Mit dieser Betrachtung einzelner Ereignisse der Karwoche werfe ich ein Licht auf zentrale Fragen des Christentums: Warum war ein Verrat erforderlich? Stimmt die kirchliche Sicht, dass der Christus so Mensch geworden war, dass er seinen Tod fürchtete? Hatte Pilatus eine Chance, richtig zu handeln? Was meint der Aufschrei am Kreuz: «Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?»
Judas
Der Tag des Judas war Palmsonntag: Für ihn begann sich endlich die Prophezeiung zu erfüllen: Das Volk Israel erkennt den Weltenherrscher und huldigt ihm, indem es seinen Weg mit Palmenzweigen ziert. Judas hat ein Bewusstsein von Machtausübung. In den Folgetagen erlebt er aber, dass der Christus in der Auffassung von Judas lauter kapitale Fehler begeht, indem er – um ein Wort von Dostojewski zu verwenden – idiotisch mit dieser Macht umgeht: Er macht keine Anstalten, Judas’ Vorstellungen von einem Weltenherrscher zu entsprechen. Judas, auf andere Weise als Petrus ein Kämpfer seines Herrn, kann das nicht akzeptieren und will eine Prüfung provozieren, ob er den Richtigen verehrt. Er wusste, dass der Christus durch jeden seiner Jünger so sprechen konnte, als wäre er es selbst. Außerhalb des Jüngerkreises war es deshalb unklar, welcher unter ihnen tatsächlich der Christus war. Dieser Schutzkreis konnte nur aus dem Jüngerkreis aufgebrochen werden. Wenn also der Christus der Weltenherrscher ist, muss er mit der diesseitigen Weltmacht (Pharisäern und Schriftgelehrten) fertigwerden können. Wenn er sich ihrer nicht erwehren kann, ist er ein Scharlatan, und dann soll auch das kundwerden. Wir würden das heute vielleicht als Handeln aufgrund einer Verschwörungstheorie bezeichnen.
Wir stehen hier vor der Tatsache, dass das Zentralgeschehen des Christentums, das Mysterium von Golgatha, für seinen Vollzug auf einen Verrat angewiesen ist!
Johannes schildert Judas’ Verhältnis zum Christus detailliert: Christus erwähnt zur Bestürzung der Jünger, dass einer von ihnen ihn verraten wird: Jeder will wissen, ob der Christus ihm so etwas zutrauen könnte. Der Christus antwortet indirekt: «Der ist’s, dem ich den Bissen eintauche und gebe. Und er tauchte den Bissen ein und gab ihn Judas, Simons Sohn, dem Ischariot. Und nach dem Bissen fuhr der Satan in ihn. Da sprach Jesus zu ihm: Was du tust, das tue bald! […] Da er nun den Bissen genommen hatte, ging er alsbald hinaus. Und es war Nacht.» (Joh. 13, 26–30)
Damit hat auch Judas am Abendmahl teilgenommen – und er handelt quasi im Auftrag: «Was du tust, das tue bald.» Mit diesem Quasi-Auftrag trat er hinaus – und es ward Nacht!
Judas wird nach dem Verrat durch den Kuss die 18 Silberlinge, die er für seinen Verrat von den Herrschenden bekommt, zurückgeben und sehen, dass er derjenige ist, der sich geirrt hat, in seinem Irrtum aber dazu entscheidend beiträgt, dass sich das Mysterium von Golgatha vollziehen kann. In seiner Not erhängt er sich und wird damit Geistzeuge des Kreuzestodes.
Nachtodlich erlebt er, dass der Christus ihn nicht verdammt. In einem nächsten Leben wird er als Kirchenvater (Augustinus) ein Eiferer um göttliche Gnade, aber auch in Ahnung seines Judas-Schicksals ein Verfechter der Prädestination: Wir sind völlig in Gottes Hand, können also nicht frei handeln. Trotzdem wird er auch zu einer seiner Zeit weit vorauseilenden Kirchengestalt: Er ist der Erste, der eine Autobiografie schreibt und in dem schon Fähigkeiten der Bewusstseinsseele auftauchen, wenn er den Stoikern vorwirft: Ihr zweifelt an allem, aber dass ihr zweifelt, daran könnt ihr nicht zweifeln.
Gethsemane
Das Geschehen in Gethsemane wird von kirchlicher Seite oft so interpretiert, dass auch Jesus Angst vor dem Tod hatte und dass sich in dieser Schwäche seine Menschlichkeit ausdrücke: Sogar er habe angesichts des Todes Angst! Aber geht es hier um eine menschliche Angst vor dem Tod? Schließlich ist der Christus (hier noch) ein Gott und weiß, dass er nach drei Tagen auferstehen wird. Mephisto würde also fragen: «Wozu der Lärm?»
Die genauere Betrachtung zeigt, dass hier von diesem Kelch (als Bild des Todes) gesprochen wird: Der Christus-Jesus ist bereits so entkräftet, dass die Gefahr besteht, dass er den Weg zu Kreuz nicht mehr schaffen könnte. Könnte diese Entkräftung begleitet sein von einer Vision: Er sieht, wie viel Leid in den nächsten Jahrtausenden in seinem Namen angerichtet werden wird? Lukas, der Arzt, schildert hier genau: Er gerät in Agonie (γενομενος εν αγωνια) und schwitzt Blut und Wasser. Christus-Jesus kämpft mit diesem vorzeitigen Tod. Wenn er in Gethsemane gestorben wäre, wäre das eine kosmische Panne: Die Schrift wäre nicht erfüllt gewesen. Es hätte kein Kreuzestod stattgefunden. Daher sein Gebet, diesen Kelch an ihm vorübergehen zu lassen. Wir würden heute vielleicht eher von einer magischen Handlung oder Meditation sprechen. Aber sogar hier: «Nicht mein Wille, Dein Wille geschehe.» Und siehe: Ein Engel stärkte ihn.
Unmittelbar im Anschluss der Kuss des Judas. Auch er trägt dazu bei, dass der Christus den Jesusleib nochmals ergreifen und so den nun folgenden Leidensweg durchstehen kann.
Petrus
Er will offenbar den Schädel des Kriegsknechts spalten, der aber macht im ‹richtigen› Moment eine kleine Kopfbewegung, sodass Petrus nur sein Ohr trifft. Dies wird vom Christus wieder angeheilt und damit zur letzten seiner Heilungen. Für Petrus ist dieses Verhalten in diesem Moment schätzungsweise schwer verständlich. Aber dies wie auch sein Schlaf in Gethsemane («Wachet und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallet») zeigen, dass er mehr und mehr zum Schatten seiner selbst wird: Als Selbst schlägt er noch zu und folgt dem Christus bis zu Kaiphas, dem Hohepriester, aber als sein Schatten (ver)schläft er die Geistdynamik in Gethsemane und verleugnet schließlich sogar dreifach seine Zugehörigkeit zu seinem Herrn. Das vom Christus vorhergesagte Krähen des Hahnes löst bei ihm ein Schwellenerlebnis aus, die sein restliches Leben bestimmen wird.
Der Jüngling ohne Kleider
Nach dem Kuss schildert Markus (14,51–52): «Und ein Jüngling folgte ihm, der hatte ein fein gewebtes Leinentuch um seinen Körper gewickelt. Als sie ihn ergriffen, ließ er das Tuch fallen und floh nackt davon.» Diesen rätselhaften Jüngling beschreibt Rudolf Steiner als Christus-Impuls. Diese Beschreibung löste bei mir eine schwere Krise aus: Die als häretisch empfundenen Doketisten behaupteten: Ein Gott stirbt nicht als Verbrecher am Kreuz. Der da starb, war ein Stellvertreter. Diese Sicht stellt die gesamte Menschwerdung des Christus infrage. Wenn also der Christus-Impuls vor der Kreuzigung entwich, wer starb dann am Kreuz?
Erst eine Vorbereitung für eine Osterfeier1 gab mir hier Licht: Kann man das Mysterium aus der Sicht Michaels betrachten? Es ergab sich mir hier ein Michael, der wie ein geistiger Regent das Geschehen begleitet. Dieser Jüngling erschien als Geistgestalt, die auf Michael zuläuft und sich mit ihm vereinigt. Das erhob Michael seinerseits auf eine neue Seinsstufe: Er wurde zum (vorübergehenden) Bewahrer der kosmischen Kräfte, auf die der Christus in seiner Menschwerdung verzichten musste. (Von da an beispielsweise keine Heilungen mehr.) Damit riss auch (mehr und mehr) die Verbindung zum Vater. Was schließlich im verzweifelten Ruf am Kreuz gipfelt: «Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?» Unterliegt hier der Christus nicht einem urmenschlichen Irrtum? Hätte er nicht rufen müssen: Mein Gott, warum bist Du mir nicht mehr erreichbar?
Michael ist nach meinem Eindruck2 der vorübergehende Hüter dieses ‹Jünglings›: Nachtodlich kehrt der Christus zu seiner kosmischen Größe zurück oder genauer: Er verbindet sich wieder mit dem von Michael bewahrten ‹Jüngling› und kann nun nicht nur das ganz menschliche Todeserlebnis in die Götterwelt aufnehmen, sondern auch – aufgrund dieser Erfahrung – für die Erdenverhältnisse heilend eingreifen (Höllenfahrt).
Pilatus
Das Geschehen wechselt nach der Verurteilung durch die Hohepriester zu Pilatus, der für Urteile und deren Vollstreckung zuständig war. Auch hier lohnt sich eine Innenperspektive: Pilatus war von seiner Frau gewarnt: «Vergreife dich nicht an diesem Gerechten!» Dem will er folgen und hofft, dass er aus dem Gespräch mit dem Christus-Jesus etwas für dessen Entschuldigung gewinnen kann. Aber in diesem Gespräch zeigt sich sein Dilemma: Damit sich der Kreuzestod vollziehen kann, kann ihm der Christus nicht entgegenkommen. Alle sind gegen seine Haltung: die ‹Bösen› und die ‹Guten›. Es steht Individualität gegen Vorsehung. Was immer er anstellt (Austausch des Christus gegen einen Verbrecher (Barnabas), waschen der Hände in Unschuld), er erliegt schließlich dem Mob, der sich vor seinem Gebäude entfacht: «Kreuzige, kreuzige!», und wird Ausführender der Vorsehung.
Er geht nicht nur mit ‹von Pontius zu Pilatus› als Redewendung oder mit seiner Erwähnung im Glaubensbekenntnis (‹gelitten unter Pontius Pilatus›) in die Geschichte ein. Seine Rückfrage an den Christus: «Was ist Wahrheit?», wird die Philosophie von da an bis auf den heutigen Tag beschäftigen. Er stellt diese Frage dem, der von sich sagt: «Ich bin die Wahrheit.»
Diesseits und jenseits des Kreuzes
Es gibt einen Kontrast in der Schilderung des Kreuzestodes bei den Synoptikern (Math., Mk., Luk.) und Johannes. Bei den Synoptikern liegt die Aufmerksamkeit auf dem im Tod zum Menschen gewordenen Gott, der sich schließlich sogar irrt: «Warum hast Du mich verlassen?» (vgl. Ps. 22.1) anstatt «Warum erreiche ich Dich nicht mehr?».
Bei Johannes stirbt der Christus als Geisteskönig: «Es ist vollbracht!» Nach meinem Eindruck betrachtet Johannes das Geschehen aus nachtodlicher Sicht: Tod als Durchgangsstufe zur Auferstehung. Ihn beeindruckt die nachtodliche Geistgewalt, mit der der Christus das durch die Entwicklung entstandene menschliche Geisteschaos ordnet und durchlichtet. Auch dieses Geschehen ist einmalig, das heißt, es gab keine Proben, ob das wohl alles gelingen werde. Menschlich gesprochen: Es gab genau einen Versuch! Größte Rätsel werden hier berührt: leibliche Auferstehung – was ist da alles geistes-‹technisch›, wesensgliedermäßig erforderlich, damit das gelingt?
Dass diese Vorgänge komplex sind, sehen wir an dem Verbot des Auferstandenen, Magdalena dürfe ihn nicht berühren. Das ändert sich offenbar, denn später fordert er Thomas auf: «Lege deine Hand in meine Seite», noch später bricht er mit Jüngern das Brot und speist mit ihnen – Stufen der Verleiblichung. Dass sogar ein Speisen möglich ist, zeigt – wenn wir die Überlieferung ernst nehmen dürfen –, dass es hier auch sinnlich zugegangen sein muss, und trotzdem kommt er durch die geschlossene Tür zu den Jüngern.


