Ein zartes Pflänzchen und ein brennender Kampfjet

Ein zartes Pflänzchen und ein brennender Kampfjet

Am 10. Februar stürzte ein Kampfjet neben dem anthroposophisch inspirierten Kibbuz Harduf in Galiläa ab. Die friedvollen interkulturellen Feierlichkeiten zum Frühlingsfest Tu Bi­schwat wurden vom Kriegslärm begleitet, mit weitreichendem geopolitischem Hintergrund.


TubiShvat, das Neujahrsfest der Bäume, ist ein jüdisches Frühlingsfest, das auch von säkularen Umweltschützern und Naturfreunden in Israel gern gefeiert wird. Nicht unbedingt genau an diesem Tag, der ursprünglich bestimmte, wann das landwirtschaftliche Jahr beginnt, aber irgendwann danach, an einem Sabbat vielleicht, werden gern ‹Pflanzfeste› gefeiert, an denen die Menschen ihre Verbindung zum Jahreslauf und zur Natur zeigen, indem sie Bäume pflanzen. «Und wüsste ich, dass morgen die Welt untergeht, ich pflanzte noch einen Apfelbaum …» Die Weisheit dieses Martin Luther zugeschriebenen Wortes wurde am 10. Februar in der interkulturellen Begegnungsstätte Sha’ar laAdam – Bab l’il Insan in der Nähe des anthroposophisch inspirierten Kibbuz Harduf in Galiläa mit besonderer Aktualität erfüllt:

Wie jedes Jahr wollte man Bäume pflanzen und hatte dazu Freunde aus den beduinisch-palästinensischen und jüdischen Orten der Umgebung eingeladen, aus den sozialtherapeutischen und künstlerischen Initiativen, den Freiwilligenprojekten, der neuen Initiative für biologisch-dynamische Landwirtschaft in der Begegnungsstätte. Einige Stunden bevor es losgehen sollte, in der Morgendämmerung, geschah dann aber etwas, das die Menschen aus dem Schlaf riss und einen seltsamen Kontrast bildete zu dem friedlichen Fest.

Ein Düsenjet kreischte über Harduf und den Beduinendörfern der Nachbarschaft, ungewöhnlich niedrig und begleitet von mehrfachen Explosionen, bis der Flug mit einem Knall in der Nähe endete. Es wurde wieder still.

Ein Düsenjet kreischte über Harduf und den Beduinendörfern der Nachbarschaft, ungewöhnlich niedrig und begleitet von mehrfachen Explosionen, bis der Flug mit einem Knall irgendwo in der Nähe endete. Es wurde wieder still. Viele Menschen waren aufgewacht und viele suchten die Absturzstelle. Sie fanden das Wrack direkt vor dem Ortseingang, an der Zufahrtsstraße, wenige hundert Meter vor dem markanten Gebäude der Oberstufe der Waldorfschule, glücklicherweise gerade noch auf freiem Feld. Dort brannte das Flugzeug aus. Zuerst wusste niemand, was mit den beiden Piloten geschehen war, sodass durchaus Sorge um Menschenleben mitschwang, aber bald stellte sich heraus, dass sie etwa fünf Kilometer vor der Absturzstelle ihre Schleudersitze betätigt und den Absturz, wenn auch verletzt, überlebt hatten.

Tatsächlich war es kein Unfall, was da geschehen war. In der Nacht war eine iranische Drohne von syrischem Gebiet aus in israelisches Territorium eingedrungen, was angesichts der Drohungen der iranischen Regierung gegen Israel als Bedrohung erschien. Der Kampfjet der israelischen Luftwaffe hatte die Bodenstation der Drohne in Syrien zerstört und war auf dem Rückweg von der syrischen Armee abgeschossen worden. Es folgte eine weitere Vergeltungsaktion Israels, und die Spirale der Gewalt drehte sich munter weiter, bis die hohe Diplomatie, die kein wirkliches Interesse an einer Verwicklung Israels in die ohnehin komplizierten Verhältnisse im syrischen Bürgerkrieg hat, über Jerusalem und Moskau das Scharmützel beendete …

Inzwischen war der Absturzort von Polizei und Militär gesichert. Zahlreiche Journalisten fanden sich ein, und die Bilder, die um die Welt gingen, zeigten den verbrennenden (oder später den verbrannten) Jet vor der Kulisse der Waldorfschule, der Turnhalle, des Kuhstalls von Harduf, was merkwürdig anmutete für anthroposophische Freunde in aller Welt, die diese Gebäude in anderen Zusammenhängen auf Reisen erlebt hatten. Harduf in den Nachrichten! Ein bizarres Bild!

Einige Hundert Meter weiter wurden inzwischen in aller Ruhe die vorbereiteten Bäume gepflanzt – Mandelbäumchen, Granatapfelbäume, Ölbäume … rund um den Steinkreis im Zentrum der Begegnungsstätte. Es wurde gesungen und gesprochen, vor allem natürlich auch von dem Ereignis des Morgens. War das alles nur ein Zufall?

Was für ein Kontrast: Da war die große weite Welt eingebrochen, ein Jet amerikanischer Bauart, Syrien, Iran, Russland, Spannungen, Krieg, Intrigen … und dann die Menschen vor Ort, jüdische und palästinensisch-arabische Anwohner der Umgebung, ausländische Freiwillige aus Europa und Amerika, bemüht um ein menschliches Miteinander und einen menschenwürdigen Umgang mit der Natur. Einerseits dieses Produkt modernster Technologie, Millionen von Dollar teuer. Andererseits die Bäumchen, die keinen Preis haben, und die aus kleinen Spenden errichteten bescheidenen Anfänge der Begegnungsarbeit, vor allem das Fundament des ‹Andachtshauses für alle Religionen und Kulturen›, das langsam, aber sicher dort entsteht. In der Summe wird es nur den Bruchteil von einem Jet kosten … und doch ist es so schwer, die Mittel für ein Haus zu sammeln, das nur dem Geistesleben dienen soll!

Harduf ist zumindest in der israelischen Öffentlichkeit in den Brennpunkt gerückt – man kennt den Ort, an dem Menschen anthroposophische Initiativen leben. Im Kontrast zu den kriegerischen Ereignissen fällt auf diese Bemühungen ein besonderes Licht, wenn auch nur für einen Augenblick. In der Begegnungsstätte selbst wurde Verantwortung vor der Welt spürbar. – Was bleibt von diesem Tag? Das Wrack eines Flugzeugs – oder die Zukunft der gepflanzten Bäume?