Änder Schanck hat in Luxemburg eine Pioniertat vollbracht: Aus dem ersten Biobetrieb des Landes entstand mit der Oikopolis-Gruppe ein assoziatives Wirtschaftsmodell, in dem Bauern, Verarbeitende und Konsumenten gemeinsam Eigentümer sind. Selbst Supermarktketten wurden zu Partnern. Seine wichtigste Erkenntnis aus 35 Jahren: Systeme lassen sich nur über individuelle Menschen ändern. Im Gespräch mit Andrea Valdinoci erzählt er, wie aus einer Farbenvergiftung eine Lebensaufgabe wurde – und warum er heute, mit 71, die größte Chance für junge Menschen im Landfreikauf sieht.
Änder, wie kam es dazu, dass bei dir und deiner Frau der Impuls entstand, so tief in die biodynamische Landwirtschaft und deren Vermarktung einzusteigen?
Änder Schanck Wir hatten 1975 ein renovierungsbedürftiges Haus erworben. Von den Materialien, besonders den Farben und Lacken, die wir dort verwendeten, wurde meine Frau krank. Das löste bei uns die Frage aus, was hier nicht stimme. Ich belegte dann Kurse in Baubiologie und stieß auf das Buch ‹Wir erlebten Rudolf Steiner, Erinnerungen seiner Schüler›. Das gab uns eine neue Sicht und inspirierte uns, uns tiefer mit den Fragen des Gesunden und Lebendigen und seinen Voraussetzungen zu beschäftigen. Ich kam ja von einem konventionellen Hof. Nun entstand ein Dialog mit meinem Bruder Jos, der den Hof übernommen hatte. Wir belegten beide Kurse beim Forschungsring und 1979/80 wurde der Betrieb umgestellt. Es war damals der erste Biobetrieb in Luxemburg. Von Anfang an lag mein Schwerpunkt in der Hofarbeit in der Verarbeitung und Vermarktung der Produkte. Dazu gehörte, wöchentlich Brot zu backen und die Brote in der 70 Kilometer entfernten Stadt Luxemburg zu verkaufen.
Dann ergab sich die Möglichkeit, dass meine Frau eine Ausbildung an der Alanus-Hochschule in Alfter begann und ich sie als Hausmann mit unseren zwei Töchtern dorthin begleitete. Hier hatte ich nun Zeit und die Möglichkeit, mich mit Menschen zu treffen, denen es ein Anliegen war, gesunde Gesellschaftsformen zu entwickeln. Die Ideen zum sozialen Organismus und insbesondere die Frage des assoziativen Wirtschaftens beschäftigte mich. Als ich wieder in Luxemburg war und weitere Betriebe inzwischen auf biodynamisch umgestellt hatten, war die Zeit der konkreten Zusammenarbeit gekommen. Als Erstes wurde die BIOG-Genossenschaft gegründet. Von da aus ergaben sich alle anderen Elemente aus der Praxis. Die Naturata-Läden entstanden, dann der Großhandel, danach eine Immobiliengesellschaft für den Bau der Infrastrukturen. Im Jahr 2005 kam es zur Gründung der zentralen Holding-Gesellschaft Oikopolis-Participations SA. Dies ist eine Aktiengesellschaft mit drei Gruppen von Aktionären: zum einen die Bauern, vertreten durch die BIOG-Genossenschaft, dann die Verantwortlichen der Wirtschaftsbetriebe, zusammengefasst in der Oikopolis GmbH und des Weiteren die Konsumentinnen und Konsumenten als einzelne Privataktionäre. Die Oikopolis GmbH wurde 2018 in die Stiftung Oikopolis Foundation umgewandelt, indem die Anteile der Gesellschafter in die Stiftung gespendet wurden. Eigentümer der Oikopolis-Gruppe sind also bis heute die Repräsentantinnen und Repräsentanten der wesentlichen Akteure der realen Wirtschaftskette.
Du bist einer der Ersten in der Branche gewesen, der mit einer Supermarktkette Lieferverträge abgeschlossen hat, die die Situation der Landwirte und Landwirtinnen mit berücksichtigen. Man schaute partnerschaftlich auf die jeweilige Situation und half sich aus. Du hast mitgewirkt im ‹Kontokreis›, in dem Biogroßhändler in Europa einen Liquiditätsverbund mit der GLS-Bank gebildet hatten, um sich in bestimmten Fällen schnell helfen zu können. Was hast du aus all diesen Prozessen und deinem Anliegen, praktische und lebensnahe Lösungen zu schaffen, gelernt?
Für mich war schnell klar, dass einige wenige Bioläden keine großen Mengen an Produkten absetzen können. Damit waren einer Ausweitung der ökologischen Landwirtschaft Grenzen gesetzt. Andererseits war die größte Supermarktkette in Luxemburg schon länger interessiert an unseren Produkten. Wir wussten sehr wohl, dass solche Betriebe dem Prinzip ‹Im Einkauf liegt der Gewinn› folgen. Das bedeutet, dass der Erste in der Wertschöpfungskette, in der Regel der Landwirtschaftsbetrieb, die Konsequenzen tragen muss. Wir konnten den damaligen Chefeinkäufer überzeugen, dass wir nur liefern können, wenn wir dieses Prinzip durch einen längerfristigen Vertrag ausschalten können. Kernpunkt dieses Vertrags war ihre Teilnahme an den von uns organisierten Marktgesprächen, wo alle Teilnehmenden der Wertschöpfungskette beteiligt sein sollten. Der Vertrag wurde 1994 unterschrieben. Schon bei den ersten Treffen wurde deutlich, dass auf beiden Seiten Menschen waren, die es nicht unüberwindbar fanden, die andere Seite zu verstehen. Ausnahmen gab es natürlich auch auf beiden Seiten. Aber es blieben Ausnahmen.
In erster Linie habe ich gelernt, dass vorgefasste Meinungen sehr schnell zu Schablonen werden, die man anderen überstülpt. Nicht jeder konventionelle Landwirt ist per se ein Umweltzerstörer, nicht jeder Akteur in einem konventionellen Supermarkt ist per se ein Ausbeuter, obwohl in beiden Fällen eine Systematik dahintersteht, die sehr wohl negative Auswirkungen auf die Natur und Gesellschaft hat. Man kann durchaus bedauern und anklagen, dass es solche Systeme gibt, man kann sie aber aus meiner Sicht nur über die individuellen Menschen ändern, indem man freilassend Hilfestellung gibt. Ob sie angenommen wird, ist offen.
Wie hast du dich im Betrieb mit dem Assoziativen beschäftigt?
Ich komme aus einem Dorf im Norden Luxemburgs. In meiner frühen Jugend hatte die katholische Religion hier eine gewisse Bedeutung. Im Studium kam ich mit anderen Gedankenwelten in Verbindung. Damals fand der Vietnamkrieg statt und die deutsche Zeitschrift ‹Stern› hatte ein ganzes Heft herausgegeben mit dramatischen und blutigen Bildern von diesem Krieg. Als Überschrift stand dort ‹Die einzige Entschuldigung für Gott, dass es dies gibt, ist die, dass es ihn nicht gibt.› Mehr oder weniger gleichzeitig lernte ich in der Biologie, dass der Mensch nur aus Zellen besteht, die atomar zusammengestellt und vererbt sind, sodass auch nicht viel übrig blieb vom Menschen selbst. Mit diesem Background las ich das oben genannte Buch über Steiner und war sofort neugierig, was ein ‹Geisteswissenschaftler› zu sagen hat. Im Buch ‹Philosophie der Freiheit› gab es nun doch interessanterweise andere Gesichtspunkte zum Thema Gott und Mensch. Mich interessierten dann als Nächstes die praktischen Themen. Das waren der landwirtschaftliche und der nationalökonomische Kurs. Seit der Gründung unserer Vermarktungsstrukturen gibt es einen freiwilligen Lesekreis im Kreis der Mitarbeitenden. Wir halten auch Vorträge im Rahmen der Reihe ‹Oikopolis am Dialog›.
Mit 71 Jahren bist du in den Aufsichtsrat der Oikopolis-Gruppe gewechselt und hast die operativen Aufgaben an deine Nachfolgenden weitergegeben. Dieser Übergang fiel zusammen mit einem Umsatzrückgang in der Oikopolis-Gruppe, der durch das reduzierte Kaufverhalten der Kunden zu Beginn des Ukrainekriegs bedingt war. Dies brachte erstmalig auch eine Reduzierung der Aktivitäten und der Belegschaft mit sich (ca. minus 20 Prozent). Diese zwei parallelen Prozesse waren eine doppelte Herausforderung für das neue Team mit Karin Weber, Ralf Leifgen und Jutta Serwas.
Ich bin den neuen Verantwortlichen sehr dankbar. Ihre Schritte haben dazu geführt, dass die gesamte Gruppe wieder kräftig dasteht und dass wir sehr gut mit den meisten Stakeholdern zusammenarbeiten konnten. Überraschend aber war für mich, dass insbesondere einige wenige der Privataktionäre unseren ganzheitlichen Kurs infrage stellten. Wir merken, dass wir mehr in die Kommunikation unseres gelebten Wirtschaftsgedankens investieren müssen. Wie verstehen und beschreiben wir Gewinn? Das führt zu der Frage des Verantwortungseigentums. Auch wenn durch die Mehrheitsverhältnisse ein Verkauf der Unternehmungsgruppe nicht einfach möglich ist, können andere Werte der Investoren und Investorinnen die Zukunft dieser Unternehmung herausfordern.
Was war wichtig für den Nachfolgeprozess?
Im Laufe der letzten Jahre sind eben Menschen zu unserer Gruppe gestoßen, die vorher in großen konventionellen Betrieben erfolgreich gearbeitet hatten und dann doch eine Alternative suchten, um neue Erfahrungen, gerade im ökologischen Bereich, zu machen. Dass so etwas in dem Zeitraum passiert, in dem die älteren Verantwortungsträger und -trägerinnen sich verabschieden, kann man gerne als eine gute Schicksalsfügung sehen.
Heute konnten wir gemeinsam den biodynamischen Hof Kass-Haff besuchen (ca. 105 Hektar, Kühe, Schweine, Hühner, Ziegen, Biokäserei, Naturata-Laden, Kindergarten, Café u. v. m.), der durch eine Beteiligung der Oikopolis-Gruppe vor ca. 15 Jahren gegründet wurde. Hier ist ein Ort der Begegnung entstanden, an dem für 8000 Kinder pro Jahr ein Bezug zur Landwirtschaft ermöglicht wird. Der Hof hat im Land einen hohen Bekanntheitsgrad erreicht.1Wenn du noch einmal 25 Jahre jung wärst, was würdest du heute gründen, entwickeln, angehen?
Laut EU-Landwirtschaftskommissar Hansen gibt es in der EU für 60 Prozent der Landwirte und Landwirtinnen keine Nachfolge in der Familie. Das heißt zum einen, dass in Zukunft die Betriebe größer und immer weiter industrialisiert werden. Es bedeutet aber auch, dass neu Einsteigende mehr Möglichkeiten bekämen, wenn sie an das teure Land herankämen. Es gibt damit in der Zukunft reichlich Aufgaben für Landfreikauf und Vergabe an junge Menschen, die in der Landwirtschaft tätig werden wollen. Ich bin überzeugt, dass es sich lohnen wird, hier aktiv zu werden. Und es gibt ja diesbezüglich schon gute Lösungsansätze in der weltweiten biologisch-dynamischen Szene. Aus meiner Sicht braucht es neben der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft und der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft einen Verbund der Unternehmen, die aus demselben Geist heraus arbeiten. Mich freut es, dass die World Goetheanum Association munter unterwegs ist, und ich bin dankbar, dass vor allem du und Ueli Hurter euch voll einbringt für die Sache. Ich wäre sicher gerne und intensiver dabei, wenn ich 25 Jahre jünger wäre.
Bild Änder Schanck mit Kuh, Foto: Privat








