Eine Lichtgestalt in Davos

Davos, 21. Januar 2026 – eine andere Geschichte des World Economic Forum.


Schwarze Limousinen schieben sich durch die Hauptstraße von Davos. Schwere Fahrzeuge, Sicherheitskräfte, Absperrungen. Das vertraute Bild des Weltwirtschaftsforums (WEF): konzentriert, abgeschirmt, zielgerichtet. Menschen in dunklen Mänteln eilen von Termin zu Termin, die Zukunft der Welt in dichten Programmen verhandelt.

Und dann, am Bubenbrunnenplatz, hält etwas inne. Mitten im Strom des WEF steht plötzlich eine leuchtende Figur. Größer als die Menschen, die sie umgeben. Still. Ohne Worte. Sie stellt keine Forderungen, sie erhebt keine Stimme. Sie leuchtet. Und genau das genügt. Menschen bleiben stehen. Erst kurz, dann länger. Gespräche verstummen, Blicke heben sich, etwas verändert sich in der Atmosphäre.

Am Mittwochabend, 21. Januar, war hier das World Child Forum. Nicht im Kongresszentrum, nicht hinter Sicherheitszonen, sondern dort, wo Öffentlichkeit noch möglich ist. Zwei Leuchtpuppen traten auf – eine kleine, eine große. Die kleine erschien zuerst, allein, suchend. Dann erwachte die große, und mit ihr ein Moment, der sich kaum erklären lässt. Erwachsene wurden still. Manche schauten nach oben, andere lächelten unwillkürlich. Für einen Augenblick schien etwas aufzubrechen, das im Alltag des WEF selten Raum bekommt: Staunen.

Auf weißen Karten standen Fragen. Keine Parolen, keine Forderungen. Fragen von Kindern, von Jugendlichen, von Menschen, die wegen des Weltwirtschaftsforums in Davos waren. Fragen, die offen bleiben dürfen. Fragen, die nicht sofort beantwortet werden müssen. Vielleicht gerade deshalb wirkten sie so stark.

Das World Child Forum versteht sich nicht als Gegenveranstaltung zum WEF, sondern als Ergänzung. Als ein leiser Parallelraum. Ein Tandem. Am selben Ort, an dem über die Zukunft gesprochen wird, macht es sichtbar, wer diese Zukunft am längsten tragen wird. Nicht mit Thesen, sondern mit Präsenz. Nicht mit Lautstärke, sondern mit Poesie.

Unter dem WEF-Jahresthema 2026 ‹A Spirit of Dialogue› nimmt das World Child Forum den Dialog beim Wort. Zukunftszugewandtes Denken beginnt dort, wo Menschen bereit sind, zuzuhören, Fragen zuzulassen und Unsicherheit auszuhalten. Wo Prozesse wichtiger werden als schnelle Antworten. Wo sich Generationen begegnen – auf Augenhöhe.

Begleitet von Alphörnern entstand am Bubenbrunnenplatz ein Bild, das bleibt: schwarze Limousinen, Sicherheitskräfte, dunkle Mäntel – und dazwischen Kinder, Jugendliche, Erwachsene, die stehen bleiben, sich anschauen, ins Gespräch kommen. Eine Lichtgestalt mitten im Getriebe eines hochgetakteten Weltgeschehens. Für einen Moment schien Zeit keine Rolle zu spielen.

Und vielleicht ist es kein Zufall, dass ausgerechnet Davos ein solcher Ort wird. Thomas Mann beschrieb diesen Ort einst als einen ‹Zauberberg› – einen Raum außerhalb der gewohnten Zeit, in dem Menschen gezwungen sind, anders zu denken, anders zu fühlen, anders wahrzunehmen. Auch an diesem Mittwochabend lag etwas von dieser Verzauberung in der Luft. Kein Rückzug aus der Welt, sondern ein kurzes Innehalten mitten in ihr. Ein Schwebezustand zwischen dem, was ist, und dem, was werden könnte. Vielleicht bedeutet das nichts. Vielleicht ist es der Anfang von etwas.

Sicher ist: Verzauberung ist möglich. Immer noch. Auch beim Weltwirtschaftsforum. Auch heute, auf diesem modernen Zauberberg, an dem sich die großen Fragen unserer Zeit verdichten.

Die Fragen vom Bubenbrunnenplatz werden weitergetragen. Im Juli 2026 findet das nächste World Child Forum in Davos statt, im Januar 2027 kehrt es zurück – mit dem, was entsteht, wenn man sich Zeit nimmt, anders zu fragen. Ein Kreislauf aus Sammeln, Forschen und Zurückkehren. Der Davos-Loop.

Was bleibt, ist ein Bild: eine leuchtende Figur inmitten schwarzer Limousinen. Menschen, die stehen bleiben und nach oben schauen. Und die leise Ahnung, dass Zukunft auch dort beginnt, wo niemand genau weiß, wohin sie führt – wo aber viele bereit sind, gemeinsam loszugehen.


Kontakt bernhard.hanel@worldchildforum.org

Foto Franz Walter, World Child Forum

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