Gehört Großbritannien zu Europa?

Gehört Großbritannien zu Europa?

Die Frage, wie die Insel zum Festland sich verhält, stellt sich nun, wo die Verhandlungen um den Brexit in die Schlussgerade kommen, mehr denn je. Die Frage kann nicht beantwortet werden, ohne zu fragen: Was ist Europa? Eine Spurensuche.


Vor wenigen Jahren wies der deutsche Bundespräsident Gauck darauf hin, dass es dem Kontinent Europa an einem Mythos fehle, der identitätsstiftend wirken könne. (1) Ausgerechnet der im Islam verwurzelte Schriftsteller Salman Rushdie hat zwei Mythen genannt, die für die Selbstbestimmung Europas hilfreich sind. Die erste, recht bekannte Erzählung betrifft die Königstochter Europa, die von Zeus, in Stiergestalt, von Asien nach Kreta entführt wurde. Nachdem der Stier das Mädchen Europa auf seinem Rücken über das Meer getragen hatte, hatte er seine Rolle erfüllt und die Königstochter schenkte dem Kontinent ihren Namen. Die zweite Erzählung, auf die Rushdie hinweist, stammt aus der nordischen Sagenwelt und schildert einen Kampf zwischen Gottheiten. Das Schlachtfeld wird geräumt, um den Menschen Platz zu machen.

In beiden Erzählungen tritt das Göttliche zurück, um der souveränen menschlichen Persönlichkeit den Vortritt zu gewähren. Diese soll nicht mehr von der Erhabenheit des Göttlichen erdrückt werden, sondern sich frei entfalten. So war Europa dazu berufen, die Würde der menschlichen Individualität zu betonen, die sich aus der Bevormundung durch Nation und Familie herauslöst. Dass wir von diesen Zielen noch weit entfernt sind, braucht nicht weiter ausgeführt zu werden. Aber das Ideal eines politisch vereinten Europas setzt voraus, dass der einzelne Mensch seine Gruppenzugehörigkeiten lockert.

Ein Meilenstein in dieser Entwicklung war der Nominalismus der scholastischen Philosophie, der im Spätmittelalter eine Wendung im Denken einleitete. Galt bis dorthin nach antiker Tradition der allgemeine Begriff als die höchste Wirklichkeit gegenüber dem einzelnen Ding, da er der geistigen Welt angehörte, während das einzelne Ding vergänglich war, so hieß es nunmehr, die Begriffe seien lediglich Erzeugnisse des menschlichen Denkens, während das konkrete Einzelding erst eine Wirklichkeit darstelle. Zunächst bedeutet dies eine Verarmung: Man erlebt in seinem Denken nicht mehr den Anschluss an eine objektiv existierende geistige Welt. War für den Nominalismus der einzelne Tisch wirklicher als der Tisch überhaupt, so war nach derselben Logik der einzelne Mensch jetzt wirklicher als die Gattung Mensch. Wir haben es mit einer weiteren Stufe in der Ich-Werdung des Menschen zu tun. Sie war nicht ohne eine vorübergehende Verdunklung der geistigen Welt zu erlangen. Dem Franziskaner Wilhelm von Ockham kam in dieser Entwicklung eine Hauptrolle zu. Nirgends hat seine Sichtweise stärkere Spuren hinterlassen als in seiner englischen Heimat. Folglich überrascht es nicht, dass in seinem Land Begeisterung für die Idee Europa nicht selbstverständlich ist.

Mit diesem mythischen Hintergrund ist es nicht schwer, für Britannien eine Sonderstellung gegenüber dem europäischen Festland zu begründen.

Interessanterweise hat Großbritannien einen eigenen Entstehungsmythos. Er erzählt, wie der Meeresgott Poseidon und dessen Gattin Aphrodite für ihren Lieblingssohn Albion die schönste Insel als Geschenk suchten. Die Wahl fiel auf die Insel Großbritannien, die deshalb Albion genannt wurde; bis dahin hieß sie Samothea. Albion herrschte über seine Insel, bis er durch Herakles den Tod fand. Danach, so die Legende, bewohnten Riesen das Land, bis ein gewisser Brutus (daher der Name Britannien) aus Troja sich der beiden britischen Inseln bemächtigte. Mit diesem mythischen Hintergrund ist es nicht schwer, für Britannien eine Sonderstellung gegenüber dem europäischen Festland zu begründen. Auch ein heutiger Brite, der sonst von der Welt wenig gesehen hat, wird auf Britannien als das wundervollste Land der Erde schauen. Dies gehört zum Hintergrund der Entscheidung, die EU verlassen zu wollen. Für einen Festland-Europäer ist seine Heimat zwar wichtig, zugleich empfindet er seine Individualität so, dass darin ein universelles Element wohnt. So war der Philosoph Fichte davon überzeugt, den ganzen Weltinhalt aus seinem Ich heraus bilden zu können. Hinzu kommt die Insellage der britischen Nation, was sie geografisch zur Beobachterin Europas macht. Auch fügt sich hier Winston Churchills Bemerkung ein: «Beim Denken wird der Kopf des Engländers kühl, der des Festland-Europäers heiß.» Für einen Engländer bedeutet es noch mehr als für einen Schotten eine Anstrengung, den Ärmelkanal zu überwinden, und in Fachbüchern kommt es vor, dass die Ansicht eines deutschen Fachmanns als «alien to English modes of thought» (englischen Denkgewohnheiten fremd) abgewertet wird. Vieles davon gilt auch für die USA, und mit gutem Grund wird das Band zwischen diesen Ländern als ‹special relationship› bezeichnet, obgleich für englische Ohren das Amerikanisch als unkultiviert klingt und für amerikanische Ohren das Englisch als affektiert.

Gleichwohl: England und Festland-Europa haben eine gemeinsame Geschichte, die bis in die Antike zurückreicht. Zwar trennt der Ärmelkanal Britannien vom Festland, doch haben Geologen festgestellt, dass dies nicht immer der Fall war. Erst nach der letzten Eiszeit hat sich Britannien vom Mutterland getrennt. Sind die Insel und das Festland nicht aufeinander angewiesen? Ergänzen sich britischer Humor und deutsche Gründlichkeit nicht aufs Schönste? Eine freie Individualität, zu deren Ausbildung Europa berufen ist, muss beides in sich vereinigen können: Abstand zu den Dingen und Eintauchen in die Dinge. Überträgt man es auf das Geistige, so gelangt man zu Rudolf Steiners Schlusssatz des zweiten Nachtrags der ‹Philosophie der Freiheit›: «Man muss sich der Idee erlebend gegenüberstellen können; sonst gerät man unter ihre Knechtschaft.» Damit entstünde über den Ärmelkanal eine geistige Brücke.


(1) Rede von Joachim Gauck, 22. Februar 2013, ‹Europa: Vertrauen erneuern – Verbindlichkeit stärken›

Foto: Vor 20 000 Jahren war der Meeresspiegel 150 m tiefer – und Großbritannien mit dem Festland verbunden. Wo heute die Nordsee ist, war damals das sogenannte Doggerland. Der Rhein floss vermutlich in die Themse. Wohl erst vor 7000 Jahren löste sich die letzte Landverbindung.

Auf der Frankfurter Buchmesse

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