Aufforderung zur Unschärfe

‹Der Himmel über Soest›: Hartmut Lux macht Lust auf vertikalen Blick.


Eine Liebeserklärung an seine Stadt, nichts weniger als die ist es, die der Soester Künstler und Autor Hartmut Lux in seinem Buch ‹Der Himmel über Soest – Spaziergänge für Liebhaber› abgibt. Dabei bleibt sich Lux treu. Zwar blickt er diesmal mit der Philosophie des Soester Sinnesforschers und Künstlers Hugo Kükelhaus aus dem Diesseits ins Jenseits. Doch eben dieses freudvolle Auffordern, hinter das Sichtbare und Messbare zu blicken, erinnert an den Grundton des Autors. Diesmal steht dieser feine Ton sogar im Zentrum – und macht den eigentlichen Wert des Werkes aus. «Das Sehen sieht mehr, als sichtbar ist», zitiert Hartmut Lux eben jenen Hugo Kükelhaus, der für sein Buch quasi Pate steht. Und weiter: «Wem das Sichtbare, das vor Augen Liegende der Keim des Unsichtbaren ist, der sieht. Eben das heißt sehen.» Kükelhaus unterscheide in seiner Philosophie den haftenden und den schweifenden Blick, so Lux. Ersterer sei der des Materialisten, des Naturwissenschaftlers: Er wiege und messe, benenne – und beschneide sich so den Blick hinter die Dinge. Der andere dagegen eröffne das, was zunächst nicht sichtbar erscheine – und doch das Eigentliche sei.

Vier Soester Kirchen besuchen die Lesenden des Buches während des Spaziergangs: St. Maria zur Wiese, St. Maria zur Höhe, St. Patrokli und St. Petri. Zwischendrin wandelt man durch Soester Gassen, bummelt über die Allerheiligenkirmes, erlebt die Leichtigkeit einer Montgolfiade oder blickt empor zum ‹Gloria-Singen› an Weihnachten. Immer wieder steht der Leser vor der Frage, ob sein Blick haften soll, um etwa die Höhe der Türme der Wiesenkirche (81 Meter) mit denen des Kölner Doms (157 Meter) zu vergleichen; oder ob es angebracht ist, sich wie Hugo Kükelhaus «unter Abwehr von Wissen die Lernfähigkeit zu erhalten» – und im schweifenden, ja abschweifenden Blick nach oben den Sinn des Bauwerks zu erahnen. Wer sich auf Letzteres einlässt, darf staunen: Er findet während der Spaziergänge etwa geheimnisvolle Verwandtschaften in Zahlen und Formen von Kirchen und einer aufgeschnittenen Wassermelone vom Soester Markt; er entwickelt ein Gefühl dafür, dass der Schatten in den Kirchen und auf den Gassen ebenso notwendig ist wie das Licht – oder um nochmals mit Hugo Kükelhaus zu sprechen: «Zerstört die Gegensätze nicht.»

Schließlich baut Hartmut Lux Brücken, die aus der Stadt hinausführen: Er blickt – schweifend – auf das Phänomen der modernen ‹fake news›, auf die Verrohung der Gesellschaft. Und er wagt es, eben jenen schweifenden Blick, eben jenes feine Sich-Einlassen auf (zunächst) Unsichtbares als einen Weg zurück in ein Leben zu weisen, das einen Sinn eröffnet. «Dieses Buch möchte ein kleines Gegengewicht setzen, indem es zu verstehen sucht, statt zu beurteilen oder gar zu verurteilen», schreibt Lux. Und: «Kälte trennt, Wärme verbindet. Aufmerksamkeit, Wärme, Empathie kennzeichnen den Blick des Liebhabers.» Ganz im Sinne eines Rudolf Steiner sagt Kükelhaus: «Die gemeinsame Schau verbindet. Die offene Wahrnehmung des anderen ist der erste Schritt zur Liebe. Echten Zugang zum Du gewinnt, wer zärtlichen Umgang pflegt.»

So wird dieser Spaziergang zu einer Einladung hin zur liebevollen Begegnung: von den Sinnen ausgehend hin zum Übersinnlichen und schließlich zu einer Sinn-Erfahrung.

Soester Bezüge zur Welt und nach innen. Hunderte Farbbilder von Kirchenfresken und -fenstern, Naturphänomenen und Soester Ansichten umrahmen den Text des Buches. Auf 190 Seiten und im Hardcover wird der Liebhaber oder die Liebhaberin mitgenommen auf eine Reise durch die Kunstepochen, und zum Ausprobieren des schweifenden Blicks.


Buch Hartmut Lux: Der Himmel über Soest – Spaziergänge für Liebhaber. Merlikin Lyrik, 2025
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