Musikalische Installation wagen

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Rudolf Geigenfeind sucht neue Wege im Sozialen. Sein Instrumentarium ist die Musik. Mit ihren Elementen bringt er Gruppenprozesse zum Klingen. Die Teilnehmenden werden selbst zum Resonanz­instrument für die Geschehnisse der Umgebung.


Weiterbildung für Pädagoginnen und Pädagogen: Es geht um den Einsatz musikalischer Elemente zur Harmonisierung des beruflichen Alltags. Beim ersten Treffen sitzen 18 Frauen aller Altersgruppen im Kreis. Einige kommen eben noch atemlos an, ziehen ihre Schuhe aus, andere suchen einen sicheren Ort für ihre Handtasche. Auf dem Teppich in der Mitte liegen Gitarren, Fideln aller Größen, Geigen und Violoncelli. Auch ein Kontrabass. Alle sind so präpariert, dass kein Missklang möglich ist. Beginnend mit den Gitarren stimmt die Kursleitung die Instrumente nach. Die kontrollierten Instrumente werden jeweils nach links weitergegeben. Auf diese Weise wächst der Klang stetig. Nach den Gitarren kommen die Streichinstrumente, am Schluss der Kontrabass. Nun ist die Gruppe gut eingestimmt. Die Instrumente werden mit anfänglichem Zögern zum Klingen gebracht, aber im Schutz der Gruppe – alle sind ‹Ver-Suchende› – fühlen sich alle sicher und mutig. Erstaunen liegt in der Luft. Kaum jemand hat je zuvor ein solches Instrument mit eigenen Händen zum Klingen gebracht, und schon gar nicht in einer so großen Gruppe. Eine Klangwolke füllt den Raum, die einen Rahmen für jede Tonalität bildet. Das könnte Pentatonik sein, eine modale Tonart oder Dur oder Moll. Auch ein gemeinsames Tempo, eine gemeinsame Pulsation ist entstanden, wie von selbst. Die Kursleitung improvisiert eine einfache Melodie. Wie selbstverständlich nehmen alle das Metrum an. Eine Rondo-Form entsteht. In den Zwischenteilen wird leiser gespielt, lauter, etwas langsamer, schneller, nur eine Instrumentengruppe tönt, also nur ‹con arco› oder ‹pizzicato›, einige Mutige singen zur Improvisation dazu, variieren die Melodie nach Belieben. Das Vertrauen ins gemeinsame Musizieren ist gewachsen, die Teilnehmenden scheinen sich wohlzufühlen. Die musikalischen Wechsel beginnen selbstverständlich zu werden. Die Improvisation führt zu einem Schluss, der von allen verstanden und angenommen wird. Als alle ihr (Zufalls-)Musikinstrument auf den Teppich in der Kreismitte zurückgelegt haben, beginnt die Vorstellungsrunde; bis dahin wurde kaum gesprochen. Als Dritte meldet sich eine Frau mit einem leichten Unterton der Entrüstung in der Stimme. Sie sagt, dass sie es schon sehr schade fände, dass sich hier alle kennen, nur sie sei allein aus ihrer Einrichtung zu dieser Fortbildung geschickt worden. Daraufhin ein großes Gelächter in der Runde. Nur zwei Zweiergruppen kennen sich, alle anderen haben sich noch nie zuvor gesehen.

Wie kann das geschehen, dass 15 bis 20 Minuten gemeinsames Musizieren eine Ansammlung von Menschen so sehr zu einer Gruppe verbindet? Aus dem Echo der Beteiligten ist zu entnehmen, dass diese Effekte als ‹von innen heraus› erlebt werden. Es braucht keine Autorität, die zur Disziplin mahnt, die zur Ordnung ruft. Ein effektives Zusammenspiel in der Gruppe ergibt sich ‹wie von selbst›. Wirkt hier die Kraft der Resonanz, die ordnende Kraft der Musik selbst? Worin im Einzelnen bestehen diese Kräfte und wie und worauf wirken die einzelnen Komponenten?

Das Leben ist musikalisch

Für dieses Herangehen an die Wurzeln der Musik sind keinerlei Vorkenntnisse nötig. Niemand muss ein Instrument beherrschen oder Noten lesen können. Um ‹beherrschen› geht es hier auch nicht, sondern eher um ‹dienen›, um Demut, um ungefilterte Wahrnehmung. Und um Spiel im Sinne von Schiller. Hermann Pfrogner schrieb in ‹Mein Vermächtnis›: «Dienst am Menschen, selbstloses Dienen am Menschen, das ist es, was man von der Musik der Zukunft erwartet. […] Einst im Zeitalter des Ambrosius und Augustinus war die Musik Magd der Kirche, ‹ancilla ecclesiae›. Heute sollte sie hilfswillige Magd des Menschen, ‹ancilla hominis›, Dienerin des Menschen, sein.» Musik dient dem Menschen, stattet ihn aus mit Durchhaltekraft, angefangen vom Physischen bis ins innerste Seelische; ist ihm eine Stütze, rüstet ihn mit neuen Lebenskräften aus, zieht neu belebend in Seele und Leib ein. Dafür ist Beweglichkeit auf allen Ebenen nötig. Einfache körperliche Bewegung können alle gestalten, seelische Disposition wie Offenheit, Neugier auch. Sich als Ganzes hineinstellen. Hier ist also weder ein Bad der Gefühle, noch eine nüchterne analytische Herangehensweise zielführend, sondern nur eine holistische Bereitschaft. Dadurch geschieht auch eine Rückbindung an sich selbst, was wiederum die Basis für eine gesunde Kontaktaufnahme zur Umwelt ist. Die eigene Persönlichkeit wird zum Resonanzinstrument auf allen Ebenen für die Geschehnisse aus der Umgebung.

Im Alltag ist es unumgänglich, sein eigenes Lebenstempo kennenzulernen. Dies wird sich je nach Lebenssituation deutlich unterscheiden. Rudolf Steiner beschreibt zum Beispiel: «Der Kopf geht in dieser Beziehung ungefähr dreimal so schnell wie der übrige Organismus; der übrige Organismus hat Zeit, er geht dreimal langsamer, er macht ein ganz anderes Tempo […]. Wenn das Aufnehmen durch den Kopf etwa einen Tag gedauert hat, drei bis vier Tage warten, bis man es voll aufgenommen hat.»1 In ‹Occulte Zeichen und Symbole›2 finden sich auch Hinweise auf die Tonverhältnisse der Wesensglieder. Physischer Leib, Ätherleib, Astralleib und Ich verhalten sich wie 12 : 7 : 3 : 1. In Töne umgewandelt ergeben sich folgende aufsteigenden Werte auf der Basis von D als Ich: D – A – (Septime-) C-ähnlich – A. Man könnte aber auch die Saitenlängen als Maß nehmen und käme dann auf folgende absteigende Tonreihe D – G – (Septime-) F-ähnlich – G. Für eine eng abgestimmte Zusammenarbeit, auch für die eigene Lebensorganisation, ist es unumgänglich, Schwerpunkte zu setzen. In einer Zeit, in der wir überflutet werden von Informationen und Eindrücken, auch gegen unseren Willen, ist es notwendig, seine Fähigkeit, Schwerpunkte zu setzen, zu üben und auszubauen. Es geht letztlich um die heute so überlebenswichtige Fähigkeit, Wesentliches von Belanglosem zu trennen und sein Handeln danach auszurichten. Die musikalische Arbeit kann dabei helfen.

Noch immer haben wir Schwierigkeiten, mit zeitlichen Kürzen und Längen umzugehen. Das übt ein Geiger mit jedem Bogenstrich: Vom ersten Zentimeter an, die Geschwindigkeit so zu bemessen, dass der Bogen bis zum Ende der Länge der Note einen wohlklingenden Ton ergibt. Im Alltag werden zeitliche Längen meist als unnötig und lästig erlebt auf unserem Hasten zu einem Ziel, das wir vielleicht nie erreichen werden, und das oft unklar ist. Andererseits finden wir heute schwer Gelegenheit zur Besinnung. Die eingehende Beschäftigung mit dem Wechsel von langen und kurzen Noten führt aber genau zu einem gesunden Ausgleich von Aktivität und Besinnung.

Welt der Zahlen

Die spirituelle Welt der Zahlen beginnt mit den ersten drei. Steiner sagt dazu: «Es gibt keine Offenbarung, ohne dass hinter ihr das Göttliche waltet; daher ist hinter jeder Zweiheit noch eine Einheit verborgen. Deshalb ist die Drei nichts anderes als die Zwei und die Eins, nämlich die Offenbarung und die hinter ihr stehende Göttlichkeit. Drei ist die Zahl der Göttlichkeit, der sich offenbarenden Göttlichkeit.»3 Im alten Griechenland wurden die Zahlen als ‹Demiurgos›, als Welterschaffer bezeichnet. Als Musikerinnen und Musiker können wir das gut nachvollziehen. Wir finden diese ersten drei Zahlenpersönlichkeiten bei plötzlichen Tempoveränderungen, in den metrischen Strukturen und in den Längenverhältnissen der Rhythmen. Dass diese wesentlichen Zahlenverhältnisse auch in der Welt der Tonhöhe eine entscheidende Rolle spielen, müssen wir uns erst vor Augen führen. So verhalten sich die Töne der ‹modernen› Tonleiter, wie sie Pythagoras von Ptolemäus übernommen hat, wie ⁹⁄₈ = 3².2-³, ²⁵⁶⁄₂₄₃ = 2⁸.3-⁵. Also nur aus den Zahlen 2 und 3 und deren Potenzen.

Die Maßeinheit Hertz hat mit Sekunden zu tun, also nicht mit Intervallen, sondern mit 1/60 einer Minute, mit der Erdumdrehung. Sie ist ein auf unsere Umwelt bezogenes Maß. Die pythagoreische Tonleiter bedeutet also ‹Naturphänomen›, sowohl in der absoluten Tonhöhe als auch in der Beziehung zu den sieben einzelnen Tonpersönlichkeiten. Und auch in ihrem jeweiligen Bezug zu einem Grundton. Die Musik bewegt sich (natürlich mit Ausnahmen) also innerhalb der ‹kleinen Welt› der ersten drei Zahlen, die aber letztlich doch alles umfasst. Erst im späten Mittelalter kam die Zahl Fünf dazu.4

Zeichen unserer Zeit ist eine irrationale Zahl. Oder können Sie sich eine Zahl vorstellen, die zwölfmal mit sich selbst multipliziert eine Zwei ergibt? Diese brauchen wir aber, um von einem Tastenton zum nächsten zu gelangen ( ¹²√2 ). Johann Sebastian Bach, der seinerzeit als veraltet galt, hat mit einem genialen Vorgriff nicht nur diese temperierte Stimmung gewagt, sondern auch in seinem ‹Wohltemperierten Klavier› ein Thema verwendet, das von Arnold Schönberg stammen könnte. Nicht nur Mozart sagt, dass die Musik «zwischen den Tönen» stattfindet. So ist es auch bei den Intervallen. Wie beim Einstimmen von Quinten bereits angedeutet, ist der Zusammenklang musikalisch das Entscheidende. So ist ein musikalisches Intervall die Oszillation zwischen zwei eigenständigen Persönlichkeiten. Wie wenn wir eine Frau erleben, und unabhängig davon einen Mann. Die Begegnung mit beiden zusammen als Paar wird ein neuer Eindruck sein. Beim Einstimmen eines tiefen Streichinstrumentes ist das sehr schön zu beobachten: Wir können uns auf den tieferen Ton konzentrieren, auf den höheren, und auf den Zusammenklang beider. Das ist dann das entscheidende Phänomen für das ‹Einrasten› einer reinen Quinte. Ein Gegenbeispiel ist der Goldene Schnitt: Dort beziehen sich alle Unterteilungen auf ein einziges Grundmaß. Es ist selbstbezogen, es fehlt die zweite Persönlichkeit.

Aus dem und für den Moment

In lebendiger Musik gibt es kein Phänomen, das nicht verbunden ist mit allem anderen. Das ist sicher ein Teil des Geheimnisses der verbindenden Kräfte des Musizierens. Beachten müssen wir auch die äußeren Umstände, die ein freies Musizieren begünstigen. Neben den räumlichen Gegebenheiten ist es auch das Instrumentarium. Dazu Hermann Pfrogner noch einmal: «Nicht zuletzt wird unser so reich ausgestaltetes Instrumentarium darauf hin zu befragen und zu durchforsten sein, welche, bisher ungenutzt gebliebenen, gesundenden Kräfte schlummern hier? Welche bisher brach liegenden Heilkräfte können in-strumental entbunden und gesundheitsfördernd mobilisiert werden?»5

Wir haben dies mit Laien dahin gehend gelöst, dass wir einerseits mit Instrumenten arbeiten, bei denen die Tonerzeugung in den eigenen Händen liegt, also begreifbar im wahren Sinn des Wortes ist. Zum anderen sind die Instrumente aber so gestimmt, dass man Energie aufwenden müsste, um unpassende Töne zu erzeugen. Dadurch ist es möglich, sich auf sich selbst zu konzentrieren und zugleich auf die Gruppe. Erfahrungsgemäß ist die Gestaltung einer Melodie bei Laien stets mit erhöhter Konzentration verbunden. Das würde Aufmerksamkeit abziehen von der Handhabung des eigenen Instrumentes, den musikalischen Komponenten der Taktebene und den Vorgängen in der Gruppe. Beschränkung ist also auch hier das Zauberwort. Die Umwandlung von Ereignissen und Stimmungen in eine Melodie verlangt musikalische Grundkenntnisse, die hier zunächst die Gruppenleitung ausübt. Diese hat die zusätzliche Aufgabe, alle Geschehnisse miteinzubeziehen, seien sie materieller, geistiger oder seelischer Art. Dies ist ein höchst anspruchsvoller künstlerischer Vorgang und eine Hommage an den wahren immateriellen Charakter der Musik.

Im Zusammenhang mit dem Erzählen von Märchen misst Steiner dem Prozess des Gestaltens eine besondere Bedeutung zu.6 Das ist auch unsere Erfahrung aus unserem Projekt ‹Harmonisch ins Leben› (2004–2007) für Familien mit Neugeborenen. Es wird aus dem Moment heraus gestaltet, und nur für diesen Moment. Einprägsames Bild dazu könnte sein, ein vor sich hin brummelnder Vater, der für sein kleines Kind ein Gutenachtlied ‹singt›. Folgende Fragen erübrigen sich hier: Wer musiziert denn da? Warum spielen diese Menschen? Für wen spielen sie? Warum spielen sie genau diese Musik?

Musikalische Installation

Musikalische Installation ist trotz ihrer heilsamen Wirkung doch keine Musiktherapie. Diese hat ein Ziel. Bei der musikalischen Installation ist das Musizieren selbst das Ziel. Natürlich entstehen keine ‹Brandenburgischen Konzerte› bei dieser Herangehensweise. Es besteht auch nicht die Absicht, das zur allein selig machenden Musiziermethode zu erklären. Es könnte sich aber zu einer eigenständigen Musikrichtung entwickeln. Fassen wir die Vorbedingungen zusammen, so können wir diese Art der Handhabung des Musikalischen betrachten wie ein ‹soziales Kunstwerk›, nach Joseph Beuys. Vielleicht kommt der Begriff ‹musikalische Installation› den Tatsachen am nächsten. Allerdings mit dem Unterschied (und im Gegensatz zu Beuys), dass sie eine zeitlich begrenzte Erscheinung ist und gänzlich ungeeignet zur ‹Ausstellung›. Sie ist Kunst, die auf den zur Verfügung stehenden Raum zugeschnitten ist, auf die Fähigkeiten der Mitwirkenden, auf deren Seelenlage, auf deren Lebensalter, auf die Jahres- und Tageszeit, in der das Ereignis stattfindet. Außenstehende werden das Ergebnis allerdings mit Befremden zur Kenntnis nehmen. Es wäre vollkommen verfehlt, es auf CD zu bannen oder ein Video davon anzufertigen. Erleben kann man eine musikalische Installation also nur durch aktives Mitgestalten.

Hier also der Ruf an alle, die davon überzeugt sind, unmusikalisch zu sein. An alle, die Scheu davor haben, selbst musizierend tätig zu werden. Wagen wir, unser Leben zu harmonisieren durch musikalische Betätigung. Nennen wir es hier einmal das ‹Wagnis der musikalischen Installation›. Der Weg ist das Ziel. «Ich suche nicht – ich finde. Suchen, das ist ausgehen von alten Beständen und ein Findenwollen von bereits Bekanntem im Neuen. Finden, das ist das völlig Neue! Das Neue auch in der Bewegung. Alle Wege sind offen, und was gefunden wird, ist unbekannt. Es ist ein Wagnis – ein heiliges Abenteuer! Die Ungewissheit solcher Wagnisse können eigentlich jene auf sich nehmen, die sich im Ungeborgenen geborgen wissen – die in die Ungewissheit geführt werden – die sich im Dunklen einem unsichtbaren Stern überlassen – die sich vom Ziele ziehen lassen und nicht, menschlich beschränkt und eingeengt, das Ziel bestimmen. Dieses Offensein für jede neue Erkenntnis im Außen und Innen: Das ist das Wesenhafte des modernen Menschen, der in aller Angst des Loslassens doch die Gnade des Gehaltenseins im Offenwerden neuer Möglichkeiten erfährt.»7


Kontakt rg@educultura.com

Bilder / Infos EduCultura

Fußnoten

  1. Rudolf Steiner, Die Kunst des mündlichen Vortrags. Dornach, 6. April 1921, GA 281b.
  2. Rudolf Steiner Nachlassverwaltung, Okkulte Zeichen und Symbole im Zusammenhang mit der astralen und geistigen Welt. Dornach 1972, Mitschrift von einem Vortrag, Köln 29.12.1907.
  3. Ernst Bindel, Die geistigen Grundlagen der Zahlen. Frankfurt/Main 1987.
  4. Ernst Bindel, Die Zahlengrundlagen der Musik. Stuttgart 1985.
  5. Hermann Pfrogner, Mein Vermächtnis – Die Zukunftsaufgabe der Musik. Drei Vorträge für den Bayerischen Rundfunk, Erstsendung am 17.12.1988.
  6. Rudolf Steiner, Die Erneuerung der pädagogisch-didaktischen Kunst durch Geisteswissenschaft. GA 301, Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1991.
  7. Nach Pablo Picasso.

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