Sechs Geschichten von Acker und Handel von der Inspiration der Einzelnen, dem Mut der Wenigen und daraus der Kraft der Vielen.
Ueli Hurter: Diese sechs Menschen sind Helden. Sie haben sich ins Unbekannte gewagt und etwas getan, was noch niemand zuvor getan hat. Das ist kein Umdenken in Bezug auf wirtschaftliche Aktivitäten, sondern ein Neuanfang.
Alice Groh stammt von einem Bauernhof, der Pionierarbeit im Bereich Community Supported Agriculture (CSA; solidarische Landwirtschaft) geleistet hat.
Alice «Man muss einen Bauernhof wollen, nicht nur dessen Produkte.» Das hat mein Mann Trauger Groh unseren Gemeindemitgliedern immer wieder gesagt. Man muss sich den Wert des Bauernhofs für die Umwelt und die Gemeinschaft als Ganzes bewusst machen. Als wir anfingen, fanden wir keine Bank, die uns finanzieren wollte. Also haben wir ein Budget für die Betriebskosten des Bauernhofs für ein Jahr aufgestellt und es unseren Gemeindemitgliedern vorgelegt. Dann setzten wir uns alle im Kreis und jedes Mitglied sagte einen Betrag zu. Das verlangte Mut, denn wir kannten uns alle. Eine Familie sagte 200 Dollar pro Monat zu, eine andere 150 Dollar und so weiter. Unser Gemüsebauer und Buchhalter Anthony Graham addierte die Zahlen und teilte uns mit, ob wir unser Budget erreicht hatten. Wenn nicht, gingen wir noch einmal herum, bis wir es geschafft hatten. Das Wichtigste war, dass Trauger ständig über die Ideale der Biodynamik und über soziale Ideale sprach. Das hat die Menschen inspiriert und die Begeisterung für unseren Hof aufrechterhalten. Wir gehen jetzt in unsere 40. Saison. Es ist beeindruckend, dass CSA (Consumer supportet agriculture) zu einem weltweit angewandten Konzept geworden ist und vielen tausenden Betrieben eine Existenz ermöglicht. Es geschieht nicht oft, dass eine soziale Idee wirklich Wurzeln schlägt und sich verbreitet. Wir sind alle Landwirte und Landwirtinnen. Wir alle übernehmen Verantwortung dafür, wie unsere Lebensmittel angebaut werden und welche Auswirkungen unser biodynamischer Betrieb auf die ökologische Umwelt hat. Wir sollten lernen, unser soziales Umfeld genauso zu lesen wie unser natürliches und landwirtschaftliches Umfeld und zu erkennen, was möglich ist.
Olivier Clisson aus Frankreich geht einen Schritt weiter. Er ist das, was man in seiner Heimat einen Paysan Boulanger nennt – einen Bauern und Bäcker.
Olivier Dieses Jahr sind es für mich 30 Jahre Anthroposophie und 20 Jahre biodynamische Landwirtschaft! Was hat meinen Hof 20 Jahre lang am Laufen gehalten? Assoziative Wirtschaft! Es ist ganz einfach. Sie brauchen uns und wir brauchen sie. Aber in der heutigen Wirtschaft ist es genau umgekehrt. Sie sind der Feind, und wir wollen so viel Geld wie möglich aus ihnen herausholen. Und sie wollen den günstigsten Preis. Das ist einfach nur dumm. Für mich begann alles, als ich Geld für den Bau eines Brotbackofens brauchte. Ich wandte mich an eine kleine Bank in Frankreich mit anthroposophischem Hintergrund. Sie sagten: «Okay, aber Sie müssen zehn Personen finden, die ein Dokument unterschreiben, in dem sie bestätigen: ‹Wir bürgen für Oliviers Kredit.›» Also ging ich zu einigen Leuten, die lokale Lebensmittel wollten. Ich hatte sie zuvor noch nie getroffen. Nachdem ich ihnen eine Stunde lang mein Projekt erklärt hatte, unterschrieben alle. Ich durfte nicht scheitern. Als ich schwierige Zeiten auf dem Bauernhof hatte, dachte ich an sie: Sie haben mir ihr Vertrauen geschenkt, ich kann sie nicht enttäuschen.
Als ich die Möglichkeit hatte, mehr Land zu erwerben, fragte ich meine Kunden: «Möchtet ihr das Land mit mir kaufen?» So erhielten wir Hilfe von Terre du Liens in Frankreich, um unsere lokale Genossenschaft aufzubauen. Jetzt konnte ich meine ersten Kühe kaufen! Und ratet mal, was ich gemacht habe? Ich habe meine Kunden gebeten, sie zu kaufen. Wir konnten eine Kuh nicht aufteilen, also gab es eine Kuh pro Kunde, und ich habe die Kuh von ihnen ‹gemietet›.
Als wir uns gegen genetisch veränderte Pflanzen (GVO) engagierten, hatten die Schweizer die Idee, Menschen zu einer gemeinsamen Aussaat auf Bauernhöfe einzuladen. Das haben wir gemacht und es war einer der schönsten Tage meines Bauernlebens. Begeisterung ist unglaublich kraftvoll. Als jemand Rudolf Steiner fragte, ob man Maschinen bauen könnte, um die Präparate zu rühren, antwortete er: «Licht kann Medikamente verbessern, warum also nicht auch Begeisterung?» Vielleicht ist es genau das, worum es in der Biodynamik geht: um Verbindungen – mit der Natur und unseren unsichtbaren Freunden, mit uns selbst und dem Göttlichen in uns, mit den anderen und all den Herzen, die mit uns sind.
Andreas Milan kommt aus Kolumbien. In Lateinamerika hängt der Erfolg des biodynamischen Anbaus vom Zugang zum Markt ab, aber die großen Märkte sind für diese Erzeuger verschlossen. Was tun?
Andreas Wir brauchten eine Strategie für den Aufbau lokaler Märkte. Die wichtigste Erkenntnis: Bei der biodynamischen Landwirtschaft kann die Wirtschaft nicht von der Gemeinschaft getrennt werden, denn es geht bei der wirtschaftlichen Tätigkeit nicht nur um den Verkauf oder die Herstellung von Produkten, wir teilen Werte und entwickeln neue Beziehungen.
Wettbewerb und kurzfristige Rentabilität funktionieren für biodynamische Produzenten nicht gut. Wir wollen den Produkten einen Mehrwert verleihen. Ohne sozialen Zusammenhalt und ökologische Regeneration gibt es keine wirtschaftliche Nachhaltigkeit. Wenn wir als Netzwerk agieren, tauschen wir Geschichten und Erfahrungen aus. Das macht uns widerstandsfähig. Wir haben gemeinsame Herausforderungen gefunden, obwohl wir aus unterschiedlichen Verhältnissen und verschiedenen Ländern kommen. Diese Herausforderungen kann niemand von uns alleine schultern. Wir packen sie gemeinsam an. Jeder muss zum Helden werden.
Wir haben mehrere Strategien gefunden. Erstens: Erfahrung kommt vor Erklärung! Geschmack, Vitalität und echte Geschichten vermitteln besser als Konzepte. Das bedeutet, dass wir auf die Kunden und Kundinnen zugehen und ihre Bedürfnisse verstehen sollten. Kunde ist nicht mehr nur Kunde: Er oder sie ist jetzt unser Freund, unsere Freundin und gehört zu unserer Gemeinschaft. Zweitens: Ohne eine gemeinsame regionale Erzählung geht es nicht. Biodynamik muss als lateinamerikanische Bewegung sichtbar sein. Drittens: Die Aufklärung der Kunden und Kundinnen ist Teil der Arbeit. Wir müssen unser Wissen teilen und unsere Gemeinschaft aufklären. Und: Regionale Zusammenarbeit ist der Schlüssel zur Erweiterung der Produktverfügbarkeit und -vielfalt. Diese Zusammenarbeit sollte unsere Nachbarländer einbeziehen. Auch wenn der globale Trend zu Lebensmitteln mit Bedeutung, Transparenz und regenerativer Wirkung geht, besteht die eigentliche Chance für die Biodynamik darin, die Übereinstimmung zu vertiefen und Gemeinschaften zu vergrößern und zu entwickeln.
Merle Koomans gehört zur niederländischen Initiative Consumer Supported Shops (CSS; von Verbrauchern unterstützte Geschäfte).
Merle Odin ist eine Lebensmittelgenossenschaft in den Niederlanden. Wir haben 40 Geschäfte, die alle einer Genossenschaft gehören. Wir alle können Helden sein – einfach Mitglied werden und ein Held bei Odin sein! Mit jedem Euro, den Sie im Laden ausgeben, entscheiden Sie, wie die Welt aussieht, wie die Nahrungskette aussieht. Derzeit gehören etwa 23 000 Haushalte zu Odin. Letztes Jahr hatten wir einen Umsatz von etwa 100 Millionen Euro. Das ist schön, aber reicht nicht. Wir versuchen, Geld zu verdienen, um mehr Veränderung in der Welt zu bewirken.
Wir betreiben auch Imkerei – nicht wegen des Honigs, sondern um der Artenvielfalt willen. 75 Bienenvölker auf etwa 30 biodynamischen Bauernhöfen in den Niederlanden. Wir nutzen die Bienen, um zu zeigen, was falsch läuft. Denn wenn eine Biene stirbt, sagen alle: «Oh nein, die Bienen sterben aus.» Aber wenn Menschen durch Pestizide krank werden, reagieren wir kaum. Wir haben auch einen biodynamischen Bauernhof. Das Hauptziel ist die offene Bestäubungszüchtung. Wir bauen Gemüse an und laden Menschen ein, sich anzuschauen und zu lernen, was an gentechnikfreien Samen wichtig ist und woher ihre Lebensmittel kommen. Ich bin nicht jemand, der auf die Straße geht. Aber die Welt verändert sich, und manchmal sollte man aus seiner Komfortzone heraustreten. Also habe ich gegen die Zulassung von GVO und gegen die Regulierung von Pestiziden in den Niederlanden protestiert. Ich finde es gut, dass wir nicht nur Lebensmittel verkaufen und mit Menschen über Lebensmittel ins Gespräch kommen, sondern dass wir auch aktiver werden, wenn etwas schiefläuft. Auf unseren T-Shirts steht: «Sei die Veränderung, die du sehen willst.»
In Italien gehen Fabio Brescacin und Natura Si noch einen Schritt weiter. Letztes Jahr haben sie eine landesweite Kampagne gestartet.
Fabio Wir haben vor 40 Jahren mit einer kleinen Genossenschaft in einer Kleinstadt bei Venedig begonnen. Nach zwei Jahren haben wir einen kleinen Bauernhof gegründet. Heute leben wir in einer der am stärksten verschmutzten Regionen Europas, dem Prosecco-Gebiet. Aber wir haben eine 25 Hektar große Oase, in der es keine Umweltverschmutzung gibt. Unsere Inspiration war die Anthroposophie, unsere Mission: gesunde Landwirtschaft, biodynamische Landwirtschaft! Das ist ohne eine gesunde Wirtschaft nicht möglich. Vor 20 Jahren haben wir deshalb beschlossen, den Wert, den wir im Unternehmen schaffen, für spirituelle und kulturelle Zwecke einzusetzen.
Heute haben wir 350 Geschäfte. Nach 30 Jahren sind die Verbraucher da, das Bewusstsein ist da. Die Ernten sind gesund. Aber am Ende des Jahres ist die Bilanz der Höfe rot. Wir haben uns gefragt, wie wir zu einem fairen Preis kommen können. Letztes Jahr haben wir eine Kampagne mit großen Plakaten gestartet, auf denen «Prezzo Transparente» stand: Unterstützt die Landwirtschaft mit transparenten Preisen! Wir haben es mit mehreren Produkten ausprobiert. Für unsere Leute war das nicht einfach: Ist der Preis nicht geheim? Nein, wir müssen offen sein! Der Preis ist eine Entscheidung der Gemeinschaft. Als Nächstes haben wir deshalb einen runden Tisch mit Institutionen, Landwirtschaftsverbänden und Verbraucherorganisationen organisiert, um über den Preis zu reden – nicht um ihn festzulegen, sondern um einen Richtwert zu finden. Heute kaufen die Menschen zum Marktpreis, und das ist ein dummer Preis. Wir brauchen Geld. Wir müssen Geld aus dieser riesigen Finanzwelt nehmen, die wie ein Blutkreislauf ist – und ein paar Tropfen für unseren Bauernhof, für die Landwirtschaft nehmen. Ich glaube, die Verbraucher und Verbraucherinnen sind dazu bereit. Deshalb arbeiten wir dieses Jahr an Pilotprojekten für Eigenkapital und Darlehen für die landwirtschaftlichen Betriebe und die Lieferkette. Egoismus ist nur ein Teil des Menschseins. Seit 2000 Jahren gibt es einen anderen Impuls, der jeden Tag stärker wird. Das ist Altruismus. Rudolf Steiner sagt, dass Wirtschaft die Erziehung zum Altruismus ist. Ich denke, dass die Aufgabe von Menschen, die von der Anthroposophie inspiriert sind, dieser Christus-Impuls in der Wirtschaft ist. Wir müssen den Menschen die Möglichkeit geben, Gutes zu tun.
Tom Saat bringt uns in eine andere Situation. Neben den Bioläden gibt es auch in Supermärkten Bio- und biodynamische Produkte. Das ist ein anderes Terrain. Wie können wir mit diesen Einzelhandelsunternehmen zusammenarbeiten, ohne als naiv zu gelten, aber dennoch eine andere Welt von Konsumenten und Konsumentinnen erschließen?
Tom Als ich Anfang der 90er-Jahre als Landwirt anfing, nahmen die Bio- und biodynamischen Betriebe kräftig zu. 80 Prozent der Lebensmittel wurden im Supermarkt gekauft. Es schien naheliegend, sich damit zu befassen, wenn man seine landwirtschaftlichen Produkte verkaufen wollte. Aber es war nicht einfach, mit diesen großen Einzelhändlern ‹an einem Tisch zu sitzen›.
In den letzten zehn Jahren hat sich die Lage jedoch geändert. Aufgrund der Richtlinie zur nachhaltigen Unternehmensberichterstattung aus dem Green Deal müssen Unternehmen mit mehr als 10 000 Mitarbeitenden ihre Nachhaltigkeitsbilanz offenlegen. Und die Organisation Greenpeace, die in ganz Europa aktiv ist, übt großen Druck auf Supermärkte aus, gesunde Produkte zu verkaufen. Daher haben viele Supermärkte nicht nur eine Einkaufsabteilung, sondern auch eine Nachhaltigkeitsabteilung. Das macht es für uns viel interessanter, mit am Tisch zu sitzen. Wir können auf Augenhöhe miteinander sprechen – Produzenten, Verpacker, Waschbetriebe, die Nachhaltigkeitsabteilung und die kaufmännischen Abteilungen. Wer am Tisch fehlt, sind die Verbraucher und Verbraucherinnen. Die meisten von ihnen betreten einen Supermarkt in der Annahme, dass sie frei wählen können, was sie kaufen möchten. Das ist eine Illusion. Ich habe schon oft mit Supermarktleitern einen Laden durchschritten, und sie sagten mir: «Wenn ich Ihre Zwiebeln oder Ihren Brokkoli hier hinstelle, wird sich in einer Woche so viel davon verkaufen. Wenn ich sie dort hinstelle, wird es weniger sein.» Das Supermarktmanagement bestimmt zum großen Teil, was Verbraucher und Verbraucherinnen kaufen, und darum sind sie indirekt doch am Tisch. Der Tisch an dem wir die Verhandlungen machen wird imm er mehr ein runder Tisch. Ich sehe diese Dinge als Sprungbrett: eine Veränderung, die nicht rückgängig gemacht werden kann. Wenn wir ein wichtiger Teil der Landwirtschaft sein wollen, sollten wir diesen Weg gehen. Es gibt viele Wege, um nach Rom zu gelangen. Am besten ist es, wenn sie für alle fruchtbar sind. Deshalb sollten auch die Supermärkte Teil des Biowachstums sein.

