Steine beginnen zu sprechen

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Das neue Buch von Renatus Derbidge ‹Spiritual Stone Bothering› führt ins Fragende. ‹An Intimate Guide to Scotland’s Sacred Places› als Untertitel lädt zu intimer Selbstbefragung ein.


In vielen alten Geschichten und Märchen beginnt eine Reise mit einem Abschied. Irgendetwas in uns ruft, das Gewohnte zu verlassen, ins Ungewisse aufzubrechen. Derbidges Buch bereitet uns auf eine spirituelle Reise vor. Dafür braucht es gute Karten, gutes Schuhwerk, wobei Gummistiefel oft hilfreicher seien als teure Hikingschuhe, und Kleidung für jede Situation. Man weiß nie, was dem launischen Wetter einfällt. Vielleicht noch ein Handy zur Orientierung, falls der Nebel einen einhüllt. Dann geht es los, das Erwandern und Einleben, das Kennenlernen von Menschen und zugleich von sich selbst. Deshalb ist oft die Suche nach einem Ort Teil des Weges, denn man begegnet einem Phänomen, das einem früher vielleicht nie zum Bewusstsein kam: Lass den Ort dich suchen. Man beginnt, eine Stimmung wahrzunehmen, die Atmosphäre eines Ortes spricht sich aus. Falls man den Sinn für das Atmosphärische in sich erwecken möchte, gibt der Autor Hilfestellungen. Immer mehr wird man selber zum Instrument einer feineren inneren Wahrnehmung, die durch das Äußere angeregt wird. Oft sind die Steine selbst gar nicht so physisch präsent, aber sie werden auf neue Art, wenn die Seele sich darauf einstellt, zu einem intimen Erlebnis. Die durch die empfindende Wahrnehmung ergänzte Sinneswahrnehmung stellt sich als ein Gegenmittel zu unserer globalen Krisis heraus, die als Trennung vom inneren Erleben und von der Überreizung der Sinne erscheint. Die beschriebene goetheanistische Wahrnehmung wird zum Schlüssel, um den Steinen zu begegnen. Im zweiten Schritt wird die Umgebung durch exakte Fantasie belebt. Man lässt seine Fantasie nur durch das Wahrnehmbare leiten, weil in der Seele der Umkreis nachhallt, resoniert, und ihre Essenz in dem Seelenerleben ausgestaltet. Hat man einen Zugang zu den Steinen gefunden, bekommt der Titel einen neuen Klang. ‹To bother› heißt ‹sich kümmern›, wie zum Beispiel um ein leidendes Kind. Der Titel ist nicht direkt übersetzbar, aber man ahnt die Bedeutung. Damit schafft Derbidge eine für Lesende nachvollziehbare innere Brücke zum Keltentum. Später arbeitet er den Gegensatz zwischen dem keltischen Christentum und dem römischen Christentum heraus. Während das Römische zur Form, zur hierarchischen Ordnung und zur festgelegten Lehre drängt, bauen die keltischen Christen auf persönliche Erfahrungen. Ihre Heiligkeit ergibt sich aus ihrem Umgang mit der Natur, die sie überdeutlich als Schöpfung Gottes erleben.

Nach dieser Einstimmung führt das Buch an einzelne Stätten, wie zum Beispiel Iona und Staffa. Wir erfahren die Geschichte des Ortes, auch Beschreibungen der Persönlichkeiten, die mit diesen Orten verbunden waren: ihre Art, zu leben und in ihren Klöstern zu lehren, wie sie eine persönliche Beziehung zum Übersinnlichen aufbauen. Viele Heilige waren von Lehrer zu Lehrerin gewandert, um sich weiterzubilden. Der Zugang zu den Menhiren und Ganggräbern gestaltet sich etwas schwieriger. Vor allem bei den Steinkreisen braucht es die Überwindung der Überlieferung, wonach sie lediglich Kalender seien, damit man zum eigentlichen Erlebnis kommt. Jeder Stein wurde aufgrund seines Charakters ausgesucht und steht im Verhältnis zu den anderen. Wenn auch einzelne Konstellationen durch die Stellung sichtbar werden, kann man doch davon ausgehen, dass sie so gesetzt wurden, damit man die Konstellation als kosmisches Geschehen in der Gemeinschaft feiern konnte. Dies wird vor allem in den Steinsetzungen der Orkneys erlebbar. Die Megalithkultur bekommt durch Derbidges Beschreibungen volles Leben und Sinn. Man versteht ihren Tempelcharakter gerade erst durch die kosmische Naturverbundenheit. Es wurden keine abgeschlossenen Häuser für die Religiosität benötigt. Dennoch gab es sie, wie in den Ganggräbern. Diese waren ursprünglich Einweihungsstätten und häufig ausgerichtet, etwa auf die aufgehende oder untergehende Sonne der Wintersonnenwende, der Julzeit. Sie wenden sich nach innen, während der Steinkreis offen ist für die umgebende Natur. Im Weiteren werden die Charaktere einzelner Steinsetzungen zum Erwandern, zum einfühlenden Nacherleben vorgestellt. Jeder Kreis hat seine eigene Aussage, auch wenn mehrere sich nah beieinander befinden.

Ich empfehle dieses Buch allen Interessierten, die einen ganzheitlichen Zugang zu einem Phänomen suchen, das physisch nur zum Teil ‹anwesend› ist. Derbidges ‹Spiritual Stone Bothering› ist ein Buch mit Anleitungen zur praktischen Erfahrung. Sogar beim Lesen, ohne alle Orte aus eigener Erfahrung zu kennen, wird die Atmosphäre so lebensnah beschrieben, als ob man auf der Reise dabei sei.


Buch Renatus Derbidge: Spiritual Stone Bothering. An Intimate Guide to Scotland’s Sacred Places. Sacred Isles Press. Nov 2025. Zunächst nur in englischer Sprache.

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