Das ökologisch Notwendige ändert alles

Das ökologisch Notwendige ändert alles

Der Jugend­bewegung Fridays for Future haben sich Eltern, Studierende und andere Gruppen angeschlossen. Jetzt stellen sich Tausende Wissenschaft­lerinnen und Wissenschaftler dem Protest zur Seite.


Am 12. März 2019 gab es eine beachtenswerte Bundespressekonferenz (BPK) in Berlin. Dieses Mal sprachen nicht die ‹Sprecher› der Regierung zu den Journalisten, sondern der Regierung assoziierte Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen sowie zwei Jugendliche, Vertreter der Klimaprotestbewegung Fridays for Future, vereint unter dem Hashtag ‹Scientists for Future› zum Thema Klimawandel. Die Überraschung: Obwohl einige Panel-Vertreter regierungsberatend tätig sind, also regierungsnah und damit auch abhängig sind von Milliarden Zuwendungen von Steuergeldern für ihre Institute, äußerten sie sich pointiert gegen die aktuelle ökologische Regierungspolitik beziehungsweise kritisierten deren lasches Vorgehen bezüglich des Klimawandels. Gleichzeitig unterstützten sie in vollem Umfang die Ziele der Schülerbewegung Fridays for Future und gipfelten in dem Statement: «Es ist genauso dringend Handlungsbedarf angesagt, wie die Schüler es proklamieren.» Eloquent und klar fasst es Maja Göpfel, Politökonomin und Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirates der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen, zusammen: «Die Wissenschaftler» – zu dem Zeitpunkt hätten bereits 12 000 dieses Aussagenpapier unterzeichnet – «seien sich einig»: Sie sähen ihre berufliche Aufgabe als Wissenschaftler darin, «die Welt zu verstehen und sich deshalb auch um das Wohl der Menschen und des Planeten zu sorgen, auch für die Zukunft». Dafür schauen sie sich das «technologisch Sinnvolle und das ökonomisch Machbare» an, jedoch – im Gegensatz zur Regierung, so sinngemäß in einem Nebensatz – auch in der Beziehung zum «ökologisch Notwendigen».

Und diese aus Sicht der Wissenschaft heute nicht zu vernachlässigende Ergänzung ändere die Sicht auf das technologisch Sinnvolle und das ökonomisch Machbare drastisch. Diese neue Sichtweise scheint der neue Usus zu sein. So ließ mich diese Stellungnahme (das Video kann man unter: youtu.be/OAoPkVfeTo0 anschauen) im guten Sinne erschauern, da tönte Hoffnung, Zuversicht, ehrlicher moralischer Impetus, aber kein äußerer, sondern innere Verbundenheit und Kollegialität durch. So liest man in den Kommentaren viel Euphorisches, etwa «Göpfel for President», oder «endlich mal kein Gestotter und Geheuchel in der bpk». Denn zu oft – die Bundespressekonferenz ist ja öffentlich – erlebt man, dass die Regierungsvertreter auf Journalistenfragen nicht eingehen können oder wollen und sehr oft lediglich vage und ausweichend antworten oder gar nur auf bereits Gesagtes verweisen. Ich möchte hoffen, dass die Stellungnahme weiter an Einfluss gewinnt und bald auch jenseits der Worte in Taten der Regierung ankommt. Bis Ende des Zeitrahmens der Unterschriftensammlung haben 26 800 Wissenschaftler unterzeichnet, darunter auch mir bekannte aus anthroposophischem Umkreis. Die 25 Punkte der Stellungnahme werden derzeit publiziert und können hier eingesehen werden: www.scientists4future.org/stellungnahme. Bekanntlich gehen jeder Tat Motive voraus beziehungsweise Bewusstseinswandel ändert die Welt auch äußerlich. Solch einen Bewusstseinswandel jenseits von politischen oder Karriere-Ambitionen konnte ich hier spüren.

Aus der Stellungnahme, unterzeichnet von 26 800 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern:

In allen deutschsprachigen Ländern werden beim Umbau der Bereiche Ener­gie, Ernährung, Landwirtschaft, Ressourcennutzung und Mobilität die notwen­dige Größenordnung und Geschwindigkeit nicht erreicht. Deutschland wird die selbst gesteckten Klimaschutzziele für 2020 verfehlen und auch die Er­reichung der Ziele der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie für 2030 ist hochgra­dig gefährdet. Öster­reich hat sich in seiner Klima- und Energiestrategie Ziele gesetzt, die dem Pariser Vertrag in keiner Weise gerecht werden. Zugleich sind Bodenverbrauch und -versiegelung pro Person und Jahr in Österreich die höchsten in Europa. Die Schweiz hat ihre Treibhausgas-Emissionen seit 1990 nur geringfügig verringert; gleichzeitig stiegen die im Ausland verursachten Emissionen erheblich an.

Auch wenn weiterhin Beteiligungs- und Diskussionsbedarf besteht: Jetzt muss gehan­delt werden. Beides schließt einander nicht aus. Es gibt bereits viele gesellschaftliche und technologische Innovationen, die Lebensqualität erhalten und menschliches Wohl­ergehen verbessern können, ohne unsere natürlichen Lebensgrundlagen zu zerstören.

Die jungen Menschen fordern zu Recht, dass sich unsere Gesellschaft ohne weiteres Zögern auf Nachhaltigkeit ausrichtet.

Die jungen Menschen fordern zu Recht, dass sich unsere Gesellschaft ohne weiteres Zögern auf Nachhaltigkeit ausrichtet. Ohne tiefgreifenden und konsequenten Wandel ist ihre Zukunft in Gefahr. Dieser Wandel bedeutet unter anderem: Wir führen mit neuem Mut und mit der notwendigen Geschwindigkeit erneuerbare Energiequellen ein. Wir setzen Energiesparmaßnahmen konsequent um. Und wir verändern unsere Ernäh­rungs-, Mobilitäts- und Konsummuster grundlegend.

Als Menschen, die mit wissenschaftlichem Arbeiten vertraut sind und denen die derzei­tigen Entwicklungen große Sorgen bereiten, sehen wir es als unsere gesellschaftliche Verantwortung an, auf die Folgen unzureichenden Handelns hinzuweisen.

Nur wenn wir rasch und konsequent handeln, können wir die Erderwärmung begrenzen, das Massenaussterben von Tier- und Pflanzenarten aufhalten, die natürlichen Lebensgrundlagen bewahren und eine lebenswerte Zukunft für derzeit lebende und kommende Generationen gewinnen. Genau das möchten die jungen Menschen von Fridays for Future/Klimastreik erreichen. Ihnen gebührt unsere Achtung und unsere volle Unterstützung.


Bild: BPK-Gruppe Scientists for Future, 12. März 2019, Berlin, Maja Göpfel: Dritte von links

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