Im Dämmern begriffen

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Miriam Wahl ‹Place to be 1–7›, Gouache/Acryl auf Papier, 30 × 24 cm, 2024

Unvermutet stand die Dämmerung im Raum. «Was erwartest du?», fragte ich. «Zuwendung, Aufmerksamkeit. Schau einfach.» Ich tat’s.

Drei Monate sah ich die Nacht, empfand ihre Undurchdringlichkeit, spürte Sog und Abweisung – schaute die Düsternis an. Sah nichts als vage Schemen, Ineinander-Verschwimmendes. Weder Kontur noch Farbe. Ununterscheidbarkeit überwog. Und ich erinnerte: «Finsternis über Urwirbels Antlitz»1. So ich dort nichts anschaulich fand, staunte ich hier über die Fülle der Empfindungen: Wie fasse ich die Dunkelheit? Wie ist sie verfasst? Verbarg die Nacht oder gebar sie etwas? Bald wusste ich nicht mehr: War Ohnlicht-Erfahrung inwärts oder auswärts? Unmerklich langsam löste sich etwas aus dem Dunkelraum. Diffus traten Umrisse und Formen hervor. Gibt die Nacht auf, gibt sie sich hin? Verschwindet sie und wohin? Geht sie in Festes ein und kommt als dessen Schatten wieder hervor?

Es graut. Fahl-farbloses Zwielicht liegt bleiern über der Dingwelt. Im Übergang ohne Grenze, ohne Status, zwischen Nicht-mehr und Noch-nicht, verlangt die Dämmerung, geduldig auszuharren. Sie ist Interregnum, Zuflucht für Unvereinbares, Schwellenraum der Mehrdeutigkeiten.

Dann ganz allmählich nehmen Welt und Himmel Glanz an, beginnen zu schimmern. Zart erscheint zwischen den Sphären erste Farbigkeit. Während schwarze Schatten und eisige Kälte der Erde zufallen, beginnt das Firmament zu blauen. Magisch umhüllt die blaue Stunde einzig diesen Planeten und bloß für kostbar kurze Zeit. Sie hebt den Tag und verdankt sich dem Lichten.

Dämmerung – offensichtliches Geheimnis, vollziehst dich vor den Augen und entziehst dich dem Gesehen-Werden. War oder hab’ ich im Dämmern begriffen.

Fußnoten

  1. Genesis 1, Vers 2 in der Übersetzung von Rosenzweig und Buber.

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