Als Musikerin berührt mich Steiners Aussage, dass das Musikalische genuin anthroposophisch sei: Das bewusst erlebte Musikalische wird anthroposophisch erlebt.1 Dabei meint das Musikalische das Wesen der Musik in seiner Diskrepanz zum materialistischen Duktus unserer Zeit. Wenn das musikalische Material zu sehr in irdische, materialistische Verhältnisse gezwängt wird, verliert es sein Wesenhaftes. Gleichermaßen heißt Singen oder Musizieren, dass das Musikalische in einer Klanggestalt verkörpert wird. Es braucht einen Leib im Irdischen, um gegenwärtig erlebbar zu sein. Wie gehe ich als Musikerin vor, um dem musikalischen Ton ein irdisches Kleid zu geben, das wieder an sein übersinnlich Wesenhaftes anschlussfähig ist?
Bevor ich den Ton empfange, beginne ich zu hören. Ich spanne meine Höraufmerksamkeit auf und erlebe Stille, erweiterte Aufmerksamkeit. Wie in einer Begegnung naht sich mir der musikalische Ton und ich nähere mich ihm, wir treten aufeinander zu. Hörend lausche ich ihm das ab, was sich klingend äußern möchte: zunächst noch entfernt geistig herannahend, dann in einer schwingenden, seelischen Berührung, die im Musizieren bis an meine physische Leiblichkeit herantritt und dann im Zusammenwirken mit dem Instrumentenkorpus den Ton materialisiert. Im Streichen des Bogens über die Saiten des Instruments entsteht das hörbare musikalische Erlebnis. Das Hören wacht darüber, dass in diesem Prozess der Klangverkörperung das Wesenhafte des musikalischen Tons nicht verloren geht. Das Hören kennt den Ursprung des Musikalischen, dessen unhörbar Wesenhaftes, und wacht an den Grenzen seines Entstehens und Vergehens.
Das Erleben des Musikalischen steht jedem Menschen offen. Es ist ein lebendiges Tor zur Anthroposophie.
Foto Peter Dammann / Fotostiftung Schweiz