Wer bist du, Schicksal? Ich bin jener, der an deiner Seite geht, der Wächter deiner Lebenswege, dich weisend – bis du erkennst, wie des Schicksals Weisheit webt.
Das Erkennen und Einsehen, dass wir nicht nur einmal oder nur dieses Mal hier auf der Erde inkarniert sind, sondern schon einige Inkarnationserfahrungen hinter uns haben, ermöglicht eine Erweiterung des Bewusstseins. Daraus resultiert ein besseres Verständnis für Geschehnisse, die sich scheinbar zufällig ereignen. Man bemerkt, Schicksal ist präzise. In jedem Moment wirken die Folgen von in vergangenen Inkarnationen gemachten Taten und Erfahrungen in den gegenwärtigen Lebensalltag hinein. Zufällig scheinen sich Ereignisse einzustellen. Sie stehen, wenn sie mit den dahinter wirksamen Schicksalsführerwesen erfahren werden, in aufeinander abgestimmten Zusammenhängen. Karma als Gesetz von Ursache und Wirkung ist in jedem gegenwärtigen Moment prägend und gestaltend wirksam. Wir werden gewahr, dass wir auf einem weisheitsvoll geführten Schicksals- bzw. Lebenslernweg unterwegs sind.
Die vergangenen Erdenleben scheinen weit in der Vergangenheit zu liegen. Die Wirkung unserer Taten in diesen vergangenen Erdenleben ist jedoch dem Weltenäther eingeschrieben und als karmische Schatten oder karmische Doppelgänger im Hier und Jetzt wirksam.
Der karmische Doppelgänger
Die Erfahrungen und Erlebnisse der vergangenen Erdenleben sind dem heutigen Wachbewusstsein nicht zugänglich. Unbewusst wirken sie jedoch in der Gestalt, den Denk- und Empfindungsgewohnheiten des jetzigen Menschen. Ein Leben als Mönch führt zur Gewohnheit der Andacht, der Innerlichkeit und der Hingabe an größere Sinnthemen. Ein Leben als Ritter schafft die Haltung von Disziplin und Zielorientiertheit. Ein ehemaliger König setzt selbstverständlich voraus, dass ihm bei ausschweifenden Reden selbstverständlich huldvoll zugehört wird. Für einen ehemaligen Landwirt oder Müller scheint auch heute noch alles schwer zu sein. Eine Prinzessin möchte selbstverständlich gesehen und bedient werden. Ein damals erfahrener gewaltsamer Tod lässt am positiven Ausgang einer Situation zweifeln. Einem ehemaligen Bettler ist die Gewohnheit des Bettelns eingeschrieben. Wenn sie in das Licht des Bewusstseins gehoben werden, können dem Ätherleib eingeprägte Gewohnheiten und Neigungen neu ergriffen und verwandelt werden.
Karma – das Gesetz von Ursache und Wirkung
Das Studium der Gesetzmäßigkeiten von Wiederverkörperung und Karma bereitet darauf vor, mehr und mehr das Erfahrene um die Dimension eines geistig geführten Sozialprozesses zu bereichern. Die Psycho-Logik wird um die Karma-Logik erweitert.
Wer Schicksalsphänomene in seiner Umgebung empfindend, hörend und sehend achtsam wahrnimmt, erlebt sich mehr und mehr in einer neuen Welt, die für ihn wirklicher wird als jene, die sein bisheriges Leben erfüllt hat. Er beginnt, die Konsequenzen seines Handelns für sich und seine Mitmenschen zu besinnen und in seine Urteilsbildung einzubeziehen. Neue Formen der Schicksalsbeobachtung bilden sich. Das ‹Schaffen einer offenen Mitte› zwischen dem Beobachten und dem Beurteilen einer Situation stellt sich ein, das Urteil wird zurückgehalten. Die Tugend der Urteilsenthaltsamkeit bildet sich aus. Eine Schicksalssituation kann handelnd blockiert oder erlöst werden. Werden Handlungen vor Entscheidungen differenzierter abgewogen, wächst die Fähigkeit zu verantwortlichem Handeln. Es entwickelt sich ein ‹Schicksalssinn› der neue Ebenen der Beurteilung erschließt. Sogenannte Fehler können Grundlage von Erkenntnissen und Lernschritten werden. Erkenntnisfreude rückt in den Vordergrund, Fragen von Schuld und Sühne geraten in den Hintergrund. Das Verzeihenkönnen kann immer selbstverständlicher gelernt werden, wodurch Liebe möglich und Fähigkeit wird.
Wegbereiter
Das neue Verständnis im Erfassen und Erleben der karmischen Hintergründe des Menschen ist die Zeitaufgabe. Rudolf Steiner fordert dazu auf, die Karma- Erkenntnis in der Begegnung und im Zusammenleben mit den Mitmenschen als ein seelisch-geistiges Erkennen zu üben und zu praktizieren. Soziale Verhältnisse können nur gedeihlich in die Zukunft geführt werden im Einbeziehen der karmischen Erkenntnis, der karmischen Erfahrungen und Hintergründe. Man kann so weit gehen, zu sagen: Das Einbeziehen karmischer Hintergründe in Partnerschaft und Familie oder ein Unternehmen fördert die soziale Gesundung.
Die zentrale Botschaft Rudolf Steiners ist: Das Bewusstsein von Reinkarnation und Karma öffnet den Weg für die Wahrnehmung der geistigen Welt.
Warum ist das so?
Nach dem Tode am Ende eines ‹Lebenstages› ist der Mensch auch im leibfreien Zustand in der Lage, zu denken und zu fühlen. Er hat unmittelbar ein überschauendes Bewusstsein – das sogenannte ‹Lebenspanorama› –, in dem er sein ganzes Leben gleichzeitig in einem Bild gewahr wird. Diese Lebensrückschau in dem Bild begründet in ihm den Impuls zum Ausgleich der Wirkungen seines Tuns und seines Denkens in folgenden Erdenleben. Karma bewirkt die Ereignisse und Verhältnisse, die einen Ausgleich ermöglichen. Jeder Mensch und alle Menschen gemeinsam sollen in eine Ordnung geführt werden, die den kosmischen Gesetzmäßigkeiten entspricht. Dies kann nur gelingen mithilfe der himmlischen Freunde, den Engeln, die bei der Ausarbeitung des Schicksalsgefüges zur Seite stehen.
Innerhalb des im Bild betrachteten Karmas kommen wir an den Sterbemoment des vergangenen Lebens – wie an eine Schwelle. Überschreiten wir diese im inneren Erleben, können sich durch das überblickende Bewusstsein neue, hilfreiche Verständnisräume einstellen.
Praktische Karmaübungen
In der praktischen Karmaarbeit geht es um die Erweiterung der Erinnerungsfähigkeit. Im Erinnerungsprozess erleben wir anfangs ein atmosphärisches Gefühl, in welchem sich Bilder einstellen, zu denen wir entsprechende Begriffe hinzufügen. Dies ist ein ätherisch-astraler Vorgang. Der Astralleib formt mithilfe des Ätherleibes Bilder in der Seele. Die Bilder sind durch ruhig geführte Gefühle klarer und treten durch Unruhe zurück oder lösen sich auf. So sind Entspannungsübungen eine gute Voraussetzung für klare innere Bilder. Ein dem Bild entsprechendes Gefühl lässt uns die Erinnerung wie noch einmal erleben. Zur erweiterten Erinnerungsfähigkeit braucht es also Ruhe und: sich Zeit nehmen, Ausgeschlafensein, gute Konzentration.
Bilder, die tätig in der Seele gebildet werden, bewirken eine Ich-Stärkung, durch welche die Karma-Schaufähigkeit und das Schicksalsverständnis stetig wachsen. Die dem Karma entsprechenden Erinnerungsbilder bewirken ein Ganz-Werden des Einzelnen und damit persönliche und soziale Heilung.
Die Erkenntnis des Karmas in sieben Schritten
Coenraad van Houten hat einen Weg zur karmischen Selbsterkenntnis mit sieben Schritten entwickelt. Er sagt:
«Wenn wir unser Schicksal und die Ursachen im vergangenen Leben verstehen, und anfangen, daran unsere Aufgaben für die Zukunft abzulesen, beginnen wir, in dieser Wirklichkeit bewusst zu leben. Ohne das Verstehen unserer Aufgaben, ohne die Erkenntnis, warum Ereignisse und Begegnungen in unserem Schicksal gerade so eintreten und wozu, leben wir nicht in der Wirklichkeit, täuschen uns über uns selbst und fällen unzutreffende Urteile über unsere Mitmenschen. Denn wer kann schon einen Mitmenschen und dessen Handlungen einigermaßen treffend beurteilen, wenn er nicht etwas von dessen karmischen Zusammenhängen weiß? Wer kann zu einer wahren Selbsterkenntnis kommen, ohne seine eigene karmische Herkunft zu kennen?»1
Schritt I
Du wählst eine Schicksalssituation aus und beschreibst sie. Du beschreibst genau, in welcher Reihenfolge etwas geschieht. Ist es ein Ort in der Natur oder in einem Raum? Dazu Tageszeit, Jahreszeit, Stimmung, Wetter, anwesende Personen, ihre Kleidung, ihre Haltung, das Thema des Gesprächs, die Art des Gesprächs, die Art der Wortführung, die Stimmlautstärke, der Tonfall. Dann auch Boden, Fenster, Türen, Einrichtung – in der Natur: Landschaftsverhältnisse und Lichtverhältnisse.
Wichtig ist, die äußere Stimmung im Verhältnis und Unterschied zum eigenen Gefühl in sich zu erfragen und zu benennen.
Der gefassten Situation wird eine Überschrift, ein ‹Titel› gegeben, wie: Der Überraschte, Die Bedrängte, Der nicht Gesehene, Die Hilflose, Der Angriff, Der ewig Abgewiesene, Die Untergebene, Seine Eminenz, Die liebevoll Abwartende, Der Bahnbrecher usw.
Schritt II
Der gefundene Titel der Situation, man könnte auch sagen, die Gesamtgeste, wird nun mittels der Fantasie in ein Bild in der Vergangenheit gebracht. Hierzu ist es hilfreich, sich entspannt Zeit zu lassen und mit gelassener Herzensfreude oder im stillen Halten des Schmerzes, der zur Situation gehört, zu erwarten, welche Bilder sich einstellen. Mit welcher Geste zeigt sich die Person? In welcher Landschaft befindet sie sich? Die gefundene Geste wird personifiziert und du fragst dich: Ist sie männlich oder weiblich? Wie ist das Alter, die Kleidung, deren Material und Farbe, die Haarfarbe, Hautfarbe, Haltung und Gebärde? Wie sieht die Umgebung aus? In welcher Situation oder Tätigkeit befindet sich die Person?
Die aus der Situation sich ergebenden Fragen führen weiter. Wie ein Drehbuchautor eine Geschichte, einen Film entwickelt, so entwickelt sich der Verlauf der karmischen Situation. Dabei bist du in der Rolle des Beobachtenden. Gut ist, wenn bei den ersten Versuchen eine Freundin oder ein geübter Begleiter mit Fragen hilft, die Bilder entstehen zu lassen und in ein Ganzes zu führen. Findet die Arbeit in einer Gruppe statt, kann jede und jeder in der Gruppe ein oder mehrere Bilder anbieten. Der Erzähler wählt aus, welches stimmig für ihn erscheint.
Schritt III
Nun beschreibst du den Verlauf des Lebens der Person, die aus der personifizierten Geste entwickelt wurde. Die begleitende Person oder man selbst fragt genaue Details ab: Wodurch bist du/bin ich in diese Situation gekommen? Wie lange bist du/bin ich an einem Ort oder unterwegs und mit welchem Ziel? Auch können Zeitsprünge in die Kindheit und ins Alter unternommen werden mit der Frage: Wer waren meine/deine Eltern? Gab es Geschwister? Wie waren die Lebensverhältnisse? Auch fragst du nach dem Ziel bei Wanderungen oder Reisen und du fragst, wo du hergekommen bist.
Jeder Schritt braucht Zeit. Oft ist es erstaunlich, wie präzise die Antworten kommen.
Zum Abschluss der Arbeit wird die Situation des Sterbens mit entsprechenden Fragen angesprochen. Wie alt bist du geworden? Es kann eine Krankheit, plötzlicher Tod durch Unfall oder Alterstod sein. Es ist wichtig und gut, diese Situation zu durchleben. Zu Beginn verbindest du dich mit der karmischen Person und legst dich mit ihr auf das Sterbelager oder du gehst an den Abgrund, in den die karmische Person gestürzt ist. Keine Sorge, dir passiert nichts, im Gegenteil, du erlebst, wie der Körper die Seele entlässt. Lass dir Zeit, entspanne ein wenig und atme mit der karmischen Person die Seele aus. Die Seele wird leicht und Licht und du erfährst tiefen Frieden. Aus diesem Frieden und in der Leichtigkeit des Lichtes schaust du im Überblick auf das Leben, welches du im Bild erfahren hast. Du kannst die einzelnen Stationen rückwärts durchlaufen.
Schritt IV
Aus den Erfahrungen fragst du: Was war wichtig, welche Erfahrungen nehme ich mit? Was war der Lernauftrag in dieser Inkarnation? Auf welchen kulturellen Lebensstil deuten die Eigenschaften des ‹karmischen Wesens› hin? Wie unterschiedlich ist dieser bei Naturvölkern, Asiaten, Amerikanern oder Europäern? Es macht einen Unterschied, ob der Mensch im vergangenen Leben von Beruf Soldat, Bauer, Nonne, Hausfrau, Priesterin, Missionar, Geistlicher, Troubadour, Ratgeberin, Handwerker, Gelehrte, Kranker oder etwas anderes war. Projektionen der heutigen Moral auf unser Verhalten in den vorigen Leben spielen dabei keine Rolle und sind zu vermeiden.
Der Lernauftrag wird mit den Verhaltensweisen der Gegenwart abgeglichen. Wie verhalte ich mich? Ist mein Verhalten durch die gemachten Erfahrungen in der vergangenen Inkarnation geprägt? Welche Verhaltensweisen sind angebracht und wie kann ich freier und stimmiger in einer heutigen Situation reagieren?
Meist stellt sich eine Entspannung ein und die Möglichkeit, mit etwas mehr Abstand zu beobachten. Beweglich und freier wird die Haltung zu Begebenheiten, die zuvor ängstlich oder unsicher gemacht haben. Man lernt, das eigene Schicksal zu bejahen und zu gestalten.
Schritt V
Nach und nach bemerken wir, dass sich über die verschiedenen Inkarnationen ein fortlaufender Lernprozess vollzieht. Dass wir verbindlich von etwas Höherem geführt werden. Dieses ‹Höhere› ist verbunden mit der Schicksalsführung. Wer führt uns von einem Leben zu einem anderen? Es kann als ‹Höheres Ich›-Wesen bezeichnet werden, das in der Schöpferwelt seinen Ursprung hat, das alle Unzulänglichkeiten und Errungenschaften, unsere Vergangenheit und Zukunft in sich trägt. Es reicht weit über unser normales Bewusstsein hinaus, das wir von uns selbst haben. Dieses umfassendere Wesen verleiht uns die Kraft und die Fantasie, mit dem gefundenen Schattenwesen bewusst umzugehen, es zu bejahen und umzuwandeln. Es unterstützt uns, den weiteren Weg zu gehen, auf dem wir lernen und aus unseren Schwächen neue Fähigkeiten bilden.
So genau man die ersten drei Schritte befolgen muss, so frei entdeckend, versuchend und betrachtend können wir nun weiterlernen. Nach dem Kennenlernen des karmischen Wesens entsteht eine gewisse Freundschaft mit ihm, frühere Ängste und Einbildungen, Verkrampfungen und Euphorien, die es verursachte, verschwinden langsam, und es wird ein Teil unseres Wesens, maßgeblich unseres Ich-Willens, das uns fortwährend begleitet. Damit kann die Verwandlung anfangen, wobei der ‹karmische Freund› auch Berater werden kann, denn dieses karmische Wesen zeigt, wie es erlöst werden kann.
Schritt VI
Es entsteht die wachsende Fähigkeit, das Schicksalsnetz zu realisieren und gewahr zu werden, wie sinnhaft das Leben aufgebaut ist.
Schritt VII
Ziel und Ergebnis der sieben Schritte des karmischen Lernprozesses ist die Möglichkeit, in Schicksalssituationen, die uns das Leben bietet, freier zu reagieren und zu handeln und das karmische Netzwerk einer Schicksalssituation besser zu durchschauen. Dadurch wird sie anders erlebt. So entsteht ein offener Raum für alternative Vorgehensweisen.
In einer Gemeinschaft, sei es eine Familie, eine Partnerschaft, ein Team oder Kollegium, die diese Karmaarbeit anwendet, entsteht ein einander freilassendes Miteinander, in welchem jedes Schicksal Anerkennung findet. Wie aus einer schöpferischen Quelle bildet sich ein gewissenhafter Umgang für heilsames Handeln im Sinne einer freien christlichen Tat.
Die Frage bleibt: Wie kann der Einstieg in die Karmaarbeit aussehen?
Sie können als einzelne Person beginnen, indem sie eine Karma-Übungsanleiterin aufsuchen oder ein Seminar zur Karma-Erkenntnis besuchen.
Mehr Akademie Vaihingen
Bilder Cornelia Friedrich, ‹Mandala-Zeichnungen›, 2012

