Beharrlich für die Kleinsten

Der Aufbau der ersten Waldorfschule brauchte alle Kräfte. Und im gesellschaftlichen Verständnis war ein Ort für die kleinen Kinder nicht wichtig. Deshalb entstand der erste Waldorfkindergarten erst 1926. Elisabeth von Grunelius ist er zu verdanken. Sie finanzierte ihn sogar allein.


Im September 1919 begann in Stuttgart die erste Waldorfschule mit 253 Schülerinnen und Schülern in acht Klassen. Emil Molt, der Initiator und Finanzier der Schule, stellte acht Klassen- und vier Fachlehrerpersönlichkeiten ein. Ab 1920 wurde allmählich die Oberstufe aufgebaut und 1924 legten das erste Mal 17 Schüler und Schülerinnen ihr Abitur an der Schule ab. Aufgrund der großen Schülerzahlen mussten Klassen halbiert oder gedrittelt werden. Bereits im zweiten Schuljahr wuchs die Schülerzahl auf 420 Schülerinnen und Schüler an, 1925 waren es bereits 784 – eine Verdreifachung innerhalb weniger Jahre. Die Einführung neuer Fächer (wie Werken, Gartenbau oder Sport) erforderte die Anstellung vieler neuer Lehrkräfte. Die sonderpädagogische Hilfsklasse von Karl Schubert entstand und der Schularzt Eugen Kolisko nahm seine Arbeit auf. Der Aufbau der neuen Schule hatte eine atemberaubende Dynamik. Wieso hat es bis 1926 gebraucht, um den Kindergarten ins Leben zu rufen? Wieso war der Kindergarten nicht das Erste, was in Stuttgart begründet wurde, woraus eine Schule organisch herauswachsen konnte?

Elisabeth von Grunelius. Quelle: Ida-Seele-Archiv

Lernprozesse ohne Selbstbewusstsein

Rudolf Steiner hat lange vor der Gründung der Schule in seinen Ausführungen der frühen Kindheit eine außerordentliche Bedeutung beigemessen. Für ihn waren die ersten Lebensjahre prägend für die gesamte Biografie eines Menschen. Er verstand das kleine Kind als aktiv lernendes Wesen, das aus inneren, nicht biologisch vererbten Kräften heraus grundlegende Fähigkeiten wie Gehen, Sprechen und Denken entwickelt. Die höchsten geistigen Kräfte und Wesenheiten offenbaren sich in diesen Grundfähigkeiten, die den Menschen als Menschen ausmachen, die erlernt werden müssen und in ihrem Entwicklungstempo in keinem Vergleich zu späteren Lernleistungen stehen. In den ersten Lebensjahren vollziehen sich die Lernprozesse ohne ein Selbstbewusstsein des Kindes. Es leuchtet als Hinweis auf eine geistige Ich-Wesenheit, die einem vorgeburtlichen Dasein entstammt, erstmals im dritten Lebensjahr auf. An einer zentralen Stelle in einem seiner Grundlagenwerke, wo es um ‹Das Wesen des Menschen› geht, zitiert Steiner den Dichter Jean Paul, der über die Entdeckung des Ich-Bewusstseins in seiner frühen Kindheit berichtet. Für Steiner handelt es sich dabei um eine grundlegende anthropologische Tatsache, «denn dieses ‹Ich› ist der Mensch selbst. […] Leib und Seele geben sich dem ‹Ich› hin, um ihm zu dienen; das ‹Ich› gibt sich aber dem Geiste hin, dass er es erfülle.»1 In dem Ich des Kindes liegt die Selbstbildungskraft begründet, die zum intensivsten Lernen motiviert und die Basis für den ganzen weiteren Lebenslauf legt.

Im Vorschulalter bilden sich diejenigen körperlichen und organischen Strukturen aus, die im Hinblick auf die seelische und körperliche Gesundheit entscheidend sind. Steiner regte deswegen an, mit größter Sorgfalt Elemente des freien Spiels und der Fantasie, der Nachahmung und des Vorbilds, des Rhythmus und der Bewegung pädagogisch anzuwenden. Bereits 1907 publizierte er diese Gesichtspunkte in seiner pädagogischen Erstlingsschrift ‹Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft›, wo er unmissverständlich die Bereitschaft äußert, auf Anfrage viel konkretere pädagogische Anweisungen zu geben: «Diese Dinge können ja natürlich hier nur angedeutet werden, aber die Geisteswissenschaft wird künftig berufen sein, im Einzelnen das Nötige anzugeben, und das vermag sie. […] Die Geisteswissenschaft wird bis auf die einzelnen Nahrungs- und Genussmittel alles anzugeben wissen, was hier in Betracht kommt, wenn sie zum Aufbau einer Erziehungskunst aufgerufen wird.»2

Vor diesem geschilderten Hintergrund stellt sich umso mehr die Frage, wieso es bis 1926 dauerte, bis der erste Waldorfkindergarten aus der Taufe gehoben wurde.

Schulklasse mit Elisabeth von Grunelius (links)

Keine pädagogische Selbstverständlichkeit

Um diese Frage beantworten zu können, muss man sich zuerst vergegenwärtigen, dass Kindergärten in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg keineswegs eine pädagogische Selbstverständlichkeit waren. Sie galten in dieser Zeit überwiegend als soziale Fürsorgeeinrichtungen, die arbeitende (auch alleinerziehende) Mütter oder Arbeiterfamilien entlasten sollten. Ihre Träger waren Kirchen und Wohltätigkeitsorganisationen. Pädagogische Bildungsansprüche spielten für das Vorschulalter kaum eine Rolle. Entsprechend gering war ihre Verbreitung: Nur etwa zehn Prozent der Kinder im Vorschulalter besuchten einen Kindergarten. Die frühe Kindheit wurde gesellschaftlich noch nicht als eigenständige, pädagogisch bedeutsame Entwicklungsphase wahrgenommen.

Die Gründung der ersten Waldorfschule 1919 kam – wie alle Schulen – vor allem dem Bildungsauftrag gegenüber Schulpflichtigen nach. Emil Molt wollte eine Einheitsschule, die Kindern aus allen sozialen Schichten offenstand. Gleichzeitig wollte er im Sinne der sozialen Dreigliederung freie Schulen gründen, die einen entscheidenden Beitrag zur sozialen Erneuerung leisten würden. Kindergärten standen zu diesem Zeitpunkt noch nicht zur Debatte. Der Schulgedanke absorbierte die gesamte Aufmerksamkeit der Beteiligten. Man musste sich mit enormer wirtschaftlicher Not, räumlicher Enge, Personalmangel und feindlichen Attacken auseinandersetzen. Demgegenüber erschien der Kindergartengedanke nachrangig.

Am 12. Juni 1920 tauchte jedoch unter den Mitgliedern des Schulkollegiums Elisabeth von Grunelius auf und berichtete überraschend über einen Kindergarten mit 33 Kindern. Es lässt sich nicht mehr genau rekonstruieren, wie es dazu kam. Man nannte es damals Vorschule, die von etwa der Hälfte der Kinder, die dann nach den Sommerferien in den beiden ersten Klassen unterrichtet wurden, besucht wurde. So steht im Bericht über das erste Schuljahr auch die folgende Notiz: «Im Mai wurde ein provisorischer Kindergarten errichtet, dessen Leitung Fräulein Elisabeth von Grunelius, in Elsass-Lothringen staatlich geprüfte Jugendleiterin, übernahm. Er wurde vor allem deshalb eingerichtet, weil man dadurch den zu dieser Zeit schulpflichtig werdenden Kindern, bevor sie im Herbst in unsere Schule aufgenommen werden konnten, eine Vorschulung zuteil werden lassen konnte.»3 Und dem Bericht aus dem zweiten Schuljahr entnehmen wir: «Der von Fräulein von Grunelius im Sommer 1920 geleitete Kindergarten konnte aus Raummangel leider nicht fortgeführt werden. Er wird später wieder einzurichten sein.»4

Vermutlich regte Steiner selbst an, Grunelius nach Stuttgart einzuladen, denn er kannte sie aus der Zeit des ersten Goetheanumbaus in Dornach, wo sie mitwirkte. Grunelius hatte eine erstklassige Ausbildung in Kindergartenpädagogik und für Steiner war es vom Anfang an und auch durchgehend ein Wunsch, die Waldorfschulpädagogik durch eine Waldorfkindergartenpädagogik zu ergänzen und zu vervollständigen. Es zeigte sich aber, dass der Kindergarten zu diesem Zeitpunkt noch nicht leistbar war und alle Kräfte auf die Bewältigung der schulischen Aufgaben gerichtet werden mussten. Deswegen wurde Grunelius gebeten, die Zweitklasslehrerin Leonie von Mirbach zu unterstützen. Als diese Klasse mit 52 Schülerinnen und Schülern im dritten Schuljahr zweigeteilt wurde und Mirbach aus gesundheitlichen Gründen ausscheiden musste, übernahm Grunelius die eine Hälfte, führte sie aber nicht länger als ein Schuljahr bis zum Mai 1922.

Der Kindergarten ist furchtbar wünschenswert

Steiner wiederholte sowohl in der Konferenz als auch in öffentlichen Vorträgen die Absicht, sobald sich die Gelegenheit ergäbe, selber einen Kindergarten in Stuttgart anzulegen. Und am Ende des dritten Jahres sagt er weiter: «Der Kindergarten ist furchtbar wünschenswert.»5 Als Steiner im September 1922 einen kurzen schriftlichen Bericht über den Aufbau der Stuttgarter Schule verfasste, endete seine Beschreibung mit dem Satz: «Wenn die Verhältnisse es gestatten werden, soll nach unten später eine Art Kindergarten hinzugefügt werden.» Doch nichts geschah, sodass Grunelius die Hoffnung aufgab, in absehbarer Zeit einen Kindergarten zu begründen. Sie beschloss, die Schule zu verlassen und in Dornach Eurythmie und Malerei zu studieren, bis günstigere Umstände eintreten sollten.

1923 äußerte sich Steiner erneut dazu, wie im Kindergarten «die allerwichtigste Erziehungsarbeit» geleistet werden müsse und wie die Waldorfpädagogik erst dann vollständig werde, «wenn einmal diese Pädagogik für die ersten Jahre des Kindes ausgebildet sein wird».6 Dass es noch nicht möglich sei, Waldorfpädagogik im Vorschulalter zu praktizieren, bereite ihm «außerordentlich große Sorge».7 Er fände es enorm wichtig, «auch nach unten die Sache vollständiger zu machen und eine Art Kindergarten daranzustückeln».8

Steiner selbst hat die Errichtung des Kindergartens nicht mehr erlebt. Erst nach seinem Tod im März 1925 kam Bewegung in die Sache. Während einer Pfingsttagung 1925 am Goetheanum beriet sich dazu Herbert Hahn mit Ita Wegman. Gleich nach den Pfingstferien wurde in der Pädagogischen Konferenz des Stuttgarter Kollegiums in Anwesenheit von Ita Wegman darüber gesprochen. Das Ergebnis teilte Herbert Hahn Elisabeth von Grunelius, die damals noch nicht in Stuttgart war, in einem Schreiben vom 17.6.1925 mit: «Das Kollegium wird in Übereinstimmung mit dem Dornacher Vorstand Ihre pädagogische Arbeit als eine Angelegenheit betrachten, die in das größere Gefüge der pädagogischen Tätigkeit der Waldorfschule eingegliedert ist und in allen grundsätzlichen Fragen des Aufbaus und der Weitergestaltung von der vollen Verantwortlichkeit des Kollegiums der Waldorfschule mitgetragen wird. […] Ihre Stellung innerhalb dieses größeren pädagogischen Organismus ist so frei und selbständig, wie diejenige eines jeden Mitglieds des Waldorfkollegiums. […] Die Aussicht, daß durch Ihre Initiative und Ihre Vorarbeiten jetzt die Verwirklichung eines Lieblingsgedankens von Herrn Dr. Steiner so nahe rückt, wird von unserem Kollegium mit herzlichster Freude begrüßt. Ebenso wie ich aus der Unterhaltung mit Frau Dr. Wegman erkannte, dass Ihre Arbeit von Dornach aus mit bester Zustimmung getragen wird, konnte ich bei den Besprechungen in der Schule sehen, wie gerne unsere Kollegen Ihnen, – wo und wann Sie es nur immer wünschen werden – mit ihrem Rat und ihrer Mitarbeit zur Seite stehen wollen.»9

Im  Kindergarten von Elisabeth von Grunelius, Quelle: Ida-Seele-Archiv

Auf eigene Rechnung

Herbert Hahn deutet in seinem Brief auch an, dass Grunelius beschlossen hatte, den erforderlichen Kindergartenbau ‹auf eigene Rechnung› zu übernehmen! Es ist anzunehmen, dass die finanziellen Möglichkeiten im Zusammenhang mit der Bankier-Familie von Grunelius standen. Die wirtschaftlichen und organisatorischen Aspekte hat dann Karl Stockmeyer, der federführend für den Waldorfschulverein war, einige Tage nach Hahn übernommen: «Es geht nun unser Vorschlag dahin, dass Sie einfach das Ihnen zur Verfügung stehende Geld uns überweisen, und wir von diesem Geld den Kindergarten einrichten, selbstverständlich so, dass Sie selbst in jeder Weise angeben, wie die Einrichtung zu gestalten ist.»10 Dem folgte Grunelius in jeder Einzelheit, bis zu dem Haufen feinen Sandes, den sie für den Kindergarten über Stockmeyer bestellt hatte.

Damit schließt sich die Kontur des rekonstruierbaren historischen Bildes des Anfangs des Kindergartens in Stuttgart. Die stille und bescheidene, aber auch freudige und fleißige Arbeit mit den kleinen Kindern hatte endlich begonnen. Es gab jedoch keine Zeit, Berichte zu schreiben. In den anthroposophischen Zeitschriften und auch in den Publikationen der Schule aus den 1920er- und 1930er-Jahren gab es für den Kindergarten keinen Platz. Wir erfahren aus dem Alltag der Kindergärten der Vorkriegszeit eigentlich nichts. Es bestand damals wahrscheinlich überhaupt kein Bewusstsein dafür, dass damit ein bedeutender Schritt in eine innovative pädagogische Zukunft vollzogen wurde. Dass die Idee eines Waldorfkindergartens schließlich doch Wirklichkeit werden konnte, ist weniger günstigen Umständen als vielmehr der Beharrlichkeit und Opferbereitschaft von Elisabeth von Grunelius zu verdanken.


Buchhinweis Nana Göbel: 99 und 1 Pionierinnen der Waldorfkindergartenbewegung, 1924–2026, Dornach 2026

Titelbild Kindergartengruppe von Elisabeth von Grunelius (rechts)

Fußnoten

  1. Rudolf Steiner, Theosophie. Einführung in übersinnliche Welterkenntnis und Menschenbestimmung. GA 9, 2003, S. 50.
  2. Rudolf Steiner, Die Luzifer-Gnosis. 1903–1908. Grundlegende Aufsätze zur Anthroposophie und Berichte. GA 34, 1987, S. 327.
  3. Freie Waldorfschule Stuttgart, Bericht über die ersten Schuljahre 1919/20 und 1920/21. 1921, S. 11.
  4. Ebd. S. 175.
  5. Rudolf Steiner, Konferenzen mit den Lehrern der Freien Waldorfschule Stuttgart 1919–1924. GA 300b, 1992, S. 124.
  6. Rudolf Steiner, Die menschliche Seele in ihrem Zusammenhang mit göttlich-geistigen Individualitäten. Die Verinnerlichung der Jahresfeste. GA 224, 1992, S. 206.
  7. Rudolf Steiner, Gegenwärtiges Geistesleben und Erziehung. GA 307, 1986, S. 258 f.
  8. Siehe Fußnote 6.
  9. Herbert Hahn, Brief an Elisabeth von Grunelius, 17.6.1925. Archiv der Waldorfschulen, Sig. 3.25.010.
  10. Karl Stockmeyer, Brief an Elisabeth von Grunelius, 7.7.1925. Archiv der Waldorfschulen, Sig. 3.25.011.

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