Vom Ende der Zeitumstellung

Vom Ende der Zeitumstellung

Die Konsultation der Europäischen Gemeinschaft fiel eindeutig aus: 84% der 4,6 Millionen teilnehmenden Europäer sprachen sich für ein Ende der Zeitumstellung aus. Mit dem Abschied von der Zeitumstellung endet ein zweifelhaftes Manifest der Ungebundenheit.


Die hohe Beteiligung an der Umfrage war außerordentlich, denn üblich sind einige Hunderttausend Voten bei solchen Befragungen. Zwar kam das Gros der Stimmen aus Deutschland, aber die Ablehnung der heutigen Regelung war auch in anderen Ländern überaus deutlich. So sprachen sich in Frankreich 95% und in Spanien 93% für eine Ende der Zeitumstellung aus. Nur in Griechenland und Zypern fand die Ablehnung keine Mehrheit. Die eu wird daher diesem Wunsch folgen und sich in naher Zukunft, vermutlich 2020, vom Wechsel der Zeit verabschieden. Allerdings müssen die Landesparlamente entscheiden, ob sie immer Sommer- oder immer Winterzeit wollen. Einen Flickenteppich aus verschiedenen Zeitzonen gilt es natürlich zu vermeiden. Aktuell haben Irland, Portugal und das Vereinigte Königreich die mittlere Greenwich-Zeit, in 17 eu-Staaten – darunter Deutschland – gilt die mitteleuropäische Zeit (mez), die eine Stunde dahinterliegt. Die nächste, die osteuropäische Zeitzone, gilt dann in östlicheren Ländern wie Griechenland, Rumänien und Finnland.

Ein Kind des Krieges

Die Idee der Zeitumstellung ist beinahe 250 Jahre alt. Benjamin Franklin, als eine Art us-amerikanischer Botschafter in Frankreich, beklagte sich 1784 in einem Leserbrief über den abendlichen Kerzenverbrauch in der Stadt und empfahl, die Zeit doch eine Stunde zu verschieben, um so das Sonnenlicht nutzen zu können.

Der deutsche Kaiser Wilhelm II. ließ dann im Ersten Weltkrieg am 30. April 1916 die Uhren vorstellen, um, wie es damals wie heute heißt, Energie zu sparen. Großbritannien und Frankreich zogen wenige Monat später nach. Kurz nach Kriegsende verabschiedete man sich von dem Zeitwechsel wieder, um mit dem Zweiten Weltkrieg wiederum im Sommer an den Uhren zu drehen. Diesmal dauerte es bis 1949, bis die Normalzeit wieder gültig war. Der dritte Anlauf kam dann infolge der Ölkrise 1977, in Deutschland 1980, in der Schweiz 1981 und eu-weit 1996. Erneut zeigte sich, dass sich mit der Zeitumstellung keine Energie sparen lässt. Nach Angaben des Bundesamts für Energie und Wasserwirtschaft steigt sogar der Energiekonsum, weil zwar weniger für Licht, dafür aber mehr für abendliche Freizeitaktivitäten gebraucht würde. Warum also dreimal der ungeliebte Versuch, die Zeit umzustellen?

Einmal Zeus sein

Es ist kein Zufall, dass die beiden Weltkriege die Sommerzeit geboren haben. Der Krieg ist die große Antithese zum Leben, die Antithese zum Leben im Zusammenhang. Nirgends feiert sich die Entfremdung von der Natur stärker als im Krieg. So erscheint die Sommerzeit: Mögen alle möglichen rationalen Gründe vorgeschoben werden, eigentlich geht es darum, zu dokumentieren, dass man vom Kosmos, vom Lauf der Sonne frei ist. Die Zeit um eine Stunde zu verschieben, also per Verabredung die Sonne im Frühling springen zu lassen und sie im Herbst für eine Stunde anzuhalten, das ist eine machtvolle Geste. Im alten Griechenland gehörte es zu den höchsten und selten gebrauchten göttlichen Mitteln, wenn Zeus den Sonnenläufer Helios bat, das Gestirn für eine Zeit anzuhalten, damit eine Nacht länger währt. Die Zeit vor- oder zurückzuschieben, hat deshalb etwas von dieser göttlichen Ermächtigung, über die Zeit, über den Lauf der Gestirne verfügen zu können.

Im alten Griechenland gehörte es zu den höchsten und selten gebrauchten göttlichen Mitteln, wenn Zeus den Sonnenläufer Helios bat, das Gestirn für eine Zeit anzuhalten, damit eine Nacht länger währt.

Tatsächlich gilt es diese Souveränität zu feiern, denn diese Befreiung von den Zyklen der Natur ist ein Kulturgut. Doch diese Feier sollte nicht den Trotz in sich tragen wie die Zeitumstellung. Sie sollte bedeuten, nicht an die Stelle von kosmischen Rhythmen zu treten, sondern im Gespräch mit diesen individuelle menschliche Zeitzyklen zu erfahren. Den Unterricht für Oberstufenschüler später beginnen zu lassen oder Schul- und Arbeitsstunden im Winter kürzer zu machen, weil dann die Zeit für das seelische Empfinden langsamer läuft, sind Beispiele solch menschlicher Zeiteingriffe.

Halbe Sommerzeit in Mitteleuropa

Nun scheint der Ball bei den einzelnen Nationen zu liegen, sich zwischen der Sommer- und der Winterzeit zu entscheiden. Dabei ist der Name ‹Winterzeit› falsch und irreführend. Es ist die Normalzeit, die im Winter gilt. Die Sommerzeit auf das ganze Jahr zu übertragen, bedeutet, dass im Winter die Sonne erst um 9 Uhr aufgeht – das ist ziemlich spät. Mitteleuropa nimmt in der Entscheidung zwischen Sommer- und Normalzeit eine besondere Lage ein. Es liegt zwischen dem 0. Breitengrad bei Greenwich und dem 15. Breitengrad von Warschau. Dort kulminiert bei Normalzeit jeweils die Sonne um 12 Uhr und am Mittag ist tatsächlich Mittag. Mitteleuropa hat mit 7,5° geografischer Breite bereits die sogenannte Mitteleuropäische Zeitzone, die eigentlich für Helsinki, Warschau und Belgrad gilt. Deshalb kulminiert in Mitteleuropa die Sonne erst um 12.30 Uhr, ist also für die Mitte Europas sowieso bereits halb in der Sommerzeit. Hier sorgt die geografische Lage für einen Kompromiss.


Bild: Postkarte zur Einführung der Sommerzeit in Deutschland am 30. April 1916 (Deutsches Uhrenmuseum)

Schweden nach der Wahl

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