Es ist früh am Morgen und im Haus schläft alles noch. Der Himmel draußen ist klar. Ich sehe, wie sich die Berge im Sonnenlicht aufwärmen. Hier unten im Tal ist noch alles gefroren. Ein später Frost lässt den zarten Blüten wenig Chancen. Nur ein paar Pflaumen oder Birnen also in diesem Jahr. Vielleicht bleiben die Apfelbäume verschont, sie sind noch nicht in voller Blüte.
Meinen Vater in seinem Sarg zeichnen – kann ich der Erinnerung an diese Erfahrung Worte geben? Zeichnen ist eine sprachlose Tätigkeit. Oder eher: Der Ort, wohin es uns führt, liegt außerhalb jeder Wortsprache. Dort, wo sich die Zeit umgekrempelt hat, als würde sie auf die Seite der Toten wechseln.
Mein Vater zeichnete seine beiden Eltern, nachdem sie gestorben waren. Von Stanley, seinem Vater, machte er ein einfaches Porträt, mit einem dünnen Stift auf normalem Briefpapier. Es ist ein Dreiviertelprofil, und schließe ich meine Augen, kann ich es ziemlich genau sehen. Dieses Bild gehört zu meiner Kindheit. Es hing an unserer Küchenwand.
Seitdem habe ich einige Zeichnungen von Vätern, Müttern, geliebten Menschen gesehen, gestorben und von denjenigen betrauert, die sie zeichneten. Und trotz der Unterschiede zwischen diesen ‹letzten Porträts› fühle ich, sie haben etwas gemeinsam. Es gibt eine bestimmte Ähnlichkeit zwischen ihnen. Als gehörten sie alle zu einem gleichen Raum, und seien Angehörige der gleichen alten Familie. Die Zeit, in der sie existieren, ist nicht begrenzt.
Ich folge der Linie seiner Nase. Sie wirkt kleiner, als sie war. Ihre zwei schwarzen Löcher fesseln meinen Blick und ich betrete die Tiefe dieser Tunnel. Ich drücke die Kohle stärker. Der Mund ist locker, fällt herab, wie man sagt. Auf einer Seite mehr als auf der anderen. Wieder kerbt eine dünne dunkle Linie den Eingang zu einer Höhlung, die mich in ihre unermessliche Nacht saugt. Die Lippen sind zart, trocken, selbst in ihrer Unbeweglichkeit. Sein berühmtes Kinn, von einer Linie geteilt, wird eins mit der Neigung seines breiten Halses.
Ich weiß, seine Haut ist kalt, aber wenn ich ihn zeichne, fühlt es sich nicht so an. Die Temperatur ist, wie sie immer war.
Nichts bewahrt und ruft die Gesichter jener, die uns verlassen haben, so wach wie das Zeichnen. In der Art der Zeichnung drückt sich aus, was den Toten und den Zurückgebliebenen verbindet. Dafür gibt es keine Worte. Es ist etwas Unsichtbares, das nur in uns existiert.
Seine Augen. Ich zeichne seine geschlossenen Augen. Ja, für immer geschlossen, aber das macht für den Moment keinen so großen Unterschied. Tatsache ist, ich sehe diese Augen, die nicht mehr sehen. Die Art, wie die Wimpern ruhen, sich an die Haut kräuseln, vor der Augenhöhle. Was ist zerbrechlicher, und deshalb liebenswerter, als geschlossene Augen? Die Kohle in meiner Hand kreist sanft um den Augapfel, über und unter der faltigen Haut entlang. Ich schaue noch nicht aufs Papier. Gott verdammte die Zeichnung! Ich schaue auf diesen Kopf und sehe sein Leben zu einer Vollendung kommen. Sehe, wie die Knochen stärker hervortreten, als hätten sie eine Schlacht gewonnen. Das Gewebe des Gesichts leistet keinen Widerstand mehr, sondern folgt den vom Schädel diktierten Linien und Formen. Und doch ist noch etwas da von dem Menschen, selbst in dieser Verlassenheit.
Zwischen dem Tag, als mein Vater starb, und dem Tag, als wir ihn beerdigten, besuchten einige von uns, Familie und enge Freunde, die Kapelle, in der er aufgebahrt lag. Wir haben unterschiedliche Arten, uns zu verabschieden. Manche berühren, streicheln oder küssen. Manche nicht. Viele sagen, dass er schön ist. Vier von uns zeichnen ihn. Wir wissen, er hätte es auch getan. So wie vor dreieinhalb Jahren mit mir, am gleichen Ort, als unsere Beverly in einem ähnlichen Sarg lag.
Im Angesicht des Mysteriums kann man manchmal nicht viel machen. Manche mögen beten, singen oder schreien, und wieder andere nicht. Manche versuchen sich an einer Zeichnung als Weg, mit den Ereignissen umzugehen. Seien sie so schrecklich und natürlich wie jemandes Tod, hilft es, zu sehen, dass trotz allem und dank allem Schönheit existiert, weil sie menschlich ist.
Der Tag ist vorüber. Draußen ist es jetzt dunkel. Wieder beginnt es zu frieren. Sternenklar der Himmel.
Der Text wurde erstmals veröffentlicht in ‹Seeing through drawing / A celebration of John Berger›, Objectif Press, 2017.
John Berger war ein britischer Schriftsteller, Maler und Kunstkritiker. In diesem Jahr wird sein 100. Geburtstag in vielen Veranstaltungen gefeiert.
Mehr dazu johnbergerhome.com
Übersetzung Gilda Bartel
Bild Zeichnung von Yves Berger, 2.1.2017, Kohle auf Papier.

