Die Enträumlichung der Welt

Die Enträumlichung der Welt

Mit dem Ausbau der fünften Funknetz-Generation G5 in den kommenden Jahren wird die Vernetzung und damit der dramatische Wandel in eine digitale Kultur sichtbar.


Die ersten Autos sahen den Kutschen ähnlich, die ersten Glühbirnen den Kerzen und die ersten Lautsprecher der Plattenspieler sahen kaum anders aus als die zum Trichter geformte Hand. Es gehört zum Charakter von Erfindungen, dass sie zu Beginn ihren Vorgängern verwandt bleiben und deshalb eine Zeit lang auch eine Koexistenz mit diesen Vorläufern möglich ist. Zwar weist eine Erfindung wie die des Autos auf völlige neue Szenarien, aber in der ersten Phase wird sie ausgehend von einem Pferdedenken verstanden und genutzt und es ist deshalb nur eine graduelle, keine prinzipielle Änderung. Dann folgt jedoch der Sprung in ein neues Leben. Die neue Technik lockert alte Gewohnheiten und beflügelt den Erfindungsgeist – auf die Evolution folgt die Revolution. Anders als die Kerze, kann die elektrische Lampe auch einen Filmstreifen projizieren oder eine Magenwand beleuchten. Die dem Alten entwachsene Technik wird frei. In dem viel beschriebenen Wandel in eine digital technisierte Gesellschaft setzt die Computertechnologie nun zu diesem Sprung an. Noch erinnert ein Computer mit Tastatur und Mattscheibe an eine Schreibmaschine. Wer mit anderen per Mail einen Termin vereinbart, tut prinzipiell das Gleiche wie vor 5000 Jahren per Brief, nur etwas schneller. Deshalb ist der Name E-Mail, also elektronischer Brief, sehr passend, es ist «alter Wein in neuen Schläuchen». Das macht die E-Mails auch unpraktisch und zeitraubend, weil sie im Kern gleich funktionieren wie ihre stofflichen Vorfahren: schreiben – senden – lesen, aber durch die höhere Geschwindigkeit nun zu täglich 100 E-Briefen im Postfach führen. Anders wird die Sache, wenn man nun, wie in vielen Firmen und Arbeitgruppen üblich, gemeinsame Terminkalender besitzt. Informationen werden nicht mehr ausgetauscht, sondern sogleich vernetzt. Hier beginnt das eigentlich digitale Leben: Eine Information ist augenblicklich bei allen anderen in Betracht kommenden Stellen verfügbar. Auf der drahtlosen Ebene scheiterte bisher diese Universalität des Wissens an der Geschwindigkeit. Mit dem neuen Funknetz G5, das nun in den kommenden Jahren weltweit aufgebaut wird, ist diese Langsamkeit nicht mehr im Weg. Die sogenannte Latenzzeit, die benötigt wird, damit ein Signal vom Empfänger beantwortet wird, liegt bei 1 Millisekunde (bisher ca. 50–100 Millisekunden), was praktisch Gleichzeitigkeit bedeutet – aus einem Nacheinander der Information wird ein Miteinander. Damit enträumlicht das kommende Funknetz die teilnehmenden Glieder, mit dramatischen Folgen für die Vernetzung. Hier geht es jetzt nicht um die gesundheitlichen Fragen, die dieses in der Frequenz höhere Funknetz und deshalb die höhere Antennendichte aufwerfen mag, sondern um den Wandel, den es in der Lebenswelt auslöst.

Wenn nun die Vernetzung drahtlos möglich ist, dann können beispielsweise in einer Stadt alle Fahrzeuge fortwährend und auf Zentimeter genau voneinander wissen, wo und wie schnell sie sich bewegen. Was heute viel menschliche Aufmerksamkeit bindet und Tausende Menschenleben jährlich kostet, könnte, wenn aus dem Gegeneinander der Dinge ein Miteinander würde, vermieden werden. ‹Internet der Dinge› wird diese Perspektive genannt. Dabei spielt ebenfalls eine Rolle, dass das G5-Netz für die Informationsübertragung gegenüber heute nur 1/1000 der Energie benötigt, sodass selbst kleinste Gegenstände über Jahre ohne Stromzufuhr vernetzt sein können. Bisher war von Datenautobahnen und -schnellstraßen die Rede. Auch hier emanzipiert sich die Informationsübermittlung von ihren physischen Vorläufern. Denn anders als bei den bisherigen Funkstrecken vermag das kommende Netz sich den aufkommenden Datenmengen anzupassen. Im Bild der Straße: Wird eine Straße viel befahren, wird sie selbständig breiter. Wie jede technische Entwicklung gehen Möglichkeit und Gefährdung, Befreiung und Fesselung Hand in Hand.

Der digitale Wandel bedeutet, dass wir Menschen mehr und mehr vom Wenn-dann-Denken befreit werden, um uns vollständig auf das nichtlineare, auf das schöpferische Denken richten zu können.

Über die Vernetzung hinaus ist mit Übersetzungsprogrammen oder Gesichtserkennungssoftware der dritte Entwicklungsschritt des digitalen Wandels schon Wirklichkeit geworden: die Mustererkennung. Was könnte das für die eingangs beschriebene Terminfindung bedeuten, die im Zeitalter der Vernetzung schon beschleunigt wird? Jetzt ist es ein Programm, das nicht nur die Termine, sondern auch die Wünsche und Bedürfnisse aller Teilnehmenden berücksichtigt und deshalb sogleich den günstigsten Termin vorlegt. Alle Vorgänge, die einen linearen Verlauf haben, so Georg Hasler, Forschender des digitalen Wandels, werden über kurz oder lang digitalisiert werden. Umgekehrt bedeutet es, dass wir Menschen mehr und mehr befreit werden von allem Wenn-dann-Denken, um uns vollständig auf das nichtlineare, das schöpferische Denken richten zu können. Die technische Enträumlichung der Welt sollte durch ihre Faszination die Befreiung des menschlichen Geistes aus dem Räumlichen – was jede Form schöpferischen Denkens bedeutet – nicht lähmen, sondern ihr Flügel verleihen.


Foto Antenne, CC

Großes Herz mit scharfer Zunge

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Auf dem Weg zur Großen Konjunktion

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