Der Dürre kann niemand trotzen

Der Dürre kann niemand trotzen

Braun statt grün: Auch wenn die Abkühlung nun kommt, selbst aus 400 km Höhe von der ISS-Raumstation ist die Dürre in Mitteleuropa nicht zu übersehen. Der Anfang eines Hitzewandels oder nur ein klimatischer Ausrutscher? Am stärksten betroffen ist auf jeden Fall die Landwirtschaft. Ein Gespräch mit Ueli Hurter, Co-Leiter der Sektion für Landwirtschaft.


Zuerst: Wie ist die Lage auf Deinem Hof am Neuenburgersee?

Bis jetzt kommen wir dieses Jahr mit einem blauen Auge davon. Zwei Sommergewitter brachten uns einmal 3 mm und einmal 17 mm Niederschlag. Gewitterzüge haben die Tendenz, in einem Jahr die gleichen Wege zu gehen. Letztes Jahr teilte sich die Gewitterfront über dem Kamm des Juragebirges, sodass wir trocken blieben. Die Sorge jetzt war unbegründet, dieses Jahr ging der Regen bei uns herunter. Dass wir letztes Jahr unter einer Trockenperiode litten, hat uns außerdem seelisch ‹trainiert›, die schwierigen Wetterbedingungen zu nehmen, wie sie sind. Dieses Jahr hat es in der Schweiz vor allem den Osten getroffen. Dort sind die Felder extrem trocken. In St. Gallen zum Beispiel gab es das letzte Mal 1870 so wenig Niederschläge. Auch die Temperatur hat längst den Jahrhundertsommer 2003 überstiegen, und der Pegel des Bodensees ist 80 cm unter Normalstand. Das sind ‹nur› die Zahlen.

Der Zusammenhang mit dem Klimawandel oder sogar einer Hitzewende scheint naheliegend.

Die aktuelle Dürre ist auf jeden Fall ein gesamteuropäisches Problem, wenn wir jetzt beispielsweise einmal von den schweren Waldbränden in Kalifornien absehen. Mein Kollege Jean-Michel Florin und ich sind ja weltweit auf biologisch-dynamischen Höfen unterwegs, und da erkundigen wir uns natürlich überall, wie es klimatisch steht. Unausgeglichene Wettersituationen nehmen überall zu, sei es zu viel Regen oder zu wenig, oder seien es häufige Stürme. Da gehört die Dürre dazu. Es sind jetzt drei Faktoren zusammengekommen: Über Wochen gab es keinen Niederschlag, eine anhaltende Hitze von über 30 Grad und dazu auszehrende Winde. Erst in diesem Verbund von Trockenheit, Hitze und Wind bildet sich diese extreme Dürre. Ich war kürzlich in Tampere, Finnland. Dort weht ein Wind, der sich lange über dem Land austrocknet. Eines von vielen Beispielen. Noch Witterung oder schon Klima – das ist immer schwer zu sagen. Ich beobachte jedenfalls, dass wir seit der Saison 2013 extreme Jahre haben und das Wetter nicht zur Ruhe kommt. Denken wir nur an den extremen Frost im April 2017. Das treibt die Bauern und Gärtnerinnen natürlich um. Die Natur, das Wetter, all das, was seine gewohnte Werkstatt ist, das wird zur Hexenküche. Seit 20 Jahren oder spätestens mit dem aufrüttelnden vierten Bericht des Weltklimarates 2007 ist das Thema des Klimawandels in der Öffentlichkeit präsent. Seit ein paar Jahren beginnen wir zu verstehen, dass es schon immer Klimawandel gab. Stabile Zeiten waren die Ausnahme – aber nun sind wir Menschen mit die Verursacher. Wir sprechen von einem Anthropozän. Wir wollen unser Leben ja in die Hand nehmen, aber wir sehen die Folgen. Wir werden unsicher über uns selbst und sind noch weit entfernt, als Menschheit das Steuer herumzudrehen.

Mit der Natur zu arbeiten heißt ja auch, mit ihren Widrigkeiten umgehen zu können.

Sind Demeterbetriebe von der Dürre weniger betroffen?

Es trifft alle, die mit dem Land arbeiten, also auch biologisch-dynamisch arbeitende Gärtner oder Bäuerinnen. Ich habe noch kein umfassendes Bild gewinnen können. Im Herbst treffen sich die weltweiten Vertreter des biologisch-dynamischen Landbaus, dann werden wir es genauer wissen. Zum biologisch-dynamischen Landbau gehört ja, dass die Futtererzeugung auf dem Hof stattfindet. Das gehört zum Kern unseres Verständnisses einer naturgemäßen Landwirtschaft. Nun ist von der Dürre vor allem die Weidewirtschaft betroffen, also die Futterproduktion. Es gab dieses Jahr Ende Februar, Anfang März einen sehr späten Kälteeinbruch. Dann kam ein nass-kühler März, sodass wir die Tiere erst spät auf die Weiden lassen konnten. Sie mussten lange mit Heu gefüttert werden. Das geht an die Reserven, die nun für den kommenden Winter fehlen. Nun rechnen alle mit einer Futterknappheit, und das bedeutet auch, die Herden anzupassen. Entsprechend sind die Schlachthöfe in der Schweiz jetzt schon am Anschlag. Ein konventionell-industriell arbeitender Landwirt kauft sein Futter ja zu, er hat wenige eigene Anbauflächen. Allerdings wird der Futterkauf nun wegen der europaweiten Dürre sicher auch schwieriger. Zugleich gilt das Gegenteil: Weil wir als biologisch-dynamische Betriebe breit aufgestellt sind und vom Getreide über Gemüse bis zu Milch und Käse alles machen, sind wir weniger anfällig für extreme Wetterlagen. Es gibt ja Bereiche wie den Weinbau, für den eine solche Trockenheit gar nicht schlecht ist. Die Rebe kommt damit ganz gut klar. Die Trauben haben hohen Zuckergehalt. Auch für das Obst sieht es mit etwas Bewässerung ganz gut aus. Die biologisch-dynamische Landwirtschaft ist also weniger betroffen und auch mehr betroffen.

Was tun biologisch-dynamisch arbeitende Bauern, um sich vor solcher Dürre zu schützen?

Mit der Natur zu arbeiten heißt ja auch, mit ihren Widrigkeiten umgehen zu können. Es ist unser Ziel, die Böden und alle Kulturen so zu pflegen, zu entwickeln und zu düngen, dass die Widerstandskraft, die Resilienz, größer wird. Das hat aber Grenzen. Wir können keine Wunder bewirken, auch wenn es manchmal erstaunliche Berichte gibt. Wir können keiner Dürre trotzen. Deshalb hat jetzt beispielsweise Demeter Schweiz den Zukauf von Futter erweitert, um den Betrieben zu helfen und zugleich das Gütesiegel ‹Demeter› aufrechtzuerhalten. Die Betriebe dürfen jetzt 35 Prozent des Grundfutters von anderen Biobetrieben ohne Ausnahmebewilligung zukaufen und 10 Prozent mit Ausnahmebewilligung von konventionell arbeitenden Betrieben im Inland.

Was bedeutet die Dürre für die Sektionsarbeit?

Nach einer nass-kalten ersten Frühlingshälfte hatten wir ab Mitte April eine Phase, in der die Natur blühte wie selten zuvor. Es war ein Fest! Das dürfen wir nicht vergessen. Auf meinen Reisen, beispielsweise in Lettland und Litauen, die dieses Jahr ganz extrem unter der Trockenheit leiden, war ich erstaunt, von den biodynamisch arbeitenden Kollegen keine Klagen zu hören. Tatsächlich, die Anthroposophie hilft uns, unsere Tätigkeit in einem größeren Zusammenhang zu sehen. Es gibt dann auch eine seelische Resilienz. Hier liegt die Aufgabe der Sektion: an unserem partnerschaftlichen Verhältnis zur Natur, zum Planeten Erde weiterbauen.


Das Gespräch führte Wolfgang Held

Foto: Sebastian Fuss, ausgedörrter Boden auf der Insel Ivö im Ivösjön, Skane, Schweden

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