Die Eiche ist ein nobler Herr

Die Eiche ist ein nobler Herr

Die jetzige Trockenheit sei eine Katastrophe wie das Waldsterben in den 90er-Jahren, sagen Forstleute. Nun sterben außerdem die Eschenbestände durch einen aus Japan eingeschleppten Pilz (Falsches Weißes Stängelbecherchen). Ein Gespräch mit Karl Büchel, Forstingenieur und Gruppenmanager der zertifizierten Waldbesitzer in der Schweiz. Die Fragen stellte Wolfgang Held.


Die Monokultur im Wald – herrscht noch das Denken des 19. Jahrhunderts?

Eigentlich nicht, aber es fehlt der Wille. Die Bedingungen machen es den Holzproduzenten schwer, vielfältige Wälder aufzubauen. Nehmen wir die Schweiz. Hier kann die holzverarbeitende Industrie nur ein Drittel des Holzes, das geschlagen wird, verarbeiten. Die Hälfte bis zwei Drittel müssen wir exportieren. Das lässt den Preis fallen und die Waldbesitzer müssen die Transportkosten schultern. Wir lieben alle den Wald, aber wer einen Wald pflegt, bekommt keinen Preis für seine Produkte wie sauberes Wasser oder staubfreie Luft, außer für Schutzwald, wenn er an einer Bahnlinie liegt. So wird es immer schwieriger für die Grundeigentümer, den Wald mit qualifizierten Arbeitern zu pflegen.

Da bei uns die Großraubtiere fehlen, muss der Jäger die Hirsche, Rehe, Gämsen und Steinböcke so bejagen, dass sie natürlich verteilt sind. Zurzeit äsen diese Tiere viele laubtragende Bäume, Büsche und Kräuter ab, zulasten der Biodiversität im Wald.

Für den Landbau ist Bio in aller Munde, aber im Wald nicht.

Nicht ganz, FSC ist gut bekannt und verfolgt die ganze Kette, aber die Anbieter von Holzprodukten drücken sich um die klare Nachverfolgung von zertifiziertem Holz. Der Konsument weiß nicht, dass ein Viertel des Holzes illegal geschlagen ist. Holz wird gern per se als ökologisch dargestellt, aber weil damit viel Wertschöpfung erzielt werden kann, gibt es wenige Handelsbeziehungen, die die ganze Holzkette im Fokus haben und so der Branche ein ökologischeres Sein ermöglichen würden.

In der Schweiz werden viele Wälder mustergültig bewirtschaftet, und 50 Prozent davon sind auch in der Gruppe Artus zertifiziert. Da bin ich verantwortlich für die Qualitätssicherung fast aller zertifizierten Wälder mit dem Label FSC – eine halbe Million Hektar Wald. Wir produzieren 70 Prozent des Rundholzes in der Schweiz. Aber dafür, dass dieses Holz nachhaltig produziert wird, dass transparente Artenvielfalt und gute Arbeitsbedingungen eine Rolle spielen, gibt es am Markt keinen Mehrwert.

Gibt es keine Biomöbel?

Doch, zum Beispiel hat Ikea viele Möbel aus FSC-Holz aus ökologisch-sozialer Waldnutzung. Diese Firma ist eine der wenigen, die die Hausaufgaben für kostengünstige Möbel macht. Aber sie kennzeichnet die Möbel nicht mit einem Fremdlabel, weil sie so mächtig ist.

Die Holzindustrie ist noch nicht daran interessiert, die Herkunft so auszuzeichnen. Denn dann würde man auch sehen, wer problematisches Holz verkauft.

Nun ist mit dem Eschensterben ein weiterer Baum betroffen?

Die Esche ist ein dienlicher Baum, kann auf nassen Böden Bestand aufbauen und hat wunderbares Laub, das den Boden düngt. Sie ist ein Mischwaldbaum und kommt oft zusammen mit dem Bergahorn vor. Wird es trockener, nimmt der Ahorn zu, wird es feuchter, dominiert die Esche. Ich denke, es wird bei der Esche nicht so schlimm wie beim Ulmen­sterben, wo ein Käfer in einer zweiten Welle auch die resistenten Bäume zerstörte. Der tödliche Pilz, der jetzt die Eschen befällt, ist für mich wie eine Grippe. Solange ein bis zwei Prozent überleben, kann es weitergehen. Für uns Förster bedeutet das, keinesfalls einen Baum zu früh zum Fällen anzuzeichnen. Vielleicht gehört er ja zu den resistenten Exemplaren.

Welche Hoffnung haben Sie?

Jetzt geht es natürlich – auch wegen des Klimawandels – darum, neue Baumarten zu finden. Da schaut man allzu schnell nach Asien und Amerika. Platane und Douglasie sind dafür Beispiele. Sie sind neu in unserem Ökosystem und deshalb kaum mit schwierigen Verhältnissen konfrontiert worden. Es sind nur 150 Jahre her, da hatte die Forstwirtschaft die kiefern­artige Strobe aus den USA importiert, weil sie einen geraden zylindrischen Stamm besitzt. Das lieben die Sägewerke. Es ging 80 Jahre gut, dann kam sie mit einer sibirischen Zirbelkiefer (Arve) in Kontakt. Die lebt mit einem Pilz in Koexistenz, der die Strobe in einem Jahr tötet. Darum gibt es heute keine Strobenwälder mehr. So etwas kann mit jeder weiteren fremden Baumart wieder geschehen.

Der Eiche gehört auf jeden Fall die Zukunft, weil sie mit Trockenheit und Feuchte umgehen kann. Sie braucht aber viel mehr Licht als die Esche.

Es wäre besser, im mediterranen Raum und um Südrumänien zu suchen, weil die Pflanzenareale dort mit unseren Pilzkulturen und Mikroorganismen in Kontakt stehen. Dort gibt es wunderschöne Eichenarten! Der Eiche gehört die Zukunft, weil sie mit Trockenheit und Feuchte umgehen kann. Sie braucht aber mehr Licht als die Esche. Wenn wir die Bäume eng pflanzen, damit man astfreies Holz gewinnt, hat die Eiche keine Chance. Während die Buche, erst seit 6000 Jahren in Europa heimisch, im eigenen Schatten gedeihen kann, kann das die Eiche nicht. Sie ist wie ein nobler Herr. Kommt ihr jemand zu nahe, dann zieht sie die Äste zurück und hat schließlich eine so schmale Krone, dass sie gegen die Buche nicht weiterwachsen kann.

Wir reduzieren den Wald zum Holzproduzenten?

Im Landbau gilt säen – pflanzen – ernten, und so behandelt die internationale Forstwirtschaft auch den Wald. Es gibt nur wenige Gebiete, wo wir anerkennen, dass der Wald eine Dauergesellschaft ist, wie der Weinberg, wo man eine Pflanzengemeinschaft vor sich hat, in die man nur regulierend eingreift. Der Wald ist ein starker Organismus, der sich selber verjüngen und fruchtbar machen kann. Er ist dabei aber auf verschiedenartigste Lebewesen angewiesen und schafft sich sein eigenes Klima. Davon profitieren wir bei Stadtbäumen im Park und in Quartieren.

Am schlimmsten sind grobe Eingriffe in den Tropen. Ich habe im Kongobecken gearbeitet. Wir zählten mindestens 290 Baumarten. Der Boden ist einen Zentimeter dick, darunter reiner Sand und darauf stehen 50 Meter hohe Bäume. Sobald man zu viele Bäume fällt, droht Savanne zu entstehen. Zusammen mit vom Menschen gelegtem Feuer entsteht dann kein Wald mehr.

Bei uns ist der Wald eine Weide: Überall werden Hirsche zugelassen. Die Hirsche äsen bis 2,5 Meter! Wo ein Rudel ist, kann man das Laubholz nicht verjüngen. In Rumänien gibt es den Wolf, den Bär und den Luchs und manche hungrigen Rumänen. Die vier zusammen haben das Wild im Griff. Wenn man bei uns eine Aufforstung über 20 Jahre durchführt, dann kann ein Hirschrudel an einem Tag alles zunichtemachen. Deshalb sind die Gebirgswälder so artenarm. Umgekehrt geht es dem Wald in Stadtnähe, wo einige Hunde das Wild vertreiben. In Deutschland sind Forst und Jagd in einer Hand. Die guten Förster müssen deshalb ständig jagen. Das ist so viel Arbeit, am Tag als Förster, in der Dämmerung als Jäger, dass ich viele Försterfamilien habe auseinanderfallen sehen. Unsere Gesellschaft hat die Wichtigkeit der Jagd noch nicht erkannt.

Und die Brände im Amazonas?

Da blutet das Herz. Der Wald und die, die sich um ihn kümmern, sollten uns etwas angehen. Das gilt dort wie hier. Über den großen tropischen Wäldern im Amazonas und im Kongobecken entstehen die so wichtigen Wolken für den Wasserkreislauf der Erde. Wir sind auf Regen angewiesen, um unsere Länder fruchtbar zu erhalten.


Bild: Karl Büchel

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