Wenn der Wille innehält

Wenn der Wille innehält

Es ist eine Konstellation am Himmel und auch eine Konstellation im Sozialen: Mars, der Planet der Tatkraft, wandert von Jupiter zu Saturn – der Wille fügt sich in die Innerlichkeit ein. Was kann aus dieser Resignation der Tatkraft wachsen?


Die Spanne vom Fest der Jordantaufe bis Ostern dauerte drei Jahre und drei Monate. Im Kirchenjahr verdichtet sie sich in die drei- bis viermonatige Zeit von Epiphanias am 6. Januar bis zum Osterfest. Mit dem Aufstieg der Sonne wandert der Blick von der Geburt zum Tod und zur Auferstehung des Gottes. Dieses Jahr spiegelt Mars in seinem Lauf von Jupiter zu Saturn den Weg von der Taufe bis zur neuen Geburt. Am 6. und 7. Januar stand der rote Planet dicht bei Jupiter, dem Planeten des Erkennens und Ordnens. Nicht nur im Mythos repräsentiert Jupiter diese Eigenschaft. Er besitzt physisch mehr Masse als alle anderen Planeten zusammen und kann deshalb das Wo und Wie im Planetensystem prägen. Im Tierkreisbild der Waage, dem Bild des Gleichgewichtes, zeigte der Nachthimmel das klassische Bild des Willens, der durch Jupiter und damit durch die Kraft des Gedankens seine innere Ruhe und Balance bekommt. Mit dem Aufstieg der Sonne am Jahresanfang löste sich Mars von dem Erkenntnisplaneten und zog durch die dramatische Sternenregion des Skorpions. Kein Bild spiegelt die zerstörerische Kraft des Mars mehr als die geschwungene s-förmige Gestalt des Skorpions. Am Schwanz des Skorpions, wo der irdische Skorpion sein Gift hat, liegt auch das Zentrum der Milchstraße. Hinter Dunkelwolken, für die Teleskope deshalb kaum zu beobachten, liegt dort der Masseschlund, das schwarze Loch der Milchstraße.

Jetzt, in den Ostertagen, erreicht der dynamische Planet Saturn. Wie anders ist diese Begegnung mit dem fernen, gelblich schimmernden Saturn als die Konjunktion mit dem nüchtern strahlenden Jupiter. Mars teilt zwar mit Saturn die gelblich orange Farbe, aber sein Gestus ist polar. Während Mars in seinem drängenden Lauf und wechselndem Licht die dionysische Seite der Seele spiegelt, zeigt Saturn in seiner kaum zu bemerkenden Wanderschaft und seinem gleichförmigen Glanz die geistige Seite, die Innerlichkeit der Seele. So stehen mit Mars und Saturn Außen und Innen, Dynamik und Ruhe beieinander. Es ist ein Bild, das an jenen Willen erinnert, der durch die innere Stimme des Gewissens mit einem Mal seinen Schwung, seinen Impuls verliert und auf sich selbst zurückgeworfen wird.

Je kraftvoller Technik dem menschlichen Willen Flügel verleiht, umso gewissenhafter sollte das Innehalten aus diesem Strom und Strudel des technisierten Willens sein – immer wieder, als einzelner Mensch, als menschliche Gemeinschaft. Daran erinnert die Frühlingskonstellation am Morgenhimmel.

«Der Handelnde ist immer gewissenlos; es hat niemand Gewissen als der Betrachtende», schreibt Johann Wolfgang v. Goethe in seinen ‹Maximen und Reflexionen› und meint damit, zugespitzt, dass nur handeln kann, wer seine Scheu vor Fehlern, seine Skrupel überwinde. Risikofreudig und unbefangen, so muss die Tat zweifellos sein. Im technischen Zeitalter ist es nun anders geworden. Wo Maschinen und Computer dem menschlichen Willen Flügel verleihen, seine Reichweite und all seine Zerstörungskraft ins Ungeahnte steigern, wo die Natur ihm keine Grenzen mehr setzt, ist es unverzichtbar, dass die Persönlichkeit an die Stelle der Natur tritt und den Willen zu stauen vermag. Mars wird saturnisch, das ist dazu das kosmische Bild. Und das ist in diesen ersten Frühlingswochen am Morgenhimmel zu sehen, wenn nun im reichen Sterngefunkel des Schützen, also genau dort, wo die Sonne in den Weihnachtstagen steht und zu ihrer neuen Geburt ansetzt, Mars unterhalb von Saturn vorbeizieht. Jetzt ist Mars mit seiner dynamischen Kraft nicht mehr wie im Februar im Skorpion, wo die Umgebung ihn im Willen befeuert, sondern nun bestimmt die Ruhe und Transzendenz von Saturn das Umfeld von Mars. Im Leben sind es häufig Krankheit und Unfall, die uns aus dem Traum des Willens, aus dem Eifer des Handelns herausreißen und zum Innehalten und Aufwachen bringen. Deshalb erscheinen diese Steine im Weg aus höherer oder späterer Warte als göttliche Gaben, und so ist auch das anthroposophische Verständnis von Krankheit: Krisenmomente des Organismus, um aufzuwachen, um sich zu finden, wiederzufinden.

Als sich 2011 die Nuklearkatastrophe von Fuku­shima ereignete, da beschrieben Redakteure dieses Bild als Ende des technisch-naiven Zeitalters. Das so sicher Geglaubte zeigte seine Dürftigkeit, seine gefährliche Verletzlichkeit. Dann folgte der Skandal um die Manipulation der Dieselmotoren und jetzt kommt der Missbrauch der Daten von mehr als 80 Millionen Facebooknutzern ans Licht. Es geht dabei um Datenkriminalität, die womöglich den Ausgang der Präsidentschaftswahl in den usa mitbestimmt hat. Vielleicht führen die tödlichen Unfälle der ersten selbstfahrenden Autos zu einem weiteren Aufwachen. Es lohnt sich, die Begegnung von Mars und Saturn am Morgenhimmel zu betrachten und sie als Aufruf zu lesen: Je kraftvoller Technik dem menschlichen Willen Flügel verleiht, umso gewissenhafter sollte das Innehalten aus diesem Strom und Strudel des technisierten Willens sein – immer wieder, als einzelner Mensch, als menschliche Gemeinschaft. Daran erinnert die Frühlingskonstellation am Morgenhimmel.