Die Höhle von Niaux

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In einer Höhle in den Pyrenäen kann man noch Malereien aus der Zeit vor 16 000 Jahren bestaunen und einer Finsternis begegnen, die die Bilder der Welt birgt.


Hinter den Schichten unserer Worte und Bilder gibt es ein Leben, das im Verborgenen liegt. Manchmal fühle ich sein Wühlen flau. Es erscheint auch in Augenpaaren, die noch von nichts sprechen können. Oder es drückt sich in unsere Ahnungen hinein, unscheinbar und leise, wie eine dunkle Kraft, samtig, zeitlos. Dieses Leben ist unvorhersehbar und unsichtbar. Man muss sich ihm anvertrauen können. Erinnerst du dich an das tiefe Schwarz der Winterquitte auf deinem Küchentisch, die sich der Erde entgegensehnte, in den dunklen Stoff zurück? Es ist ein Schwarz, das sich dem Werden übergibt, ganz anders als das des Skarabäus. Es erzeugt keinen Glanz, aber eine Sehnsucht nach Verbundensein. Als wir begannen, über Magie zu sprechen, verloren wir sie für Jahrtausende.

Ein riesiger Felsüberhang, mindestens 30 Meter hoch. Eine Menschengruppe davor. Jeder trägt einen Lampenkasten, dessen rotes Metall abgegriffen ist. Das Klicken des Schalters klingt nach Kindheit. Langsam gehen wir zur Schleuse, wie Kinder, die etwas Unerwartbares erwarten. Staunen ist die schöne Tochter der Dunkelheit. Dann saugt die Erde uns ein. Im schmalen Geburtskanal, dessen Zugang von einer Eisentür fest verschlossen bleiben muss, verliert sich allmählich der Geruch der Welt. Wir sind das einzige Leben, das die Schranke ins Innere passieren darf. Früher waren es Fackelträger in Fellschuhen, mit Lederriemen und Steinmessern, die durch Felsbrüche gekrochen kamen. Viele oder wenige? Selten oder oft? Man weiß es nicht.

Wir betreten den Schädel der Erde, den Mutterleib, wie manche es empfinden, und unser Schweigen beginnt. Schweigen ist auch ein großes Dunkel. Innere Landschaften schlafen hier ungesehen schon seit so langer Zeit, dass der Verstand an die Ewigkeit stößt. Berge sind nicht aufgefüllte Sandhaufen, Steinhalden oder Sedimentbänder, dicht an dicht. Sie haben Herzkammern, in denen der erste Schlag eines Lebens begann. Es ist intim, sie zu durchschreiten: Ursprünglichste Intimität, ganz wenig nur berührt. Und nun unsere Augen auf der Innenseite der Haut, scheu und etwas beschämt ob dieser Nacktheit. Wir laufen in einem abgesteckten Bereich von etwa zwei Metern Breite. Rechts und links davon ist es weit. Es gibt kein Leben hier, sagt die Führerin, nicht einmal Wasser. Die Organik der Formen verweist auf das Gegenteil. Pfade, Hügel, Täler, Mulden, ferne Höhenzüge, geschaffen von den Antlitzen der Zeit. Ich erkenne ein Gebildetsein, dessen Selbst sich im Finstern verbirgt. Trotz der konstanten zehn Grad ist diese Dunkelheit warm. Sie hat keine Farbe, sondern ist wie eine Substanz, die uns aufnimmt. Sie drängt, mich für einen Moment zurückfallen zu lassen, um ein wenig mehr noch an den Saum des Unsichtbaren herantreten zu können. Aber die Führerin mahnt, zusammenzubleiben. Menschenknochen wurden hier nie gefunden. Im gedämpften Schein der Lampen taucht ein Felsblock auf. Fünf mal fünf Meter groß, irgendwann von der Decke gebrochen. Er wirkt wie ein gestrandetes Schiff in einer kosmischen Einöde. Wie weit sind wir schon gelaufen? Seit wann sind wir hier? Diese Skalen gehören der Außenwelt an. 600 Meter, wird informiert. Unser ‹Aha› ist bloß eine Tatsache, die kein Relationsempfinden ausdrückt. Irgendwann passieren wir einen ‹Checkpoint›, dem mit ockerroten und schwarzen Symbolen ein Sinn eingeschrieben wurde. Aber den verstehen wir nicht. Er markiert eine Art Eintritt. Wir müssen nun rechts eine Sanddüne hinauf. Ihre Textur ist wie gegossen. Sie wird auf dem Weg zurück jemanden zu Fall bringen. Dann erreichen wir den Salon Noir.

Fast einen Kilometer vom Eingang entfernt schalten wir alle Lampen für einige Sekunden aus. Niemand spricht, wie von selbst. Stille, physisch fühlbare Stille. Wir sind von der Finsternis berührt, aber nicht verschlungen. Diese Dunkelheit hat keinen Abgrund. Sie ist bedingungslos wie eine Mutter. Sie weiß, sie ist nicht Nichts, und ist deshalb für uns da. Und ich weiß es auch. Sie ist wie die Innenseite des Lichts, der Innenraum sogar, in dem alles lebt, was noch nicht in ein Bild, einen Klang, einen Gedanken, ein lichtes Leben gebracht wurde. Die Fackelträger waren hier, um ihr ein erstes solches zu entlocken. Nach fünf Sekunden richtet unsere Führerin eine Speziallampe auf die Felswand. Licht an! Und da erscheinen sie, leise, sanft und zart. Kommen aus dem dunklen Kosmos, hervorgebracht in einem Augenblick vor 16 000 Jahren. Ihre Schönheit ist atemberaubend. Die Schablonen meines Sehens weichen auf. Eine Unschuld wird freigelegt, wie ein erstes Sehen selbst. Die Präzision ihrer Linien ist so weich wie ein echtes Gefühl und genauso sicher. Bisons, Pferde, Steinböcke in schwarzer Kohle auf braungrauem Fels. Manchmal eine Spur Weiß in ihnen, auch das Ockerrot wieder. Nebeneinander, ineinander. Als Bildwerke sind sie reine Erscheinung, frei von Anspruch, naiv in ihrer Absichtslosigkeit, aber doch von einer Sehnsucht durchtränkt. Sie sind Herbeigerufene, gerufen von einem Verlangen.

Wir gehen in die Mitte dieses Gewölbes, dessen Höhe ich nicht schätzen kann. Noch einmal wird das Licht ausgemacht. Dann gibt es einen Ton, ein klares A. Acht Sekunden hallt es zwischen uns wider. Ein paar zaghafte Stimmen wagen sich dazu. Ein Tönen wie Sandkristall, warm und klar. Wegen dieses Echos sind die Höhlenmalereien hier, im schwarzen Gewölbe, und nicht entlang der 1000 Meter zuvor. Das Licht der Fackelträger vermochte diese Höhe nicht zu erhellen, unseres schon. Es sind mindestens 50 Meter. Wie klang es wohl in ihren Ohren? Was empfanden sie? Haben sie gesungen, während sie malten? Haben sie getanzt, um dieses neue Leben zu gebären? Fast überall auf der Welt gehen Rituale mit Musik Hand in Hand. Vielleicht waren es auch Cromagnon-Jugendliche, die erste Graffiti-Aktionen feierten. Sie haben die Tiere ihrer Welt gemalt, aber nicht sich selbst. In manchen Höhlen, wie in Chauvet, kann man auch Handabdrücke sehen. Als alle Lampen wieder glimmen, nehme ich unsere Schatten an den Wänden wahr. 15 Umrisse überlagern oder entfernen sich im Rund des Salon Noir. In diesem Dämmer entsprach die Selbstwahrnehmung also einem Schattenriss am Fels. Die erste Leinwand des Menschen war eine schwarze Fläche, bewegt und durchzuckt vom flackernden Licht der Fackeln. Naheliegend, dass sie tanzten, zumindest an den Wänden. Die Atmosphäre dessen, was sich hier ereignet haben mag, wird ganz kurz lebendig. Feuerschein, Trommeln, einige Menschen, die eine Begegnung beschwören und hervorrufen, aus dem Dunkel ihres Seins in die Dunkelheit dieses Schädels hinein. Ich sehe keine ekstatischen Bilder, spüre aber eine tastende, zaghaft fragende, auch neugierige Lust aufsteigen nach einer Berührung, absichtslos und unschuldig. Diese Sehnsucht reicht vom Kopf über die Seele bis in den Körper hinein. Etwas im Fleisch möchte vom Licht des Bewusstseins ertastet werden, um ein Bild zu zeugen meines menschlichen Seins. Ich bin dieser Zeugungsort. In mir berühren und vereinen sich zwei Sphären. Damals und heute auch.

25 Minuten später müssen wir wieder los. Die Bilder brauchen eine Pause von unserem Ein- und Ausatmen. Das wurde gemessen und streng geregelt. Zu wenig Zeit, um die Jahrtausende zu überbrücken. Zu schnell versinkt die leibhaftige Schönheit dieser Bilder wieder im Dunkel. Wir machen uns auf den Weg zurück ins Licht. Immer noch spricht niemand. Immer wieder drehen wir uns, schauen in die Schwärze, die unendlich wirkt. Die bergende Substanz gibt uns wieder frei. Fast stößt sie uns aus, aber langsam. Etwa 200 Meter vor der Eisentür bemerken wir erst, dass wir in den letzten eineinhalb Stunden nichts gerochen haben. Und das Schweigen hält noch lange an.


Bild Eingang zur Höhle von Niaux, CC BY-SA 4.0

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