Geisterfahrung durch Kunst

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Bei der Schöpfung von Kunst wie auch bei ihrer Wahrnehmung spielt der Geist eine wichtige Rolle. Aber vor allem beim Kunstgenuss wird das Geistige oft übersehen. Wie kann ich mich empfänglich machen für das Geistige in der Kunst?


In der Kunst steht die Sinneswahrnehmung am Anfang. Zugleich provoziert Kunst Denkerleben, und dieses kann schon ein Weg zum Geist sein. Die Verbindung von Wahrnehmung und Begriff ist in Rudolf Steiners Erkenntnisanschauung entscheidend. Wenn man Wahrnehmung und Denken separat erleben kann, wird man ihrer Verbindung gewahr werden können.

Durch die Malerei von zum Beispiel Paul Cézanne kann man die Trennung von Wahrnehmung und Denken und ihre Wiederverbindung konkret erleben. Cézanne: «Die beiden gleichlaufenden Texte, die gesehene Natur, die empfundene Natur, die dort draußen (er deutet auf die grüne und blaue Ebene) und die hier drinnen – (er schlägt sich an die Stirn) – beide müssen sich durchdringen, um zu dauern, zu leben, ein halb menschliches, halb göttliches Leben, das Leben der Kunst, hören Sie – das Leben Gottes. Die Landschaft spiegelt sich, vermenschlicht sich, denkt sich in mir. Ich objektiviere sie, übertrage sie, mache sie fest auf meiner Leinwand […] Beim Maler gibt es zwei Dinge: das Auge und das Gehirn. Beide müssen sich gegenseitig unterstützen.»1 Ähnliches gilt allgemein für neuere Kunst.

Eine Gitarre!

Einmal hatte ich beim Anschauen eines Werkes von Picasso ein Schlüsselerlebnis. Ich blickte auf ein einfaches Relief aus Karton und Bindfaden, genial gestaltet. Aus geeigneter Perspektive sah man eine Gitarre, aber nach einer Blickwendung nur noch das Material. Dieses sehend, erlebte ich, wie nach einer leichten Kopfwendung plötzlich pfeilschnell ein Begriff einschoss und ich wieder eine Gitarre ‹sah›. Ich erfuhr den Ursprung unserer Gedanken! Von hinten schießen sie in uns hinein. Normalerweise erlebt man die Begriffe erst, nachdem sie sich mit den Sinneseindrücken zur festen Vorstellung vereint haben. Sie aus dieser Verbindung zu lockern, dabei ist zeitgenössische Kunst hilfreich.

Jedes Gemälde, Musikstück oder Gedicht braucht einen eigenen Zugang. Aber das gemeinsame Tor ist zuerst immer die sorgfältige, reine Wahrnehmung. ‹Du siehst nicht, was du siehst.› Das klingt paradox, ist aber oft der Fall. Um sich das Eigentliche zu erschließen, ist ein zweiter Blick erforderlich. Gemeinhin nimmt man nicht wahr, was wirklich vorhanden ist, sondern nur, was man sich vorstellt. Sowohl zum reinen Denken als auch zum reinen Wahrnehmen muss man das Vorstellen weglassen können. Denn das vorstellende Sehen erzeugt den Schein, wovon Franz Marc schrieb: «Der Schein ist ewig flach, aber zieht ihn fort, ganz fort, ganz aus Eurem Geiste weg – denkt ihn fort samt Eurem Weltbilde – die Welt bleibt in ihrer wahren Form zurück und wir Künstler ahnen diese Form.»2 Dieses Wegziehen erfolgt nicht von selbst. Reines Denken und reines Wahrnehmen sind das Ergebnis von Schulung. Ziel ist, was Rudolf Steiner einst als das «begriffsfreie Einsaugen» der Eindrücke der Außenwelt beschrieben hat.3 Das Erleben der eigenen Denktätigkeit befähigt, das Denken aus der Wahrnehmung herauszuziehen. Das ist eher der Weg der Wissenschaft, einen anderen eröffnet die Kunst. Dieser Weg führt auch zum Geist. Im Vortrag beschrieb Rudolf Steiner, «wie durch die Sinneswelt das Geistige in uns eindringt und uns selber organisiert», und sagte: «Indem wir Sinneseindrücke haben, ist zwar nur dasjenige bewusst, was zunächst, ich möchte sagen, der äußere Ton, die äußere Farbe ist», aber in Wirklichkeit lebt bereits darin Geist.4

Zwei Jahre nach dem Tod von Joseph Beuys war im Berliner Gropius-Bau eine Retrospektive seines Werkes. Da hatte ich ein weiteres Schlüsselerlebnis. Viele Menschen drängten sich um eine Plastik herum. Sie hieß ‹Hasengrab›. Es sah auf den ersten Blick aus, als hätte Beuys sein Atelier ausgekehrt und alles auf einen Tisch montiert, leere Tuben und so weiter. Aber plötzlich spürte ich eine Resonanz mit etwas in meinem Innenraum. Es ist der Sammelort nicht weiter verwandelter Nachbilder, das, was Rudolf Steiner als «Erinnerungsspiegel» oder Jacques Lusseyran als «Gerümpelkammer» charakterisiert hat.5 Ich dachte: Aha, da liegt also der Hase begraben. Es ist ein Hinweis auf die Region der ‹Nachbilder›. Viele Werke von Beuys wirken vor allem durch die Gegen- und Nachbilder, die sie im Betrachter erzeugen. Außerdem kann Kunst generell wie hier vor einen bringen, was in einem liegt. Wenn einen innerlich etwas beherrscht, kann man sich ihm, indem es objektiv wird, frei gegenüberstellen.

Paul Cézanne, ‹Paysage des environs d’Aix›, ca. 1892–95, Carnegie Museum of Art. Quelle: Wikimedia

Wenn Nachbilder bleiben

Was sind Nachbilder? Tief genug empfundene Sinneseindrücke können einem bleiben und zu Nachbildern werden. In einem seiner Notizbücher schrieb Rudolf Steiner: «Nachbilder: Es müssen die Willenskräfte aufgebracht werden, um die Nachbilder zu halten, das heißt, der dauernde Teil des Menschen muss diese Bilder aufnehmen; sie gehen dabei durchs Gemüt durch; da werden sie aufgenommen für das Erdenleben – gehen sie voll in den Willen über, werden sie in das ewige Wesen aufgenommen.»6

Hier können nicht nur Komplementärbilder gemeint sein. Solche Bilder sind kurzlebig und gehören nur zum Anfang der Nachbildverwandlung. Sie sind zwar schon Eigentum des Menschen, aber noch an das jeweilige Sinnesorgan gebunden. Nachbilder lösen sich davon. Sie leben in der tieferen Seele fort und können da innerlich arbeiten. Peter Handke schrieb einmal: «Je länger aber das Ereignis sich entfernt, desto stärker wird es zu einem Bild, das man ein Wunschbild nennen könnte. In der Erinnerun­g scheint es einem eingebrannt in das eigene Leben, ein Bild, das in einem Nostalgie bewirkt, und auch den Willen, an solchen Bildern selber zu arbeiten: denn erst als Nachbild fängt es auch in einem sel­ber zu arbeiten an.»7 Wie Handke erzählt auch dessen Freund Wim Wenders von den Nachbildern. Einst schrieb Wenders, da es wie ein Nachbild wirkte, über ein Gemälde des russischen Malers Alexander Deineka: «Das war es also, was mich plötzlich auf Zehenspitzen stehen ließ, im Depot der Eremitage in Leningrad, um dieses kleine Bild in der Fensterecke besser erkennen zu können: Ich hatte ein GEFÜHL wiedererkannt und damit LICHT und LUFT des Mittleren Westens […] Kein detailreicheres Bild könnte je genauer sein als diese Nachbilder».8

Als Rudolf Steiner in das Erleben der Nachbilder einführte, sagte er: «Aber in diesem Prozess steckt etwas sehr, sehr Bedeutsames. Da drinnen ist nunmehr das Seelische, das vor drei Jahrtausenden mit der Luft ein- und ausgeatmet worden ist. Und wir müssen lernen, in einer ähnlichen Weise den Sinnesprozess in seiner Durchseelung einzusehen, wie man vor drei Jahrtausenden den Atmungsprozess eingesehen hat.»9

Auch mit höheren Stufen des Geistes hat man es in der Kunst zu tun. Entstand je ein größeres Musikstück ohne religiöse Inspiration? Das gilt von Monteverdi und Bach bis zu Gubaidulina und Pärt. Auch das Hören wird zur höheren Erfahrung. Neuere Kunst befähigt darüber hinaus zum Aufstieg in höhere Erkenntnisstufen. Hilfreich zur Änderung der gewohnten Sehweise ist es schon, wenn Gemälde so gehängt sind, dass man sich von ihnen wie umgeben fühlt. Nimm zum Beispiel Monets Seerosenbilder. Auf Abstand sieht man Blumen, aus der Nähe nur Farben. Bewegt man sich hin und her, kann man quasi die Entstehung der Wasserpflanzen auf der Malerei verfolgen. Bewegt man sich auch innerlich, gerät man hinein in die Welt, von der der Basler Kunsthistoriker Gottfried Boehm angesichts der Seerosen von Monet zutreffend als «Welt der Imagination, des inneren Stromes von Bildern» sprach.10

Fußnoten

  1. Paul Cézanne, Über die Kunst. Gespräche mit Gasquet. Hamburg 1957.
  2. Franz Marc, Die Dinge reden. Aphorismen und Grüße. Wien-München 1987, S. 24.
  3. Rudolf Steiner, Grenzen der Naturerkenntnis. 8. Vortrag, GA 322.
  4. Ebd.
  5. Vgl. Rudolf Steiner, Anthroposophie als Kosmosophie. 1. Vortrag GA 207, sowie Jacques Lusseyran, Gegen die Verschmutzung des Ich. Stuttgart 1983, S. 9 f.
  6. Rudolf Steiner, aus einem Notizbuch vom Jahre 1922. Anthroposophie, 10. Jahrgang, Nr. 34, 19. August 1928.
  7. Peter Handke, Die Experimenta 3 der Deut­schen Akademie der darstellenden Künste, in: Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms, Frankfurt 1972, S. 102 f. (über die Bühnen-Ak­tion Titus/Iphigenie, die Joseph Beuys im Mai 1969 auf der ‹Experimenta 3› in Frankfurt durchführte). Vgl. Rhea Thönges-Stringaris, Je länger aber das Ereignis sich entfernt […] zu Joseph Beuys und Peter Handke, Wangen 2002.
  8. Wim Wenders, Highway durch Moskau, Zeitmagazin Nr. 18, 28. April 1989.
  9. Rudolf Steiner, Die Sendung Michaels. GA 194, Dornach 1994, S. 109/10.
  10. Gottfried Boehm, Strom ohne Ufer. Anmerkungen zu Claude Monets Seerosen, in: Claude Monet: Nympheas. Impression, Vision, Kunstmuseum Basel 1986, S. 125.

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