Das Wirken Christi im Zwischenraum

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Im Grün begegnen sich Licht und Finsternis und finden zu einem lebendigen Gleichgewicht. Farbexperimente von Kees Veenman laden ein, dem geheimnisvollen Zusammenhang der Balance nachzuspüren.


Ende Mai erschien in Belgien Christine Gruwez’ neues Buch ‹De Logos naderen› (‹Sich dem Logos nähern›).1 Es enthält elf ihrer Artikel, von denen mehrere bisher unveröffentlicht sind. Im Artikel ‹Der Gral zwischen Ost und West› knüpft sie an Rudolf Steiner an. Er beschrieb die Begegnung zwischen dem westlichen Gralsstrom – dem Lebensgeist2 von Christus, den er vor seiner Inkarnation auf Erden zurückließ – und dem östlichen Gralsstrom – Christus, der nach seinem Tod und seiner Auferstehung in den Herzen der Menschen weiterlebte.3 Christine Gruwez schreibt weiter, dass aus dieser «Begegnung Christi mit sich selbst» eine völlig neue, zukunftsfähige Aktivität im Herzen als Zwischenraum entstehen wird. Im Herzen laufen die Lebens- und Auferstehungsaktivität von Christus zusammen.

Warum ist ein Zwischenraum eine geeignete Lage für die Wirksamkeit des Christus? Und warum ist das Herz ein Zwischenraum? Erst will ich auf die letzte Frage eingehen. Im Denken distanzieren wir uns von der Welt, im Willen handeln wir innerhalb der Welt. Doch das Fühlen liegt dazwischen. Wenn wir fühlen, sind wir nah dran, sind wir in der Sache. Das Empfinden von Mitgefühl entsteht in unserem Herzen, nicht im Verstand. Dazu müssen wir uns selbst ein wenig zurücknehmen, um Raum zu schaffen. Von jemandem mit großem Einfühlungsvermögen sagen wir, dass er sein Herz an der rechten Stelle hat. Ein bemerkenswerter Ausdruck, denn genau dazu ist das Herz da: um mit anderen mitzufühlen, um Liebe zu empfinden. Es ist auch das Herz, in dem sich der menschliche ätherische Strom – aus dem Blut, das vom Herzen zum Gehirn aufsteigt – mit dem ätherischen Strom des Christusblutes vereinen kann.4 Daraus wird deutlich, wofür Christus einen Zwischenraum braucht, um wirksam zu sein. «Denn wo zwei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.»5 Ein Zwischenraum ist ein Raum, wo zwei Wesen sich begegnen können. Christlich wird die Begegnung durch Freiheit und Liebe, Qualitäten, die sich gegenseitig bedingen.

Grün als Zwischenraum

In meinem Beitrag ‹Die spirituelle Wissenschaft der Zukunft› (‹Goetheanum›, 23. Mai 2024) beschrieb ich, wie ich während meiner Farbforschung zu der Erkenntnis gelangte, dass Grün die Farbe ist, hinter der die Wirksamkeit Christi verborgen ist. Als ich 37 Jahre alt war, habe ich aufgrund eines neuen Experiments eine tiefgreifende spirituelle Erfahrung gehabt. Ich erlebte alle Farben als heilende Wesen und Christus als Zentrum und Führer dieses Farbenkreises. Auch wusste ich, dass Christus jeder Farbe eine neue Zukunftsperspektive für die weitere Entwicklung der Menschen gegeben hatte. Weitere Forschung hat gezeigt, dass Grün die Farbe des Gleichgewichts und der Balance ist. Erst als ich 55 Jahre alt war, entdeckte ich, was diese Zukunftsperspektive beinhaltet. Für das Grün ist es die schaffende Kraft des Wortes, des Logos. Daraus wurde mir klar, dass Christus zwar allen Farben eine neue Perspektive gegeben hat, aber speziell mit der Farbe Grün verbunden ist. Christus ist das Wesen hinter der Farbe Grün. Erst später fand ich das bei Rudolf Steiner bestätigt.6 Wenn nun Christus hinter dem Grün steht, dann ist eine wichtige Frage, ob das Grün auch die Qualität eines Zwischenraums hat wie das Herz. Kann also eine Begegnung zweier Kräfte oder Wesen auch in der Farbe Grün stattfinden wie im Herzen? Um dies zu untersuchen, möchte ich die folgenden drei Farbexperimente zeigen.

In den 2018 erschienenen gesammelten Werken des britischen Farbspezialisten und Goethe-Experten Michael Wilson stieß ich im Vorwort auf ein interessantes Problem.7 Wilson und der Philosoph und Freund Westphal diskutierten es. Es ging um das Rätsel der Grünbildung in Farben durch ein Prisma. Zur Veranschaulichung betrachten wir folgendes Experiment (Abbildung 1).

Abb. 1: Spektrum eines dreieckigen Lichtspalts

Man nehme das Licht einer keilförmigen Lichtquelle auf einem dunklen Hintergrund (links) und lenke es durch ein Prisma. Das Bild rechts erscheint nun auf dem Schirm. Goethe sagte zu diesem Experiment, dass sich Cyan und Gelb hier ‹verbinden› zu Grün.8 Das scheint vollkommen logisch zu sein, schließlich ergibt die Mischung von blauer und gelber Farbe Grün. Oder? Hier mischen wir jedoch farbiges Licht. Und mischt man gelbes und blaues Licht, erhält man Weiß. Wie kann also inmitten dieses Experiments Grün entstehen? Hatte Goethe sich geirrt, fragte Westphal? Wilson antwortete mit seinem Axiom: «Sie sehen doch, wie das Grün dort erscheint, wo das Gelb und das Blau verschwinden? Die Fakten sprechen für sich!»

Es ist ein interessantes Rätsel, das weiterer Untersuchung bedarf. Betrachten wir dazu ein zweites Experiment. Wir projizieren die obere Abbildung (um 90 Grad gedreht) auf mattiertes Glas und flankieren einen Ausschnitt mit schwarzem Papier. Anschließend fotografieren wir diesen Ausschnitt von der Rückseite, indem wir das Bild durch ein zweites Prisma leiten und fotografieren (Foto rechts).

In jedem prismatischen Experiment entstehen die Farben laut Goethe durch die Wechselwirkung von Licht und Finsternis. Wie wir in Abbildung 1 sehen, zeigt Rot eine gestaute Gestalt und Violett eine strahlende. Daraus entnehme ich, dass Rot entsteht, wo Licht in die Finsternis strahlt und durch die Finsternis nicht zugelassen wird, sodass eine Stauung zwischen Licht und Finsternis entsteht. Bei der Entstehung des Violetts ist das Gegenteil der Fall: Das Licht wird durch die Finsternis total aufgenommen, wodurch ein Strahlen vom Licht in der Finsternis entsteht. Goethe nannte diese Entwicklung von Rot und Violett aktiv beziehungsweise passiv.

Abb. 2: Foto rechts, aufgenommen durch ein Prisma von einem Spektrum auf mattiertem Glas

Abbildung 2 zeigt, dass sich das rote Licht beim Durchgang durch das zweite Prisma von p nach q an der rechten Seite nicht zu Violett entwickelt, während sich das violette Licht an der linken Seite nicht zu Rot entwickelt. Der Grund dafür ist, dass beide Farben sich bei ihrer Entstehung (in Abbildung 1) schon ganz einseitig entwickelt haben. Die Folge ist, dass das Rot sich nur aktiv durch Stauung nach links weiterentwickeln kann und nicht nach rechts. Bei Violett ist das Umgekehrte der Fall. Grün scheint sich weder aktiv noch passiv zu entwickeln. Es hält sich zurück und spezialisiert sich nicht. Bei der Entstehung von Grün in Abbildung 1 staut sich das Licht weder an der Finsternis, noch strahlt es in sie hinein. Beim Grün in Abbildung 2 sehen wir, dass das Licht weder in die Finsternis staut, noch strahlt. Das Verhältnis zwischen Licht und Finsternis bleibt hier im Gleichgewicht. Das bleibt auch so, wenn das Grün in Abbildung 2 durch das zweite Prisma gelenkt wird.

Anders verhält es sich mit Gelb und Cyan. Um dies deutlich zu veranschaulichen, habe ich einen Ausschnitt aus Abbildung 2 genommen, der die weitere Entwicklung beider Farben zusammen mit Grün zeigt.

Abb. 3: Ausschnitt aus Foto von Abb. 2

Gelb hat sich bereits etwas in eine aktive Richtung entwickelt und zeigt sich nach dem Durchgang durch das zweite Prisma fähig, sich nach links weiter aktiv zu einem gestauten Rot zu entwickeln. Allerdings kann sich Gelb nicht passiv nach rechts zu Violett entwickeln, dafür ist es bereits zu aktiv. Und genau hier entsteht Grün. Dasselbe gilt für Cyan. Cyan ist bereits eine passive Farbe und kann sich in diesem Sinne nach rechts zu einem strahlenden Violett weiterentwickeln. Cyan kann sich aber nicht aktiv zu Rot entwickeln. Und auch hier entsteht Grün.

Wie ist das Auftreten von Grün hier zu deuten? Grün drückt aus, dass die Entwicklung sowohl in Gelb als auch in Cyan zurückgehalten ist! Und das Auftreten von Grün mitten im ersten Experiment, das Westphal so überraschte? Das kann als Verbindung der zurückgehaltenen Entwicklungen von Gelb und Cyan zu Grün gesehen werden: Beide entwickeln sich nicht in eine Richtung, die schlichtweg nicht mehr möglich ist. So betrachtet, hat Goethes Intuition, von Verbindung statt von Vermischung zu sprechen, ihn auch hier nicht getäuscht.

Die Zurückhaltung, die allein in Grün existiert, macht Grün nicht unbedingt zu einem Zwischenraum. Welche Kräfte treffen also in Grün aufeinander wie im Herzen? Die drei Experimente zeigen auch dies: Es sind die Kräfte von Licht und Finsternis, die im Grün im vollkommenen Gleichgewicht leben. Goethe stellt zwar fest, dass jede Farbe aus einer Wechselwirkung von Licht und Finsternis entsteht, aber nicht immer mit so viel Zurückhaltung und Gleichgewicht wie in Grün. Man denke nur an Rot und Violett mit ihrer Gestik. Es ist wie bei Menschen: Erst wenn der eine Mensch dem anderen Raum schafft, kann ein Dialog entstehen.

Christus im grünen Laub

Aber wir können noch weiter fragen. Besitzt das Grün der Natur ebenfalls den Charakter eines Zwischenraums? Begegnen wir Christus im grünen Laub? Diese Frage führt uns zu einer faszinierenden Beobachtung. Betrachtet man den Übergang von Gelb und Cyan zu Grün in Abbildung 3, fällt auf, dass dieser Übergang in beiden Fällen sehr gleichmäßig und sanft verläuft.

Ganz anders verhält es sich bei dem Übergang vom Gelb von Butter zum Gelb einer Zitrone oder vom Gelb des Hahnenfußes zum blühenden Raps. Besonders wenn der Raps fast verblüht ist, wirkt das Gelb übertrieben, fast zu intensiv. Als zeige der Raps einen Mangel an Zurückhaltung.

Abb. 4: Türkis, Buchenblatt, Raps

Ähnliches geschieht mit einem blaugrünen Stein wie Türkis. Er leuchtet so hell, fast wie Neon! Und dann das wunderschöne Frühlingsgrün eines frisch ausgetriebenen Buchenblatts. Man muss es in natura sehen, ein Foto wird dem Buchenblatt nicht gerecht. Betrachten Sie das Blatt gegen das Sonnenlicht, damit das Frühlingsgrün erstrahlt. Dann umfängt Sie ein Gefühl der Vollkommenheit. Ein Zwischenraum.

In der anthroposophischen Malerei wird manchmal mit natürlichen Pigmenten gearbeitet, zum Beispiel mit Pflanzenfarben. Das scheint mir wichtig zu sein. Denn eine Farbe, die aktuell entsteht oder noch dicht an ihrem Ursprung ist, trägt die Qualitäten des Wesens, das hinter dieser Farbe wirksam ist, stärker. Auch in der Farbenbadtherapie in Gouda, in den Niederlanden, wurde das Bad mit Licht beleuchtet, das mit Pflanzenfarben grün gefärbt war.9 Aus der Forschung, die ich zusammen mit dem Arzt Georg Maissan betrieben habe, wurde klar, dass unter Verwendung grüner Pflanzenpigmente die besten Ergebnisse erzielt wurden. Das ‹Grüne Bad› war auf dreierlei Weise wirksam. Die Patientinnen und Patienten fühlten sich besser in ihrem Leib, hatten mehr Kontrolle über ihre Gedanken und schliefen besser. Es ist die Kraft des Gleichgewichts, die im Zwischenraum von Grün lebt.

Fußnoten

  1. Christine Gruwez, De Logos naderen. Adventum, 2026. Die Idee für dieses Buch kam von mir, weil ich viele Menschen kenne, die ihre Artikel schätzen.
  2. Der Lebensgeist ist der durch das Ich umgearbeitete Ätherleib. Der Mensch hat bisher nur einen Keim seines Lebensgeists, dessen Entwicklung in ferner Zukunft liegt. Aber höhere Wesen vom Erzengel an haben einen Lebensgeist.
  3. Rudolf Steiner, Das esoterische Christentum und die geistige Führung der Menschheit. Vortrag vom 1. Oktober 1911, Rudolf Steiner Verlag, 1987.
  4. Ebenda.
  5. Matthäus 18,20.
  6. Rudolf Steiner, Farbenerkenntnis. GA 291a, Rudolf-Steiner-Verlag, 1990, S. 156. Rudolf Steiner bejahte die Frage, ob die sieben Farben des Farbspektrums den Charakter der sieben Elohim ausdrücken. Und als er gefragt wurde, wo dann Christus im Farbspektrum zu finden sei, antwortete er: Er befindet sich hinter dem Grün.
  7. Michael Wilson, What is Colour? The Collected Works. In: Phänomenologie in der Naturwissenschaft, Band 12, Logos-Verlag, Berlin 2018.
  8. Johann Wolfgang Goethe, Zur Farbenlehre. Zweite Abteilung: Physische Farben, § 216. Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 1979. «Nach und nach können in dem ersten Falle Gelb und Blau dergestalt übereinandergreifen, dass diese beiden Farben sich völlig zu Grün verbinden.»
  9. Kees Veenman, Color Meditation. Kapitel 8. Steiner-Books, New York 2024.

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