Sprechendes Zuhören

Sprechendes Zuhören

Gute Vorsätze zum Jahresbeginn sind bekannt. Mehr auf mich selbst zu hören, ist ein rasch gefasstes Vorhaben, um Sinn suchend und Sinn ersinnend dem Zukünftigen entgegenzugehen. Das Zukünftige, lässt es sich erlauschen? Verschließt es sich noch dem Auge, ist hörend aber schon zu vernehmen? Wie ereignet sich ein Zuhören in die Zukunft hinein? 


Hören beginnt, wenn augenscheinlich nichts ist und dennoch in einer keimhaften Empfindung alles erlebbar ist. Momente, in denen nichts Gewachsenes, Entwickeltes und Erkanntes zu vernehmen und zu greifen sind. Momente, wo das Auge noch nicht reagiert, keinerlei Aktivie­rung erfährt, und dennoch das wahrnehmende Selbst in seiner Gespanntheit ahnend weiß, dass etwas Zukunft Kündendes erfahrbar werden kann. Momente aus dem Vorgeburtlichen der Sinneserfahrung – da beginnt Hören.

Darin liegt eine erste Hürde, denn gegenwärtig beginnt das Hören oft erst, wenn der akustische Reiz erfolgt ist, das Ohr aufhört. Aufhört, wegzu­hören, über die alltägliche Kulisse der Kakofonie von Geräuschen, Sprache, instrumentalen Klän­ gen und maschinellen Äußerungen sich aktiv hinwegsetzt. Es muss im gegenwärtigen Leben ein Widerstand durchbrochen werden, wie es Nelly Sachs in ihrem Gedicht mit gleichnamigem Titel beschreibt: «wenn die Propheten einbrä­ chen durch Türen der Nacht». Die Propheten ersuchen «ein Ohr wie eine Heimat»: Für das Hören muss gekämpft werden.

Dabei liegt dem Ohr, das bereits in seiner Phy­siognomie eine aufnehmende, empfangende Geste ausdrückt, das Kämpfen so fern. Kann es überhaupt kämpfen, was sind seine Waffen, um sich Gehör zu verschaffen?

Hörend erlebe ich keine Distanz zwischen mir und dem Klingenden, hörend kann ich nicht aus der Ferne beobachtend sein. Hören fordert einen Modus der Innerlichkeit, der durch das Im­-Klang­-Sein sich erfüllt: «Das Ohr kennt kein Gegenüber.»1 Räumlichkeit teilt sich beispiels­weise aus meiner Perspektive des Im­-(Klang­-) Raum­-Seins so weit mit, dass ich zusätzlich zur auch visuell zu gewinnenden Information über die Größe des physischen Raumes hörend auch Wahrnehmungen über das den Raum auskleidende Material erfasse: Ein mit Holz verkleideter Raum klingt anders als ein Por­ zellanzimmer. Hörend können wir im Modus der Innerlichkeit bis in das Innere der Dinge selbst eindringen2, was beispielsweise jeder Mediziner von Palpationsuntersuchungen weiß.

Die Innerlichkeit schafft rezipierend einen verbindenden Innenraum mit dem Klanger­eignis, einen Klang­-Binnenraum, und trägt das Potenzial, diese Innerlichkeit auf den physi­schen Umraum auszuweiten: Klangraum und Hörraum fallen zusammen.

Ist diese Innerlichkeit auch innersubjektiv erleb­bar? Wo erfährt sich das hörende Selbst in dieser peripheren Umraumerfahrung?

«Hörend sind wir nie völlig hier, hörend sind wir nie ganz und gar bei uns selbst»3, konstatiert der Philosoph Bernhard Waldenfels und wirft darin eine nächste Rätselfigur auf. Hören, eine physisch angeschlossene Sinnestätigkeit, bei der wir nie ganz und gar bei uns selbst sind?

Sobald ich hörend von mir selbst absehe, meine Hörgewohnheiten verlasse, bin ich innerlich in einer seelisch aufgespannten Haltung: man spricht so sinnbildlich davon, die «Ohren zu spitzen». Was in der Tierwelt durch das Aus­ richten der Ohrmuscheln von manchen Säu­ getieren möglich ist, ist beim Menschen eine seelische Aktivität: Meine Ohren kann nur ich selbst aufspannen.

«Ein offenes Ohr haben, lauschen, das ist also immer gespannt sein zu oder in einem Zustand zum Selbst»4, nicht das eigene Selbst, nicht das Selbst des anderen, sondern das Selbst als solches, das Wesenhafte, Überpersönliche. 

Innerhalb dieser sich aus der alten Form her­ ausbrechenden evolutionären Geste des inne­ren Aufgespannt­-Seins muss die Bewegung der Involution, das Selbst, das zu sich selbst kommen kann, enthalten sein, sonst verliere ich mich in der unendlichen Weite des seelisch aufgespannten Zuhörens.

Jede Erwartung, jede Stille will zur rechten Zeit erfüllt werden von einem ersten Schrei. Eine nährende Stille, ein tragfähiges inneres Auf­gespannt­-Sein gebiert dann den Ur­-Schrei, die Genese eines neuen Klangs in der Welt. Aus Sanftheit, Umhülltheit, geschütztem Umraum erkraftet tiefe, wesenhafte Substanz, die sich jeglicher kämpferischen Eigenschaften entzieht.

Aus der übenden Sensibilität für die eigene hörende Sinnestätigkeit heraus will das Zuhören sprechend werden, ein Eingangstor zur Erkennt­nis der höheren Welten: «Nur wer durch selbst­loses Zuhören es dahin bringt, dass er wirklich von innen aufnehmen kann, still, ohne Regung einer persönlichen Meinung oder eines per­sönlichen Gefühls, zu dem können die höheren Wesenheiten sprechen.»5


1 Peter Sloterdijk: Wo sind wir, wenn wir Musik hören? In: Peter Sloterdijk, Weltfremdheit, Frankfurt/Main 1993,S.296 2Vgl.Rudolf Steiner: Anthroposophie. Die Sinne des Men­ schen. In: Rudolf Steiner, Zur Sinneslehre, Stu gart2004,S.74 3BernhardWaldenfels: Sinne und Künste im Wechselspiel, Berlin 2010, S. 168 4 Jean­Luc Nancy: Zum Gehör, Zürich/Berlin 2014, S. 20 5 Rudolf Steiner: Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?, Dornach 1972, S. 52 

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