Eine Frage der Botschaft

Eine Frage der Botschaft

In internationalen Beziehungen spielen nicht nur politische und wirtschaftliche, sondern auch spirituelle Fragen eine Rolle.


Botschaften zu räumen, ist der letzte Schritt vor dem Krieg. Denn Botschafter haben nur eine Aufgabe: Dialog zu führen. Wenn kein Dialog mehr stattfindet, kann nur noch Konfrontation oder Krieg herrschen. Vielleicht nicht Krieg im herkömmlichen Sinn: Krieg kann auch wirtschaftlich oder gar spirituell sein, indem gewisse geistige Eigenschaften eines Wesens negiert oder unterdrückt werden. Die westliche Kolonisation war großenteils nicht nur deshalb schrecklich, weil sie andere Bevölkerungen gewaltsam unterdrückt hat, und nicht nur, weil sie diese Völker wirtschaftlich versklavt hat, sondern auch, weil sie deren eigene Art von Spiritualität negiert hat, wobei die europäische Art immer als höchstes Vorbild verstanden wurde. So schauen nicht selten Europäer mit einer Art selbstverständlichem Überlegenheitsgefühl auf andere Kulturen, seien sie arabisch, chinesisch, afrikanisch oder russisch. Solche Haltungen sind nicht weit entfernt von Ideologien, die wir überwunden dachten.

Die Botschaften räumen bedeutet, den Dialog zu beenden. Es ist zutiefst tragisch. Noch tragischer ist, wenn solche Entscheidungen ohne festen Grund getroffen werden, mit ähnlichen Methoden wie beim Irakkrieg und den vermeintlichen Chemiewaffen von Saddam Hussein. Dass Russland am versuchten Mord an Agent Skripal beteiligt war, ist noch von niemandem bewiesen worden und scheint auch keinem vernünftigen Interesse Russlands zu entsprechen. Umso besorgniserregender die Entscheidung.

Anthroposophie ist von Anfang an ein Versuch, die Spiritualitäten aller Arten und Kontinente von innen zu beleuchten. Diese spirituelle Aufgabe, den Wesenskern der verschiedenen Kulturen in ihrer Geschichtlichkeit wahrnehmend, fühlend zu erkennen, ist immer wieder von brennender Aktualität. Wenn diese Aufgabe nicht genügend erfüllt ist, bleibt ein spiritueller Kolonialismus bestehen, der die anderen Kulturen als minderwertig und dialogunfähig betrachtet. So bleiben wir im 20. Jahrhundert stecken, obwohl bekannt ist, wohin dieser Mangel an Weisheit und Wachheit schon geführt hat. Geisteswissenschaft ist heute aktueller denn je. Die spirituellen Herkünfte und Zugehörigkeiten Europas und Russlands zu verstehen, bleibt eine dringende Erkenntnisaufgabe. Dafür muss aber die Erkenntnis von den vorübergehenden politischen Erscheinungen Abstand gewinnen können, um in der Lage zu sein, den Blick auf größere Verhältnisse zu richten.


Foto: UN Generalsekretär Dag Hammarskjold und Premierminister der Volksrepublik China Zhou Enlai besprechen heikle diplomatische Fragen in 1954.

Après des études de psychologie et d'anthroposophie, Louis Defèche a suivi une formation de théâtre en Suisse allémanique et travaillé comme metteur en scène, enseignant en théâtre et diction ainsi que traducteur. Il est aujourd'hui membre de la rédaction et directeur exécutif de l'hebdomadaire Das Goetheanum.