Intention gemeinsam. Auf der Mitgliederversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft im Jahr 1921, als er aus gesundheitlichen Gründen vom Vorstandsamt zurücktreten musste, sagte Michael Bauer etwas, das einen Kern der späteren Philosophie von Jürgen Habermas bilden sollte: «Es ist viel von Vertrauen gesprochen worden, und ich will das dahin ergänzen, dass es keinen irgendwie tauglichen Verkehr von Mensch zu Mensch gibt, wenn nicht dieses Vertrauen im Untergrund der Seelen besteht. Wenn ich mit irgendeinem Menschen ein Wort rede und er hat den Willen, mich zu verstehen, so spielt etwas von meiner Seele in die andere; und es spielt, genau genommen, aufgrund desjenigen, was in dem ersten unserer Leitsätze steht: aufgrund eines gemeinsamen Geistigen. Das, was eine Seele mit der anderen verbindet, wodurch man sich verständigen kann in Worten, das ist bewusst die eigentliche Grundlage unserer Gesellschaft.» Habermas sagte dasselbe nur in anderer Diktion. Tatsächlich ist Verständigung die Grundlage jeder Menschengesellschaft. Wenn Bauer recht hat, müssten sich auch Anthroposophen und Anthroposophinnen für Habermas interessieren. Dessen erstes Hauptwerk heißt ‹Theorie des kommunikativen Handelns› und seine Philosophie wurde treffend als ‹Kritik der Verständigungsverhältnisse› bezeichnet.

Der frühe Habermas war stolz darauf, als Marxist zu gelten. Als Soziologe hat er tatsächlich viel von Karl Marx gelernt. Aber er war ein merkwürdiger Marxist. Er war einer der wenigen Zeitgenossen, die noch einen Begriff vom Geist hatten und diesen gelegentlich auch fruchtbar einsetzten. Dieser Geistbegriff war Frucht seines Hegel-Studiums.

Was trieb Habermas an zu seinem gewaltigen Werk? Einmal in einem Interview danach gefragt, antwortete er, mit überraschender Begriffswahl: «Ich habe ein Gedankenmotiv und eine grundlegende Intuition. Diese geht übrigens auf religiöse Traditionen, etwa der protestantischen oder der jüdischen Mystiker zurück, auch auf Schelling. Der motivbildende Gedanke ist die Versöhnung der mit sich selbst zerfallenen Moderne, die Vorstellung also, dass man ohne Preisgabe der Differenzierungen, die die Moderne sowohl im kulturellen wie im sozialen und ökonomischen Bereich möglich gemacht haben, Formen des Zusammenlebens findet, in der wirklich Autonomie und Abhängigkeit in ein befriedetes Verhältnis treten; dass man aufrecht gehen kann in einer Gemeinsamkeit, die nicht die Fragwürdigkeit rückwärtsgewandter substanzieller Gemeinschaftlichkeiten an sich hat. Die Intuition stammt aus dem Bereich des Umgangs mit anderen; sie zielt auf Erfahrungen einer unversehrten Intersubjektivität, fragiler als alles, was bisher die Geschichte an Kommunikationsstrukturen aus sich hervorgetrieben hat – ein immer feiner gesponnenes Netz von intersubjektiven Beziehungen, das gleichwohl ein Verhältnis zwischen Freiheit und Abhängigkeit ermöglicht, wie man es sich immer nur unter interaktiven Modellen vorstellen kann.»1

Die neuere Epoche der Bewusstseinsseele heißt bei Historikerinnen und Soziologen ‹die Moderne›. Was Habermas das ‹Projekt der Moderne› nennt, liegt ihm besonders am Herzen. Es ist unvollendet. Für das, worum es sich dreht, prägte er einmal das Bild eines Mobiles, das sich verhakt hat.2 Damit die Glieder sich wieder frei bewegen können, muss es aufgehoben werden. Diesem Ziel dient Habermas’ Werk. Man kann es als Sprache der fortgeschrittenen Bewusstseinsseele lesen. Das macht seine Größe aus, ist aber zugleich auch seine Beschränkung.

Sein Werk macht etwas bewusst, was unserem Handeln und Sprechen implizit zugrunde liegt. Meistens bleibt es tief verborgen. Macht man es aber explizit, tritt auch dasjenige zutage, was Habermas die ‹Lebenswelt› nennt, mit einem soziologisch gewendeten Begriff aus Husserls Phänomenologie. Habermas’ Kommunikationstheorie beschreibt die Polarität von System und Lebenswelt und kritisiert die sogenannte ‹Kolonialisierung der Lebenswelt› durch ökonomisch-bürokratische Systeme.

In seiner späteren Philosophie wird das Verhältnis von Glauben und Wissen immer wichtiger. Obwohl Habermas sich selbst einmal als «religiös unmusikalisch» bezeichnete, ist er durchaus sensibel für Glaubensgehalte, deren zunehmende Verflachung er neulich kritisierte.3 Er betrachtet sie als gesellschaftlich unverzichtbar und versucht ihre Übersetzung in heute allgemeinverständliche rationale Rede. Was hat der eigentlich gemäßigt naturalistisch gesinnte große Demokratietheoretiker also mit Religion am Hut? Er sagte einmal: «Der egalitäre Universalismus, aus dem die Ideen von Freiheit und solidarischem Zusammenleben, von autonomer Lebensführung und Emanzipation, von individueller Gewissensmoral, Menschenrechten und Demokratie entsprungen sind, ist unmittelbar ein Erbe der jüdischen Gerechtigkeits- und der christlichen Liebesethik. In der Substanz unverändert, ist dieses Erbe immer wieder kritisch angeeignet und neu interpretiert worden. Dazu gibt es bis heute keine Alternative. Auch angesichts der aktuellen Herausforderungen einer postnationalen Konstellation zehren wir nach wie vor von dieser Substanz. Alles andere ist postmodernes Gerede.»4


Bild Jürgen Habermas, einer der bekanntesten Soziologen und Philosophen unserer Zeit, während seines Vortrags im Hörsaal VII der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der ELTE (Eötvös Loránd University) in Budapest. Foto: Europäische Kommission/Szabolcs Dudás, CC BY 2.0.

Fußnoten

  1. J. Habermas, Die Neue Unübersichtlichkeit. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1985, S. 202.
  2. J. Habermas, Untiefen der Rationalitätskritik, in: Die neue Unübersichtlichkeit. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1985, S. 136.
  3. Siehe J. Habermas in der Festschrift ‹Den Diskurs bestreiten›, Nomos, Baden-Baden 2025.
  4. J. Habermas, Zeit der Übergänge. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2001, S. 175.

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