Liebe in der Erziehung

Stangenbohnen brauchen Sonne, kleine Kinder auch.


Wer in der Schweiz Stangenbohnen im März aussät, wird sich nicht an den schnell wachsenden Kletterpflanzen erfreuen können. Es ist einfach noch zu kalt für die Keimung. Wer einer Sau im norwegischen Winter beim Ferkeln helfen möchte, muss den Stall gut abdichten und eine Infrarotlampe aufhängen. Wer Investoren sucht für ein modernes Segelschiff, das Biogewürze und Kaffee aus der südlichen Hemisphäre nach Europa bringt, muss Begeisterung wecken.

Das gilt auch für die Erziehung. Wer sich um kleine Kinder in der Familie oder in der Einrichtung kümmert, wird mit Stress, Sorgen und Gewinnkalkül nicht weit kommen. Aber mit Freude, Großzügigkeit und einer herzlichen Beziehung zu Eltern, Kolleginnen und Kollegen sowie Kindern entstehen günstige Entwicklungsbedingungen. «Freude und Lust sind die Kräfte, welche die physischen Formen der Organe in der richtigen Art herauslocken»1, meinte Steiner 1907. «Heitere Mienen der Erzieher und vor allem redliche, keine erzwungene Liebe. Solche Liebe, welche die Umgebung gleichsam warm durchströmt, brütet im wahren Sinn des Wortes die Formen der physischen Organe aus.»2 Einfach gesagt, oft zitiert, aber tatsächlich eine große Herausforderung für das Leben zu Hause, in der Krippe und im Kindergarten. Eine Kollegin aus Wien sagte: «Wir brauchen in der Waldorfkrippe eine ‹professionelle Freundschaft›, eine ‹professionelle Liebe› zu Eltern und Kolleginnen.»

Gelegentlich sprudeln Liebe, Freundschaft und seelische Wärme von allein. Aber zu manchen Eltern, Kolleginnen und Kindern bleibt die Quelle trocken. Das kleine Kind braucht sie aber zur Entfaltung wie der Bohnensamen. Sie macht die Aufmerksamkeit und die Pflege wirksam. Professionell sein heißt also für Erziehende: Eine Sonne werden, die immer auf alles strahlt, und die Stangenbohnen nicht an manchen Tagen einfach im Schatten stehen lässt.

Ich bin die Quelle meiner Wärme

Alles kommt darauf an, ob die Erwachsenen in der Krippe und im Kindergarten die Liebe jenseits von Sympathie und Antipathie als wirksames Gefühl durch innere Aktivität erzeugen können. Es ist wesentlich schwieriger, als eine Infrarotlampe aufzuhängen. Carl Rogers hat viele Anregungen gegeben, um diese Haltung zu erzeugen, die er Empathie nennt.3 Auch bei Rudolf Steiner findet sich vieles, etwa in der Aufsatzsammlung ‹Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?›, die in Bezug auf viele Passagen auch den Titel haben könnte: ‹Wie wird man Waldorferzieherin?› Sobald das Gefühl auftauche, jemand anders sei der Grund dafür, dass bei mir die Wärme- und Lichtquelle versiege, sobald ich deshalb anfange, ihn als Gegner zu betrachten, dem ich Härte und Kälte zeige, wäre es gut, mich zu fragen: Was kann ich selbst tun, um die Wärme- und Lichtquelle wieder freizuschaufeln? Wenn mich ein Kind, eine Kollegin oder ein Kollege immer stört, wäre es ein Ziel, diese Person nicht zu hassen, sondern mich zu fragen: Wie kann ich mich selber verhalten, dass sie sich in Zukunft entwickelt und vielleicht nicht mehr stört?4

Ein Grund des Versiegens von Freundschaft und Liebe ist einfach, dass mir keine Freundschaft und Liebe entgegengebracht wird. Der Hersteller der Infrarotlampe gibt sie mir nur, wenn ich dafür bezahle. Soll auch meine Liebesfähigkeit davon abhängen, dass ich dafür belohnt werde? Da ich meine Liebesfähigkeit für meinen Beruf steigern möchte, müsste ich etwas tun, um mich von meiner Sucht nach Belohnung und Erfolg freizumachen. Wer sich auf einen inneren Entwicklungsweg begibt, findet diese Aufgabe auf seinem Weg.5 Aber auch, wer mit kleinen Kindern lebt oder arbeitet, hat es mit Wesen zu tun, die unsere Liebe brauchen wie die Stangenbohnen die Sonne. Sie darf nicht von Belohnung abhängen!

Das Kind und die Kindheit studieren

Liebe müsste sein wie die Sonne und nicht wie eine Infrarotlampe. Es könnte sein und ist oft so, dass ich voller Sympathie und mit warmem Engagement das kleine Kind begleite, aber was ich in seiner Gegenwart tue, ist einfach das, was mir Spaß macht und was ich besonders gut kann. Ich stricke und häkle stundenlang, ich singe und tanze, ich male und knete, aber was braucht das Kind wirklich in seinem Alter, in seinem Kontext? Es braucht nicht nur das, was ich gerne mache, und nicht den Kerl, der ich halt geworden bin. Die Chance, die ich habe, um mit meiner engen Persönlichkeit nicht zu stark das Kind zu beeinflussen, ist, dass ich kindliche Entwicklung im Allgemeinen und das Kind im Besonderen kennenlerne, dass ich ein echtes Interesse entwickle. Durch Studium der Menschenkunde, Praxisforschung und durch Kinderbetrachtung kann ich meine Einseitigkeiten herabdämpfen und die Lichtseite der Sonne entwickeln. So werde ich dem Kind nicht nur das geben, was ich geben möchte, sondern auch immer mehr das, was das Kind braucht.

Oder, wie Steiner es in einem seiner letzten Aufsätze sagt: Es wäre doch wunderbar, wenn es uns ein bisschen weniger darum ginge, uns selber zu gefallen und uns in schönes Licht zu setzen mit dem, was wir gerade tun. Wenn es uns nicht nur um das «stolze Gefühl [ginge, uns] selber in der Handlung zu offenbaren»6, sondern mehr darum, das zu machen, was die Welt braucht, «was die Welt bejaht», so sagt er, dann verstärken wir die Liebe, die immer mehr Liebe zur Außenwelt wird. Das bedeutet nun nicht, dass das Leben im Kindergarten und das Engagement für die Gesellschaft zu einem 24-stündigen Opferdienst werden müssen. «Der Mensch findet sich, indem er sich nicht sucht, sondern in Liebe sich wollend der Welt verbindet.»7

Aber angenommen, wir hätten das beherzigt und bemühten uns regelmäßig, die Kinder und das Kind zu verstehen, damit unsere Liebe helfende Liebe sein kann: Unser Lernen wird dauernd erschwert, unser Verständnis wird dauernd getrübt durch eine andere Art von Stolz: Wie oft meine ich schon, alles zu wissen, und höre nicht mehr ordentlich zu, beobachte nicht mehr hingebungsvoll und vorurteilslos, ich hänge an Lieblingsmeinungen, an Vorstellungen, die ich mir vor Jahren einmal gebildet habe und die ich liebe, weil sie meine sind. Nur das vorurteilslose Beobachten, das andächtige Hinhören führen zum wirklichen Lernen und zur Liebe.

Die tägliche Sozialwerkstatt

Waldorfkindergärten sind seit 100 Jahren eine einzigartige Vorbereitung für lebenslanges Lernen und Lieben. Dem von den Kindern selbst initiierten Spiel wird viel Zeit und Raum gegeben. Hier spüren (nicht analysieren und verstehen) die Kinder täglich, wie ihr eigenes Verhalten und ihre Eigenarten das Verhältnis zu den anderen bestimmen. Wie sie ihre Schüchternheit und Tyrannei oftmals von den anderen isoliert. Freies Spiel ist die tägliche Sozialwerkstatt, die intensive Vorbereitung für gesellschaftliche Verantwortung und Zusammenarbeit, nicht nur für den Nord-Süd-Gewürzhandel. In der Freispielzeit heißen die Erwachsenen die Initiativen der Kinder willkommen, alle tun etwas, wozu sie gerade motiviert und inspiriert sind, niemand bekommt Belohnungen, Wettbewerb findet nicht statt. Liebe zur Tat, den größten Teil des Tages. Und auch die forschende Haltung und das Bemühen um Verständnis werden im Waldorfkindergarten geübt. Im freien Spiel geht es sehr oft darum, etwas kennenzulernen: Wie hält ein Brett auf zwei Stühlen, was passiert, wenn ich den Teller auf den Boden schmeiße, was macht das Wasser in der Pfütze, wenn ich einen Stein oder mich selbst hineinwerfe? Wie fühlt sich die Erde an, wenn ich mit dem Finger ein Loch mache, bevor ich den Bohnensamen hineinstecke? Ohne Erklärungen, ohne Interpretationen dem Wind in den Bäumen zuhören, und den Ferkeln, wie sie den Komposteimer leeren. Eine wichtige Vorbereitung für Forschende, deren schnelles Urteilen und Erklären sie oftmals am weiteren Lernen hindert.

Lernen, sich im Zusammenhang zu fühlen – auch mit Gegnern –, lernen, sich zu engagieren, ohne von Belohnung abhängig zu sein, lernen, die Umgebung zu hören und sie zu sehen und mein Verhalten durch das Gehörte leiten zu lassen. Lieben lernen. Samen aus dem Waldorfkindergarten für soziale Verantwortung.


Bild Zeichung von einem Mädchen (6 Jahre) aus Argentinien 1990, Quelle: Archiv ChildArt e.V.

Fußnoten

  1. Rudolf Steiner, Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft, in: Lucifer-Gnosis. Gesammelte Aufsätze. GA 34, S. 327.
  2. Ebd. S. 328.
  3. Siehe z. B. Carl Rogers, Der neue Mensch. Gesammelte Aufsätze. Klett-Cotta, Stuttgart 2017.
  4. Rudolf Steiner, Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? ga 10, S. 106: «Bin ich Erzieher und mein Zögling entspricht nicht dem, was ich wünsche, so soll ich mein Gefühl zunächst nicht gegen den Zögling richten, sondern gegen mich selbst. Ich soll mich so weit als eins mit meinem Zögling fühlen, daß ich mich frage: ‹Ist das, was beim Zögling nicht genügt, nicht die Folge meiner eigenen Tat?› Statt mein Gefühl gegen ihn zu richten, werde ich dann vielmehr darüber nachdenken, wie ich mich selbst verhalten soll, damit in Zukunft der Zögling meinen Forderungen besser entsprechen könne.»
  5. Ebd. S. 109: «Der Erfolg ist nur entscheidend, wenn man eine Handlung aus Begierde vollbringt. Aber alle Handlungen, die aus Begierde vollbracht werden, sind wertlos gegenüber der höheren Welt. Hier entscheidet allein die Liebe zu einer Handlung. In dieser Liebe soll sich ausleben alles, was den Geheimschüler zu einer Handlung treibt.»
  6. Rudolf Steiner, Anthroposophische Leitsätze. GA 26, S. 276.
  7. Ebd. S. 277.

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