Wir wachsen nach innen

Wir wachsen nach innen

«Jeder Mensch weiß im Innersten, dass er zu Liebe und Mitleid berufen ist», schreibt Friedwart Husemann in seinem Artikel. Wie kann er, wenn es doch im Innersten, also dem Verborgensten geschieht, sich dessen gewiss sein?


Oder empathisch gefragt, wie kann man selbst sich dessen gewiss werden? Ein Weg ist es, zu verfolgen, wie sich das Mitleid, die Kraft des Mitempfindens in uns bildet oder besser in uns erwacht. Im Kapitel ‹Homo empathicus – Menschwerdung› zeichnet Jeremy Rifkin in seinem Buch ‹Die empathische Zivilisation› diesen Weg vom Vorschulalter bis zur Jugendreife in sieben Schritten. Das Mitgefühl erwache interessanterweise, wenn Kinder sich im Spiegel mit vielleicht drei Jahren selbst erkennen. Mit sieben lernen Kinder, dass es für Freundschaften wichtig ist, Versprechen einzuhalten. Mit acht oder neun Jahren kommen die ‹mildernden Umstände› bei der Beurteilung eines Mitmenschen ins Spiel. Mit zwölf Jahren beginnen wir widersprüchliche Gefühle zu erkennen – dass man sich für den Bruder mit Behinderung schämt und ihn zugleich liebt, so das Beispiel von Rifkin.

Mit vielleicht 13 Jahren vermögen wir vielschichtiger mitzuempfinden. Kinder spüren, ob in einer Niedergeschlagenheit mehr liegt als nur der aktuelle Anlass. Dann wird es möglich, sich in einen anderen hineinzuversetzen und dessen Leid zu fühlen, auch wenn er selbst sich dessen nicht bewusst ist. Die höchste Stufe der empathischen Entwicklung – Rifkin ordnet sie in das 17. Lebensjahr – ist erreicht, wenn man sich in eine Gruppe, eine Lebensform hineinversetzen kann. Wie mag man sich als Geflüchteter, als Mensch mit einer bestimmten sexuellen Neigung fühlen?

Ernst-Michael Kranich betont in seinem Buch ‹Der innere Mensch und sein Leib›, dass wir nicht nach oben, sondern nach unten, auf den Boden wachsen. Wir wachsen außerdem, auch davon ist in seinem Buch die Rede, nach innen. Mitgefühl liegt also in der menschlichen Natur.

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