Dort, wo ich wachsen kann

Dort, wo ich wachsen kann

Aus der Ordensregel: «Zu Benedikts Vorschriften gehörte die Forderung nach Stille, auch während des Lesens. Jeder Mönch sollte mindestens 20 Stunden in der Woche allein für sich lesen. Die Schweigsamkeit war neu und schwierig […]. Ältere Mönche überwachten in den Benediktinerklöstern die Lesestunden und achteten darauf, dass niemand murmelte. […] Wir müssen bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts vergeblich suchen, um eine Zeit vorzufinden, in der das leise Lesen die Norm war.»*


Lautes Lesen als äußeres Sprechen wurde zum lauten Lesen in der Seele selbst. Doch das ist nicht das Einzige, was vom individuellen Innenleben in den letzten Jahrhunderten erobert wurde. Man denke nur an das politische Zusammenleben, das auf der individuellen, inneren Zustimmung zum Gesetz beruht, oder an die Wissenschaft, die schlussendlich doch auf die individuelle Erfahrung gründet. Wir sind Individuen geworden, weil unsere Wirklichkeit sich immer mehr in unserem Inneren gegründet hat. Aber neben seiner eigenen hat der Mensch auch eine äußere, abstrakte Innenwelt entwickelt − die virtuelle Welt. Diese verspricht viel: Weisheit und Macht, glatte menschliche Beziehungen. Durch den Kontrast mit dieser virtuellen Welt verstehe ich das Besondere meiner Innenwelt neu: Ist sie nicht der einzige Ort, wo ich wirklich wachsen kann, wo ich dem anderen begegnen kann? Da bin ich weder mächtig noch allwissend, da muss ich jedes Mal von null anfangen, aber da kann ich ich selbst werden.


*Peter Normann Waage, Ich. Eine Kulturgeschichte des Individuums, Freies Geistesleben 2014. S. 167 f.

Bild: Hilma af Klint, ‹Utåt›, aus der ‹Parsifal›-Serie, 1916, Hilma af Klint Foundation

Print Friendly and PDF
Erster Schrei

Erster Schrei

Scharfsinnig

Scharfsinnig